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Niemegk Niemegk: Projekt macht Tatort für NS-Verbrechen sichtbar
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Niemegk: Projekt macht Tatort für NS-Verbrechen sichtbar

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16:52 26.04.2021
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Niemegk

Das Projekt „überLAGERt“ des Landesjugendrings Brandenburg erforscht die lokale Geschichte ehemaliger KZ-Außenlager. Mit der Hilfe von Jugendgruppen, die sich auf historische Spurensuche begeben, sollen diese Tatorte nationalsozialistischer Verbrechen sichtbar gemacht werden. Der Landesjugendring will damit einen Anlass geben, um hinzuschauen und nachzufragen: Wer waren die Opfer? Welche Lebensgeschichten warten darauf, erzählt zu werden?

„Gemeinsam zeigen wir, dass die nationalsozialistischen Verbrechen bei weitem an mehr Orten als den bekannten Konzentrationslagern stattgefunden haben“, heißt es in der Beschreibung des Projekts. „Wir holen die Erinnerung, das Gedenken und die Mahnung dorthin, wo sie zumeist ,überLAGERt’ sind – auf die lokale Ebene.“

Einen dieser Tatorte haben in dieser Woche auch Annie-May Rex, Koordinatorin für interkulturelle Arbeit für den Verein Belziger Forum, Justine Obieglo, Praktikantin im Bad Belziger Infocafé „Der Winkel“ und Niemegks Bürgermeister Hans-Joachim Linthe markiert. Denn im Niemegker Wald befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Das sogenannte Waldlager wurde im Frühjahr 1945 erbaut. „Mein Vorgänger, Benjamin Stamer, hat dazu bereits geforscht – von ihm stammen diese Fakten“, sagt Annie-May Rex. 

„In diesem Lager lebten KZ-Häftlinge, die Bäume fällen mussten, den Boden planieren oder auch Baracken bauen“, erläutert Annie-May Rex weiter. „Viele von ihnen wurden bei diesen Arbeiten verletzt oder erkrankten.“  40 bis 60 Insassen seien seinerzeit im Waldlager gefangen gehalten worden – darunter Norweger, Holländer, Polen, Tschechen, Russen. Unter ihnen seien auch Homosexuelle sowie Kriminelle gewesen. „Und polnische Kinder, die eingedeutscht werden und später von deutschen Familien adoptiert werden sollten“, berichtet Annie-May Rex aus Stamers Aufzeichnungen.

Auch der kriminell gewordene Arthur Sasse sei in Niemegk inhaftiert gewesen. Er wurde später zum ersten Nachkriegsbürgermeister der Stadt. „Das war eine große Katastrophe“, erinnert sich Niemegks heutiger Bürgermeister Hans-Joachim Linthe. „Bis 1947 herrschte deshalb Chaos in der Stadtverwaltung.“

Wohnbaracken für Geflüchtete

Hans-Joachim Linthe weiß auch noch, dass die Gebäude des Lagers später als Wohnbaracken für Geflüchtete genutzt wurden. „Aber heute ist nichts mehr zu sehen. In unserer Kindheit war das für uns ein Abenteuerspielplatz, mittlerweile ist alles eingeebnet.“ Eigentlich sei geplant gewesen, gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher vor Ort auf Spurensuche zu gehen, um dem Grundgedanken des Projekts gerecht zu werden, sagt Annie-May Rex. Wegen Corona sei daraus bislang nichts geworden. „Aber wir planen das nachzuholen, sobald es wieder möglich ist.“

Hans-Joachim Linthe findet es wichtig, dass die Jugendlichen, die hier wohnen, von der Vergangenheit des Ortes wissen, sagt er. „Denn die Zeitzeugen werden immer weniger.“