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Michendorf „Michendorf braucht eine faire Debattenkultur“
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf „Michendorf braucht eine faire Debattenkultur“
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20:13 14.05.2019
Reizend: In Michendorf wird viel gebaut. Ein besonderes Projekt ist der „Wohnmichel“, bei dem die Mieter auch die Vermieter sind. Quelle: Privat
Michendorf

Keiner kann sagen, es wäre langweilig gewesen. Im Gegenteil: Die Gemeinde Michendorf erlebte in der zu Ende gehenden Wahlperiode Spannung und Dramatik – und Auseinandersetzungen, die selbst debattenerprobte Gemeindevertreter wohl noch nicht kannten. Wie in einem Krimi wird die Gemeinde Opfer eines Betrugsfalls in der SRS Hausverwaltungs GmbH und verliert 1,4 Millionen Euro. Es beginnt die Zeit der Aufarbeitung und der Fragen: Wie konnte es passieren, dass der Verlust so lange unbemerkt blieb? Ein bisschen später bricht der Streit aus über die Zukunftsfrage, die zu Michendorfs Gretchenfrage wird: Was machen wir nach der Pleite-Erfahrung mit der SRS künftig mit den kommunalen Wohnungen?

Die Kleinmachnower Wohnungsgesellschaft Gewog wird dabei ungewollt zum Reizwort, das die Gemeindevertreter in zwei Lager spaltet und an dem sich zwei Bürgerbegehren abarbeiten. Es ist der Konflikt, der monatelang alles überlagert und zwei ziemlich unversöhnliche Blöcke ausbildet: Auf der einen Seite die Befürworter eines Gewog-Beitritts, die die Chancen betonen, mit einer Wohnungsgesellschaft als Partner neue Möglichkeiten beim Wohnungsbau zu eröffnen. Auf der anderen Seite die Gegner, die verhindern wollten, dass die Kommune ihre eigenen Immobilien in die Gewog einbringt und für kleine Anteile an der Gesellschaft aus dem Grundbuch fliegt.

Der größte Erfolg ging im „Kanonendonner“ fast unter

Es wäre freilich ungerecht, die Arbeit der Gemeindevertreter und des Bürgermeisters in den vergangenen fünf Jahren auf diese Konflikte zu reduzieren. Die Michendorfer Gemeindevertreter gehören zu den fleißigsten und die Tagesordnungen, die sie in Sitzungen bewältigen, oft zu den längsten in der Region. Sie haben es sich also nicht einfach gemacht – in jeder Hinsicht. Und sie haben die Weichen für wichtige Projekte gestellt – etwa für die Erweiterung der Grundschule Michendorf. Acht Millionen Euro will die Gemeinde ausgeben, um mehr Platz für die wachsende Kinderschar und bessere Lernbedingungen für den Nachwuchs zu schaffen. Im „Kanonendonner“ ging auch der größte Erfolg dieser Wahlperiode fast unter: Die Aussichten, dass die Teltomat-Brache im Herzen Michendorfs verschwindet und dort ein neues Ortszentrum entsteht, sind jedenfalls so gut wie nie. Vor fünf Jahren hatte kaum einer mehr daran geglaubt.

Es gab auch große Momente, als die Gemeindevertreter hart in der Sache um Lehren aus dem SRS-Millionen-Verlust rangen und sich bei den Bürgern für die verlorenen 1,4 Millionen Euro entschuldigten. An dem Abend war man klar und genau in der Aussage und zeigte Größe und Demut mit einer Entschuldigung, die nicht allen passte, die aber ein Botschaft hatte: Wir übernehmen unseren Teil der Verantwortung, ohne die Grenzen zwischen Opfer und Täter zu verwischen. Solche Debatten änderten indes nichts am sonst rauen Umgangston und an der Grundstimmung in der Gemeinde, die Georg Christoph Lichtenberg in anderen Zeiten so formulierte: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

„Unausstehlich und reizend zugleich“

Der Wilhelmshorster Historiker Rainer Paetau zitiert beim Blick auf seine Heimatgemeinde lieber Fontane, den Kenner der Mark, der dieses Jahr 200. Geburtstag gefeiert hätte und vor 150 Jahren über die Brandenburger sagte: „Unausstehlich und reizend zugleich.“ Paetaus aktueller Michendorf-Befund: „Wir brauchen eine bessere, faire Debattenkultur, einen respektvollen Umgang miteinander und kein lautstarkes Poltern zur Durchsetzung der eigenen Forderungen.“ Die Gemeindevertreter würden zu viel negative Energie verbrauchen, um den anderen niederzumachen. „Sie tun sich schwer, die Auffassung der jeweils anderen Seite zu ertragen und in ihrer Legitimität zu bedenken“, sagt er und fügt noch hinzu: „Die polarisierenden Debatten stoßen den Bürger ab.“

Reiches Vereinsleben: Die Mühle auf dem Wolkenberg ist ein Heimatmuseum. Quelle: Jens Steglich

Die Gemeinde brauche auch mehr Bürgerbeteiligung, sagt der Historiker. Und was ist reizend an Michendorf? „Wenn man sich die Gemeinde anguckt, können wir zufrieden sein über das, was sich hier in den vergangenen 30 Jahren entwickelt hat“, so Paetau. Hier zu leben sei eine Lust. „Und das Kultur- und Vereinsleben, dass ehrenamtliche Engagement ist eine Wucht“, sagt er und fügt hinzu: „Michendorf kann aber eigentlich noch mehr.“

Das Potenzial besser zu nutzen, wird eine Aufgabe der neuen Gemeindevertretung sein. Kommunen wie Michendorf brauchen den Meinungsstreit, sie brauchen aber auch den Dialog, ein bisschen Humor, Freude am Gestalten und Zusammenhalt, wenn es darauf ankommt. Bewährungsproben stehen schon kurz nach der Wahl an, wenn Michendorf Zuwachs bekommt und bis Ende des Jahres 240 Asylsuchende ins einstige Hotel einziehen.

Von Jens Steglich

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