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Michendorf Wann ist der Mann ein Mann? Ein Männercoach aus der Mittelmark gibt Antworten
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15:10 01.08.2019
Stefan Beier in seiner Praxis in Fresdorf. Quelle: Jens Steglich
Fresdorf

Stefan Beier hat die Agentur für Männer mit Sitz in Berlin gegründet und als Männercoach und Paartherapeut jetzt eine Praxis in Fresdorf eröffnet.

Herbert Grönemeyer hat in einem seiner berühmtesten Songs schon in den 1980er Jahren gefragt: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Herr Beier, was meinen Sie: Wann ist ein Mann ein Mann?

Stefan Beier: Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten. Ich bin gegenüber allen Leuten skeptisch, die glauben, dass es auf diese Frage eine einfache Antwort gibt. Jede eindimensionale Festlegung sieht nicht den Menschen dahinter. Althergebrachte Bilder vom Mann sind eines der Grundprobleme, mit denen Männer zu kämpfen haben.

Männer sind also nicht einfacher gestrickt als Frauen?

Natürlich nicht. In den 1970er Jahren haben Männer schon gesagt: Das ist eine Männer-Rolle, die ich nicht spielen will. Mir geht es als Männercoach darum, den einzelnen Mann zu sehen wie er ist, ihn in der Entwicklung zu unterstützen, die er will, die in ihm angelegt ist und die ihn ein gelungenes Leben leben lässt. Das kann bei dem einen heißen, dass er ein Haudrauf mit viel Energie ist. Es kann genauso gut sein, dass er ein sensibler, einfühlsamer Mann ist, der den Vögeln im Wald lauscht. Das eine ist nicht weniger männlich als das andere.

„Männern wird oft nahe gelegt, für andere zu sorgen“

Was haben Männer heute so für Probleme, womit kommen sie nicht klar?

Was ich bei vielen Männern wahrnehme: Dass sie sich manchmal schwer tun, einen tieferen inneren Kontakt zu sich selbst zu finden, weil sie es nicht gelernt haben. Dass sie unabhängig davon, was das Umfeld sagt, bei sich innen spüren: So geht es mir, das ist mein Interesse, das tut mir gut und das nicht. Über unsere moderne Gesellschaft wird gern behauptet, es sei eine männerdominierte Welt. Dabei sieht es in den konkreten Lebenswelten mitunter anders aus: Männern wird nahegelegt, für andere zu sorgen, sich etwa für die Familie und für den Arbeitgeber einzusetzen. Ein starker Fokus auf das Außen erschwert die Beziehung zu sich selbst. Ein Beispiel ist die Paarberatung, zu der manche Männer hingehen, weil es ihre Frauen wollen, und dann übervorsichtig sind, nichts „falsches“ zu sagen und sehr darauf achten, wie die Frau reagiert. Einige der Männer machen im Einzelcoaching bei mir weiter und entdecken, was ihnen wirklich im Leben fehlt. Ein Mann zum Beispiel hat nach dem Coaching bei mir sein Arbeitsleben grundlegend verändert.

Männercoach und Paarberater

Stefan Beier ist Männercoach, Körper- und Bewegungstherapeut und Paarberater.

Er ist Autor und Mitherausgeber des ersten deutschen Buches über Kritische Männerforschung (1996).

In Berlin hat er die Agentur für Männer gegründet. Seit zehn Jahren lebt er in Fresdorf und hat dort in der Fresdorfer Bergstraße 28 eine Praxis eröffnet.

Stefan Beier ist auch Bildungsreferent Männergesundheit der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V.

Wer sich über seine Arbeit informieren will, kann das auch bei einem Erlebnistag für Gesundheit und Bewusstsein am 31. August in Potsdam tun. Der Erlebnistag findet an dem Samstag von 11 bis 19 Uhr im Therapiezentrum (Etage 3) in der Zeppelinstraße 47a statt.

Mehr Informationen unter www.agentur-fuer-maenner.de

Ein Problem ist doch, dass Männer, die sich wie eine ausgequetschte Zitrone fühlen, es nicht zugeben können, weil sie ja Männer sind und Stärke zeigen müssen.

