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Michendorf Die letzten Nonnen von Michendorf
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf Die letzten Nonnen von Michendorf
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00:21 04.03.2019
Die Dominikaner-Schwestern beim gemeinsamen Mittagsmahl in ihrem Haus auf dem Wolkenberg. Zum Essen gehört bei ihnen neben dem Gebet auch eine Lesung.
Die Dominikaner-Schwestern beim gemeinsamen Mittagsmahl in ihrem Haus auf dem Wolkenberg. Zum Essen gehört bei ihnen neben dem Gebet auch eine Lesung. Quelle: Jens Steglich
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Michendorf

Sie wollen eigentlich nicht darüber nachdenken, wie es sein wird – am letzten Tag in Michendorf. Jetzt jedenfalls noch nicht, weil der Gedanke daran „einem die Luft wegnimmt“, sagt Schwester Ute. Man wird keine Klagen hören, aber es wird traurig sein, Tränen werden fließen . . .

Auf dem Wolkenberg in Michendorf geht leise eine Ära zu Ende. Die Dominikaner-Schwestern verlassen den Ort für immer. Sie sind die letzten Nonnen von Michendorf, keine wird ihnen nachfolgen. Das Sankt-Norbert-Haus auf dem Wolkenberg, eine Behinderteneinrichtung, braucht das Gebäude, in dem die Dominikaner-Schwestern noch leben. In ihrem Domizil ist es auch mühsam geworden, der Gang die Treppen hoch zur kleinen Kapelle im Obergeschoss fällt inzwischen schwer. Trotzdem: Eigentlich wollen sie den Wolkenberg in Michendorf nicht verlassen, der seit 1943 eine Heimstatt für Dominikaner-Nonnen ist.

Die sechs Schwestern konnten Wünsche äußern, wohin sie ihr Lebensweg verschlagen soll. Vier Schwestern gehen ins Mutterhaus nach Koblenz, eine Schwester nach Oberhausen, eine nach Berlin-Schöneberg in ein Pflegeheim. Bereits im Sommer verlassen Schwester Ute und Schwester Melania Michendorf, ihre Mitschwestern Elisabeth, Liboria, Theresita und Waltrudis nehmen 2020 Abschied, „wenn wir fertig sind mit Aufräumen“.

Bis 1997 Behinderte betreut

Die meisten von ihnen verbrachten mehr als ihr halbes Leben hier, wohnten und wirkten auf dem Wolkenberg 50 Jahre und länger. Sie haben Spuren hinterlassen – vor allem bei Menschen, um die sie sich lange gekümmert haben. Die Dankbarkeit spüren sie regelmäßig, wenn Bekannte, ehemalige Mitarbeiter oder Schützlinge aus alten Zeiten Obst, Gemüse oder Kartoffeln vorbeibringen. Bis 1997 betreuten die Dominikaner-Schwestern Menschen mit Behinderung, bevor das Norbert-Haus mit dem Deutschen Orden einen neuen Träger bekam.

„Es ist eher so, als wenn die Behinderten uns beschenkt hätten“, sagt Schwester Waltrudis. Gefreut haben sich die Schwestern, wenn ein Schützling es plötzlich allein schaffte, sich die Schuhe zuzubinden. Oder wenn ein mehrfach Schwerstbehinderter, der erst nur Breikost zu sich nahm, Brot essen konnte. Einige Kontakte sind nie abgebrochen. „Da sind Bindungen entstanden. Die Behinderten verlieren nicht nur uns, wir verlieren auch sie“, sagt Schwester Ute.

