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Niemegk Orgelbaustelle konnte besichtigt werden
Lokales Potsdam-Mittelmark Niemegk Orgelbaustelle konnte besichtigt werden
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17:26 15.06.2018
Zum Tag der offenen Orgelbaustelle in der Niemegker St. Johanniskirche hat Rainer Nass interessierte Besucher rumgeführt und mit Infos zum Instrument und den Sanierungsarbeiten versorgt.
Zum Tag der offenen Orgelbaustelle in der Niemegker St. Johanniskirche hat Rainer Nass interessierte Besucher rumgeführt und mit Infos zum Instrument und den Sanierungsarbeiten versorgt. Quelle: Christiane Sommer
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Niemegk

Heide-Marie Grünthal aus Niemegk lächelt. Sie steht auf der Empore der St. Johanniskirche und lauscht den Klängen der Orgel. Erstmals seit Beginn der Restaurierungsarbeiten im vergangenen Herbst ist das Instrument wieder zu hören.

„Sie klingt viel weicher, romantischer“, urteilt Rainer Nass. Der 76-jährige Orgelbauer im Ruhestand kennt das 1853 erbaute Werk des Niemegker Orgelbaumeisters Wilhelm Baer in- und auswendig. Bei der bereits 1995 begonnenen Restaurierung des Instruments arbeitete er federführend mit. Mangels Geld mussten die Arbeiten jedoch 1998 eingestellt werden.

Erste musikalische Kostprobe

Als sie im Herbst vergangenen Jahres endlich weitergehen konnten, fragte Nass bei seinem früheren Arbeitgeber an, ob er die Arbeiten begleiten dürfe. In der Berliner Orgelbaufirma Karl Schuke nahm man das Angebot dankbar an und so ist Rainer Nass in die Sanierungsarbeiten eingebunden. Er sagt, für ihn sei das eine Herzensangelegenheit.

Als am Mittwoch der Tag der offenen Orgelbaustelle stattfindet, führt Nass Interessierte durch die Orgel, erklärt das Instrument und erzählt von den Arbeiten. Derweil gibt sein Kollege, der Orgelbaumeister Tobias Herold, eine kleine musikalische Kostprobe, die bis auf den Kirchplatz zu hören ist. Vom Klang angelockt, kommen immer wieder neue Niemegker in die Kirche.

Dritter Bauabschnitt beginnt im Herbst

Die Niemegker Kirchenorgel wird in fünf Bauabschnitten saniert. Der dritte Bauabschnitt beginnt Im Herbst.

Er umfasst die Vervollständigung des Hauptwerks, die Restaurierung eines zweiten Blasebalgs, die Rekonstruktion des Orgelprospekts mit 83 Zinnpfeifen und die farbliche Neugestaltung des Orgelgehäuses.

100 000 Euro sind dafür erforderlich.

Der dritte Bauabschnitt soll im Frühjahr, wenn die Temperaturen den Einbau und die Stimmung der neuen Pfeifen ermöglichen, beendet werden.

Am Mittwoch, 20. Juni, stoppt der Fahrradkantor Martin Schulze an der Niemegker Kirche. Punkt 19.30 Uhr beginnt das Orgelkonzert mit Buchlesung.

Einer von ihnen ist Edgar Mierisch. „Ich wohne fast nebenan. Oft arbeiten die Orgelbauer bis in den späten Abend hinein“, berichtet er. „Ich kann von zu Hause aus das Licht in der Kirche sehen. Jetzt wollte ich mir die Orgelbaustelle von Nahem ansehen.“ Der 82-Jährige lauscht dem Klang des Instruments und hört den Fachleuten aufmerksam zu.

In Mierischs Augenwinkel blitzt für einen Moment eine Träne. Er erzählt, dass er zu DDR-Zeiten aus der Kirche ausgetreten sei, jedoch kirchlich erzogen wurde. „Besonders durch die Großeltern“, bemerkt der Ruheständler. Sein Besuch auf der Empore erscheint wie der Versuch einer leisen Annäherung. „Dass die Orgel saniert wird, ist von allgemeinem Interesse und auch für die Entwicklung der Stadt gut“, findet der Niemegker.

Imposantes Bauwerk: Die Orgel in der Niemegker Kirche. Quelle: Christiane Sommer

Die beiden Orgelbauer freuen sich über das Interesse, ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können. „Das ist schon etwas besonderes“, schätzt Nass ein. Im Verlauf seines Berufslebens hat er viele Kirchenorgeln in Städten und Dörfern kennengelernt und dabei erfahren, dass die Sanierungen der in die Jahre gekommenen Instrumente die Kirchengemeinden immer wieder vor große Herausforderungen stellen. Die Niemegker hoben, um dieselbe zu stemmen, die Idee der Orgelpfeifen-Patenschaften aus der Taufe.

„Frau Grünthal war die erste, die eine solche Patenschaft übernommen hat“, verrät Pfarrer Daniel Geißler. Die Niemegkerin lächelt und sagt: „Für meinen Enkel, er spielt selbst Orgel. Die Pfeifen über 20 Jahre verstaubt in der Ecke und in Kartons liegen zu sehen, war furchtbar. Ich freue mich jetzt über jeden Schritt bis zum Abschluss der Sanierung.“

Spieltisch komplett saniert

Dann lenken die Orgelbauer die Aufmerksamkeit der Besucher auf den Spieltisch. Der ist zwischenzeitlich komplett saniert und sieht wieder so aus, wie Baer ihn einst gebaut hat. „Mir ist bis heute nicht klar, warum man ihn in den 1950er Jahren umgebaut hat“, bemerkt Nass und streicht sanft über die schwarzen und weißen Tasten der beiden Manuale – aus tiefschwarzem Ebenholz und gebleichten Rinderknochen.

In diesem Zusammenhang erzählt er vom 1846 in der Stadt gegründeten Orgelbauverein, dessen Arbeit dereinst hoch geschätzt wurde. „Knochen fühlen sich im Winter viel kälter an als Holz“, so der Geistliche und erklärt, dass Baer genau deshalb die Rinderknochen mit Ebenholz unterlegte.

Von Christiane Sommer