Vielen Männern fällt es schwer, sich aktiv Hilfe zu suchen und Vertrauen zu fassen, dass da jemand ist, der mit ihnen in ihre Gefühlswelten einsteigt. Man schüttet ja sein Herz aus. Einige Männer warten zu lange, bevor sie reagieren. Das kenne ich selbst von mir. Ich war mit Kollegen in Graz unterwegs, hatte Rückenschmerzen und einen schweren Rucksack auf dem Rücken. Sie glauben nicht, wie schwer es mir gefallen ist zu fragen: Trägst Du für mich den Rucksack? Aber wenn die Männer dann den Schritt getan haben, erlebe ich ein große Offenheit und Bereitschaft.

Was rät ein Männertherapeut, wenn man(n) sich wie eine ausgequetschte Zitrone fühlt?

Wichtig ist die Botschaft, dass ein Mann, der anfängt sich um sich selbst zu kümmern, kein bisschen weniger männlich ist. Wenn einer das Gefühl hat, er kann nicht mehr, würde ich gucken, was das ist, was ihn am meisten Energie entzieht. Es muss nicht immer die Arbeit sein. Es gibt hier keine allgemeine Antwort für alle. Es geht letztlich darum, herauszufinden, was quetscht mich aus und wie kann ich die eigenen Ressourcen stärken.

Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt gerade bei Männern zu

Man hat das Gefühl, das Effizienzdenken aus der Ökonomie dringt immer mehr auch in andere Lebensbereiche ein und beschleunigt alles. Ist das moderne Lebenstempo die richtige Geschwindigkeit, um gesund und glücklich zu sein?

Die Anzahl der psychischen Erkrankungen nimmt jedenfalls zu – gerade bei Männern. Krankmachende Situationen nehmen zu, wenn Menschen Zeit- und Leistungsdruck haben und zugleich wenig Spielraum, selbst zu entscheiden. Wenn ich es nicht selbst in der Hand habe, wie ich mich in diesen Drucksituationen bewege, dann kann das krank machen. Die Politik scheint vom rasanten Tempo überfordert, mit dem sich die Ökonomie entwickelt. Humane und soziale Standards werden brüchig. Letztlich kann man Menschen, die Lebensqualität behalten wollen, nur sagen: Ihr müsst auch selbst etwas tun, statt euch vor die Glotze zu setzen und Dschungelcamp zu gucken. Das bringt euch nur weg von euch selbst.

In modernen Arbeitsprozessen spielt der Körper keine große Rolle mehr, dafür wird der Kopf ziemlich stark beansprucht. Fehlt dem Menschen damit etwas zum Wohlbefinden?

Ich bin überzeugt, dass der Körper eine nicht zu unterschätzende Ressource ist, die in der digitalen Welt vernachlässigt wird. Die sozialen Medien werden ja auch als a-soziale Medien bezeichnet, weil sie nicht den direkten, körperbezogenen Kontakt fördern. Es geht darum, den Körper zu spüren und sich letztlich in seiner Haut wohl zu fühlen. Ich beziehe in meiner Arbeit als Coach den Körper immer mit ein, weil er uns viel erzählt.

„Es gibt kein Jäger-Gen“

Wie kommt es eigentlich in einem Dorf an, Männertherapeut zu sein? Wird man da ein bisschen angeguckt wie der Mann vom anderen Stern?

Ich lebe schon zehn Jahre in Fresdorf, viele im Dorf kennen mich. Das Männercoaching, das ich auch in Berlin anbiete, ist in Fresdorf freilich noch ganz frisch. Ich werde schon gefragt, was ich da mache. Ich habe aber nicht das Gefühl, misstrauisch beäugt zu werden. Es ist auch nicht mehr so, als wären „Landeier“ zurückgeblieben. Das Klischee kann ich nicht unterschreiben. In Berlin gibt es genauso viele, die mit solchen Themen nichts anfangen können.

Wie reagieren Männer auf Ihr Angebot, in deren Hirnrinde noch Programme aus der Steinzeit ablaufen?

