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Michendorf Die berühmteste Kindergärtnerin in Michendorf
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf Die berühmteste Kindergärtnerin in Michendorf
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12:09 30.07.2019
Wie geht es Tante Ursel heute? „Dem Alter entsprechend ganz ordentlich. Die Beine sind etwas schwerer geworden, der Kopf ist noch klar.“ Quelle: Jens Steglich
Michendorf

Auf dem Weg in die neue Heimat werden sie zwei Mal von der Polizei angehalten. Es ist der 1. Oktober 1960, die Berliner Mauer ist noch nicht gebaut. Wer in der Zeit mit einem Lastwagen voller Möbel von Sachsen in Richtung Berlin fährt, ist verdächtig. Die Polizisten denken: Da will jemand abhauen.

Im Laster sitzt Ursula Hundt, die Möbel auf dem Lkw sind ihre. Sie will nicht abhauen, sie will nach Michendorf – in den evangelischen Kindergarten. Sie wird im Kindergarten wohnen, sie wird ihn leiten und sie wird im neuen Wohnort berühmt. Aber das weiß sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

„Ich globe, die bleibt länger, die bringt Möbel mit“

Die Kindergärtnerin aus Sachsen will eigentlich nicht lange in Michendorf bleiben. Der Ort gefiel ihr nicht auf den ersten Blick, der evangelische Kindergarten mit Plumpsklo auch nicht. Zwei alte Damen, die im Pfarrhaus in Michendorf am Frühstückstisch sitzen und sehen, wie der Laster aus Wurzen eintrifft und die Möbel abgeladen werden, haben an dem 1. Oktober 1960 schon eine andere Vorahnung: „Ich globe, die bleibt länger, die bringt Möbel mit“, sagt die eine zur anderen.

Die beiden Frauen behielten Recht. Ursula Hundt wird den kirchlichen Kindergarten 36 Jahre lang leiten. Aus der kurzen Zeit in Michendorf sind inzwischen fast 60 Jahre geworden. Ihr richtiger Name ist weitgehend unbekannt. Im Ort heißt sie Tante Ursel! Wer Tante Ursel nicht kennt, ist ein Zugezogener. Selbst die Post kommt an, wenn auf dem Brief steht: „An Tante Ursel in Michendorf.“ Ein Patenkind hatte ihr unter der Adresse geschrieben.

Wenn Tante Ursel durch den Ort läuft, winken ihr oft Leute zu

„Manchmal will man etwas und der liebe Gott will es anders“, sagt sie und fügt hinzu: „Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint. Ich werde nicht meckern, wenn ich oben ankomme.“ Mittlerweile fühlt sie sich in Michendorf so geborgen, sagt die 82-Jährige, die am 31. Juli Geburtstag hat. „Aus dem Dorf ist meine liebe Heimat geworden.“ Und die Menschen Kindergarten ihre Familie.

Wenn Tante Ursel durch den Ort läuft, winken ihr oft Leute zu. Kindergartenkinder sind inzwischen selbst Eltern oder Großeltern. Man erzählt sich, wie es einem ergangen ist, und mancher fragt: „Darf ich noch Tante Ursel sagen?“ Klar! „Das ist mein Künstlername“, sagt sie.

„Neulich hat einer zu mir gesagt: ’Weist du noch, ich war früher oft der letzte, weil meine Mutter so spät kam. Du hast mir dann eine Schallplatte aufgelegt’.“ Auf den Schallplatten waren Märchen, erzählt Tante Ursel. Es war keine leichte Zeit, früher, in der DDR, in der es christliche Kindergärten sowieso schwerer hatten. Trotzdem: „Es war schön.“

Anfang der 1960er Jahre: Tante Ursel mit Kindern, die heute im Rentenalter sind. Quelle: Jens Steglich

Früher, das war die Zeit, in der sie fünf Uhr morgens aufstand und im Winter erst einmal Kohlen holte, um im Kindergarten zu heizen. „Die Ofen-Kacheln sollten wenigstens schon lauwarm sein, wenn die Kinder eintreffen.“ In der Zeit haben sie im Kindergarten alles selbst gemacht: eingekauft, gekocht und geheizt. „Arbeit gab es immer“, sagt Tante Ursel, damals „der Häuptling im Kindergarten“, wie sie es ausdrückt.

Der Häuptling im Kindergarten

Ein Häuptling, der etwas zu sagen hat. Die liebevolle Kindergartenleiterin war auch eine Respektsperson, deren Worte Gewicht hatten. Einmal hört sie zufällig ein Gespräch unter Kindern: Ein Mädchen aus der großen Gruppe sagt zu einem Kind, das aus der kleinen Gruppe in die große aufgenommen wird: „Wenn Tante Ursel etwas sagt, dann meint sie es auch so.“

Bis 1996 blieb sie der Häuptling im Kindergarten. In dem Jahr muss ihr eine innere Stimme gesagt haben: 36 Jahre sind genug, es ist Zeit, als Kindergartenleiterin Abschied zu nehmen! „Ich brauchte dann aber etwas Neues zum Aufbauen.“ Sie pachtet in der Schulstraße ein Stück Land und macht daraus einen Garten. Freunde ziehen einen Zaun, eine kleine Laube wird gebaut.

„Da kommt Tante Ursel“

Ihr Garten liegt in Hör- und Sehweite des Kindergartens. „Das Lachen der Kinder ist meine Musik.“ An ihrer Kita kommt sie nicht vorbei, ohne dass ein Kind ruft: „Da kommt Tante Ursel.“ Sie sieht in den Augen der Kinder, aus welcher Familie der Nachwuchs stammt. Manchem Kind kann sie sagen: „Ich hatte schon deine Oma auf dem Schoß.“

1997, kurz nach ihrem Abschied, hatten sich Weggefährten heimlich auf ganz eigene Weise bei ihr bedankt. Sie bekommt einen Anruf und eine Stimme sagt: „Sie wurden für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, was sagen Sie dazu?“ Sie glaubt es nicht, nimmt später die Ehrung aber doch an – unter einer Bedingung: „Ich reise dafür nirgendwohin.“ Am 20. April 1997 überreicht ihr der damalige Landrat Lothar Koch das Bundesverdienstkreuz. Sie muss nicht reisen. Sie erhält die Auszeichnung im evangelischen Kindergarten – dort, wo sie ihre Familie hat.

Von Jens Steglich

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