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Niemegk Niemegk: Agrargenossenschaft gibt Ferkelzucht auf
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Tribut an Corona und ASP: Niemegker Ferkelstall wird dicht gemacht

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10:17 26.10.2021
Ein leerer Läufer-Stall der Agrargenossenschaft "Hoher Fläming" in Niemegk. Florian Schulze als Leiter der Schweineproduktion wird diese Anlage demnächst abwickeln.
Ein leerer Läufer-Stall der Agrargenossenschaft "Hoher Fläming" in Niemegk. Florian Schulze als Leiter der Schweineproduktion wird diese Anlage demnächst abwickeln. Quelle: René Gaffron
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Rädigke

Die Görzker Fleischerei Stephan Zimmermann wird weiter Schweine aus der Fläming-Farm Grubo verarbeiten. Der Mützdorfer Stall, in dem das Borstenvieh gemästet wird, muss sich jedoch einen neuen Ferkellieferanten suchen. Denn die Agrargenossenschaft „Hoher Fläming“ in Rädigke wird sich aus dem Geschäftsfeld zurückziehen.

Das hat der Chef der Schweinehaltung, Florian Schulze, angekündigt „Planmäßig am 21. Februar werden die Boxen des Niemegker Stalls leer sein.“ Wie es dort weiter geht, ist noch nicht klar. Die drei Mitarbeiter und ein Lehrling sollen jedenfalls nicht gekündigt werden und neue Aufgaben im Unternehmen übertragen bekommen.

Enormer Preisverfall in einem Jahr

„Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen, weil sich die Schweinehaltung in einer tiefen Krise befindet, deren Ende derzeit nicht absehbar ist“, sagt Florian Schulze. Die Gründe liegen auf der Hand – der mangelnde Absatz während des Lockdowns und der Preisverfall seit dem Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in der Oder-Neiße Region.

Für die etwa einen Monat dauernde Vorbereitung des Ferkels auf sein Dasein als Mastschwein müssen rund 50 bis 60 Euro Aufwand kalkuliert werden. Während im Frühjahr 2020 dafür noch 100 Euro zu erzielen waren, werden jetzt weniger als 20 Euro bezahlt. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Restaurants geschlossen waren und der Bratwurstverkauf bei Sport- und Musik-Veranstaltungen im Sommer fehlte.

Ein Drittel für lokalen Partner

Wie es aus der Branche heißt, sind zwar in Deutschland die Bestände um fünf Prozent zurückgegangen. Europaweit wäre jedoch eine Zunahme von 15 Prozent zu verzeichnen. Mithin führt die sich zweifellos weiter ausbreitende Tierseuche zu weiteren Marktbeeinträchtigungen, weil das Fleisch nur noch im Binnenmarkt verwertet werden darf.

Noch sind die Ferkel-Boxen im Niemegker Stall der Agrargenossenschaft "Hoher Fläming" Rädigke besetzt. Doch es handelt sich um ein Auslaufmodell. Quelle: René Gaffron

Die rund 350 Sauen in Niemegk sorgen für etwa 3000 Ferkel. Etwa ein Drittel davon gingen nach Mützdorf und waren bisher jeweils der Beginn einer oft gepriesenen Wertschöpfungskette im Hohen Fläming.

Große Investition wäre nötig

Während dessen zeichnet sich ab, dass spätestens in zwei Jahren sich die Vorschriften ändern. „Dem wollen wir auch folgen, doch der Investitionsbedarf umfasst schätzungsweise 1,5 Millionen Euro. Den können bei den jetzt fehlenden Einnahmen nicht erfüllen“, sagt Florian Schulze. Vom Gesetzgeber wird verlangt, dass die Besamungsställe umgebaut werden müssen.

Silvia Wernitz, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark, bilanziert nur noch ein halbes Dutzend Schweinmastbetriebe. Quelle: René Gaffron

Auf diese Weise soll die sogenannte Kastenhaltung abgeschafft werden, mit der bisher – laut Tierschützern mit Stress für die Sauen – das Erdrücken des Nachwuchses verhindert wird. „Das bringt mehr Platz für die Tiere. Wenn es ihnen gut geht, bringen sie durchaus mehr Leistung“, zeigt sich Florian Schulze durchaus aufgeschlossen dafür. „Nun allerdings, da die Standards in Deutschland hochgesetzt werden, werden die großen Schlachthöfe einmal mehr aus dem Ausland importieren“, ahnt der 35-Jährige.

Das ist eine bedauerliche Entwicklung und steht nach Einschätzung von Silvia Wernitz symbolisch für das Scheitern des Landesregierung im Umgang mit der Schweinepest. „Brandenburg war ein Veredlungsland – jetzt ist der Ruf ruiniert“, sagt die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark. Gerade einmal in Feldheim, Schwanebeck, Golzow, Mützdorf, Wollin und Rietz (bei Brandenburg/Havel) halten die Bauern mit dem Borstenvieh noch durch.

Der Görzker Fleischermeister Christoph Zimmermann (li.) bereitet Lieferungen nach Berlin vor. Im Hintergrund Mitarbeiter Matthias Riedel. Quelle: Rüdiger Böhme

Christopher Zimmermann, Geschäftsführer in Görzke, indes will weiter Wert auf eine regionale Wertschöpfungskette legen, sagt er. 50 bis 60 Tiere kommen bei ihm pro Woche unter das Messer. Allesamt aus Mützdorf. „Dafür sind faire Preise vereinbart. Ich zahle 1,60 bis 1,70 Euro je Kilogramm an die Bauern, während der Markt derzeit bei 1,20 Euro liegt.

Kreislauf in Mützdorf

„Wir wollen den Betrieb aufrecht erhalten“, bekräftigt Andre Gräfe von der Flämig-Farm. Er verweist auf den konzipierten Kreislauf mit Futtermittelanbau, Haltung der 1700 Schweine im 2011 erst zu dem Zweck errichteten Stall und Gülleverwertung in der Biogas-Anlage. Im besten Fall finden sich künftig Ferkel aus Schwanbeck oder Wollin.

In Rädigke wird immerhin ein neuer Kuhstall errichtet. Quelle: René Gaffron

In Rädigke kommt immerhin keine Langeweile auf. Denn nach langem Warten liegt nun die Genehmigung für den Bau eines neuen Stalls für die 500 Rinder vor.

Von René Gaffron