Kein Mensch wird eins zu eins vom Steinzeit-Programm bestimmt. Es gibt auch kein Jäger-Gen. Es gibt geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Das aber an den Genen festzumachen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Das heißt nicht, dass es nicht auch Spaß machen kann, zu jagen und seine Kraft zu zeigen. Wenn es einer liebt und es geht ihm gut dabei, bin ich der letzte, der es ihm streitig macht. Nur wenn er seinem Umfeld damit Schaden zufügt, ist dagegen etwas einzuwenden.

Ein Coach versucht hinter die Fassaden zu schauen, um die Ursachen von Problemen zu erkennen. Wonach sucht er dort?

Viele Menschen bleiben hinter ihren Potenzialen zurück, weil sie Muster entwickelt haben und daran festhalten. Gegenstand guten Coachings ist es auch, solche Muster zu identifizieren und zu schauen, ob es sie wirklich noch braucht. Verhaltensmuster, die man sich in frühen Jahren angeeignet hat, weil sie damals nützlich waren, können später das Leben behindern. Diese Muster und die verschütteten Gefühlswelten, die Veränderungen blockieren, zu erkennen, ist schon die halbe Miete.

„Setzen Sie sich auf eine Wiese oder laufen Sie eine Runde im Wald“

Wie sieht eine Therapiestunde bei Ihnen aus?

Es fängt im Grunde so an, dass der Mann zu mir kommt und erzählt, was sein Anliegen ist. Ich erzähle etwas von mir, wo ich herkomme und wie ich arbeite. Und dann schauen wir uns gemeinsam sein Anliegen an. Ich schlage ihm einen Weg vor, den ich für sinnvoll halte. Dann schaue ich, ob es ihm passt und wir arbeiten daran. Wenn wir das Thema inhaltlich besprechen, gebe ich Rückmeldungen über Dinge, die mir auffallen. Mir ist auch wichtig, nach jeder Stunde zu hören, wie es ihm in der Zwischenzeit geht. Manchmal sind es längere Prozesse, die Zeit brauchen. Es kann auch passieren, dass wir über die Felder spazieren und dabei über das Thema sprechen oder uns auf eine Wiese setzen. Für manche ist es toller, draußen zu sein.

Es heißt, die Natur ist der beste Heiler?

Ich empfehle Klienten, die das Coaching noch nicht kennen und nach Fresdorf kommen: Wir sind hier mitten zwischen Feldern und Wäldern, bringen Sie ein bisschen mehr Zeit mit und gehen Sie spazieren, setzen Sie sich auf eine Wiese oder laufen Sie eine Runde im Wald.

Brauchen Therapeuten manchmal selbst therapeutische Hilfe?

Ja, natürlich. Es ist absurd zu glauben, man hätte keine Probleme mehr und keine Muster, weil man diesen Beruf hat. Coaching und Therapien sind kein Hexenwerk. Wir reden von Verhaltensmustern, die irgendwann entstanden sind, die man aber wieder ändern kann. Dafür holt man sich Unterstützung.

„Man muss den Schatz nur heben“

Was machen Frauen besser als Männer, was können Männer von den Frauen lernen?

Im Gesellschaftsbild, das verbreitet ist, pflegen Frauen ihre sozialen Kontakte, spüren mehr in sich hinein und teilen eher als Männer ihre Gefühle mit. Ich würde aber nicht sagen, dass Männer das kopieren sollten. Sie haben oftmals ihre eigene Art, an Dinge heranzugehen und müssen ihren eigenen Weg zu innerer Zufriedenheit finden.

Wie wird man ein zufriedener Mensch?

Das ist definitiv die einfachste Frage, die man stellen kann (lacht). Was glauben Sie denn? Wie man ein zufriedener Mensch wird, kann derjenige nur selbst herausfinden. Er bringt alle Informationen und den Ansatz zur Heilung mit. Man muss den Schatz nur heben. Manchmal braucht man Unterstützung dabei. Es ist unheimlich schön zu sehen, wie sich das Leben der Menschen verändert, die sich auf den Weg machen.

Von Jens Steglich

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