Auch wenn sie nicht an den Tag des Abschieds denken wollen, wissen die Schwestern schon, was sie sich aus alten Zeiten erzählen werden, falls sie sich eines Tages wiederbegegnen. „Wir werden sagen: Wisst ihr noch, wie schön es in Michendorf war“, sagt Schwester Waltrudis. Und sie werden sich fragen: „Ob die Nachtigall noch singen wird?“ Früher sangen fünf Nachtigallen auf dem Wolkenberg, „jetzt ist es noch eine“. Auch Esel gab es im Leben der Schwestern. Ein Pfarrer schenkte ihnen einen Wildesel. Er war zum Reiten für Norberthaus-Bewohner bestimmt. „Aber der Esel war viel zu wild.“ Vom Tierpark Berlin bekamen sie dann eine ruhigere Eselsdame geschenkt. „Sie hieß Anita und starb zu Silvester.“

Im Alltag der Schwestern gibt es feste Tisch- und Gebetszeiten, Frühstück, Mittag und Abendbrot nehmen sie gemeinsam ein. Sie sprechen dann über Gott und die Welt und sie lesen sich aus Büchern vor. Morgens ist es geistliche Lektüre, mittags und abends sind es Romane und Biografien. Manchmal trinken sie nachmittags Kaffee, „meistens ohne Essig“, sagt Schwester Liboria. Die Anspielung erklärt sie so: Schwester Theresita reinigte den Wasserkocher mit Essig, ließ alles über Nacht stehen und hatte am Morgen vergessen, den Essig auszukippen. Erste Reaktion der Kaffeetrinkerinnen: „Die Milch ist sauer.“

Fußball und Krimis am Abend

Die Nonnen von Michendorf sind bereits dabei, Dinge zu verschenken, die sie nicht mitnehmen können. Sie haben auch einen Fernseher zu vergeben, den sie in letzter Zeit sowieso schonten. Es gab Zeiten, da schauten sich die Schwestern nach dem Tagwerk Fußball oder Derrick, die Krimi-Serie, an. Oder Tour de France. „Schwester Melania ging bei den Zielankünften immer raus. Das Gerangel war ihr zu groß.“ Die Schwestern hörten auf, Tour de France zu gucken, als herauskam, dass die Rad-Idole gedopt hatten.

Ihr Lebenssinn hat die Schwestern immer verbunden: „Wir wollen für Gott da sein und für die Menschen“, sagt Schwester Ute. Wie sie zu Gott gefunden hat, erklärte der Michendorfer Egbert Lipowski einmal mit einer Geschichte, die er erlebt hat. Der Gedichte- und Geschichtenschreiber war zu einer Lesung eingeladen. „Eine junge Frau saß dort einfach nur da und lächelte“, erzählt Lipowski, der damals dachte: „Das Lächeln ist viel schöner als meine Gedichte.“ Das lächelnde Mädchen ist seine Frau geworden.

So ähnlich war es mit Schwester Ute und Gott, sagt er. Sie spricht von „Gottes Lächeln“, das sie zu einer Ordensschwester machte, die in Michendorf später einen Gesprächskreis ins Leben rief, bei dem Katholiken, Protestanten und Atheisten über Gott und die Welt reden und manchmal auch über die Olsenbande. Egbert Lipowski ist regelmäßig dabei. Er hat Schwester Ute einmal gefragt: „Wie stellen Sie sich den Himmel vor?“ Sie antwortete: „Ich kann mir vorstellen, dass es ein Ort ist, an dem ich meine Liebsten wiedertreffe.“

Die ersten Dominikaner-Schwestern kamen 1943 nach Michendorf

Der Dominikaner-Orden gehört zur römisch-katholischen Kirche, gegründet im 13. Jahrhundert vom heiligen Domenikus.

Die ersten Dominikaner-Schwestern kamen 1943 nach Michendorf. Das Haus auf dem Wolkenberg hatte der Dominikaner-Orden 1941 erworben.

Mit dem Eintritt in den Orden haben die Schwestern ihren bürgerlichen Namen abgelegt. Sie tragen jetzt die Namen von Heiligen.

Früher haben die Schwestern von ihrer Arbeit gelebt, heute stockt der Orden ihre kleine Rente auf.

Von Jens Steglich