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Nuthetal Ein Chor und die Farben der Freiheit
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19:48 04.11.2019
Die Chorgemeinschaft Potsdam-Rehbrücke in der Bergholzer Kirche: Am 9. November werden die Chormitglieder dort singen und reden. Quelle: Privat
Bergholz-Rehbrücke

Was heißt das eigentlich – „frei zu sein“? Was bedeutet Freiheit im Politischen und was im Privaten? Die Chorgemeinschaft Potsdam-Rehbrücke widmet sich am 9. November in der Bergholzer Kirche den verschiedenen Facetten der Freiheit und wagt im Gotteshaus ein Experiment. Erstmals werden Konzertbesucher die Chormitglieder nicht nur singen, sondern auch sprechen hören – über ihre ganz eigenen Erfahrungen und Empfindungen zum Mauerfall am 9. November 1989.

„Die Farben der Freiheit – Nachdenken über 30 Jahre ohne Mauer“, heißt die Veranstaltung mit Liedern und Gedanken zur Freiheit. „Es wird keine düster-grüblerische, aber auch keine Jubel-Veranstaltung“, kündigt Hans-Joachim Zunft an, der Leiter des Chores, der 1953 im damaligen Institut für Ernährung in Bergholz-Rehbrücke gegründet wurde.

Freude über gewonnene Freiheiten und eine Kapitalismus-Abrechnung

Wer nach den privaten Empfindungen über die Zeit vor und nach dem Mauerfall fragt, bekommt eine ganze Palette an Geschichten erzählt. Das ist in der Chorgemeinschaft nicht anders. Zu hören ist Lustiges und Trauriges, die Freude über gewonnene Freiheiten und eine Abrechnung mit dem Kapitalismus, die ausgerechnet vom einzigen Chormitglied kommt, das keinen deutschen Pass hat. Was der Schweizer im Team meint, könnte man auch mit der Zeile aus dem Dreißigjährigen Krieg übersetzen, die im Lied „Wer jetzig Zeiten leben will“ zu hören sein wird: „Geld regiert die Welt.“ Der Schweizer sagt: „Die Befreiung geht weiter.“

Dass Glücksmomente im Leben selten von langer Dauer sind, dafür steht ein lustiges Schlüsselerlebnis einer Chorsängerin, die sich nach der Grenzöffnung in die Schlange einreiht, in der Menschen am Potsdamer Wohngebiet „Am Stern“ auf Busse warten, die im Minutentakt nach Wannsee fahren. In Wannsee holt sie sich ihr Begrüßungsgeld, steuert den nächsten Supermarkt an und kauft sich zwei große Bananen. Sie setzt sich in aller Stille auf eine Parkbank, isst die beiden Bananen und – ihr wird schlecht. Der Magen war wohl die Südfrüchte nicht gewöhnt, mutmaßt sie. „Ein Gefühl der Freiheit überkam mich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht“, erzählt sie.

Als sich die Grenze öffnete, waren die West-Verwandten tot

Welche einschneidenden Folgen die große Politik auf das private Leben haben konnte, zeigt eine andere Geschichte: „Ein Chormitglied durfte die Verwandten im Westen nicht besuchen. Als es dann ging, waren die Verwandten tot.“ Die fast 90-jährige Edith Weise gehört seit der Gründung 1953 zum Chor. Bei ihrem ersten Westberlin-Besuch 1989 war sie überwältigt vom riesigen Warenangebot. Sie schildert aber auch Unbehagen, das sie später überkommt, als sie die ersten Bettler und Obdachlosen sieht: „Fast alle schauen nicht hin und gehen vorüber. Auch wir wissen nicht: Was tun?“ Ihre großen Erwartungen bekommen auch im Heimatort Bergholz-Rehbrücke einen frühen Dämpfer. Sie wohnt ausgerechnet in einem Haus zur Miete, das abgerissen wird. „Im Container mit meiner 95-jährigen Mutter, mein erster Kontakt mit dem Kapitalismus“, erzählt sie.

„Es überwiegt schon die Freude über die gewonnene Freiheit“, sagt Hans-Joachim Zunft. Im Gedicht einer Chorsängerin heißt es zum Mauerfall an der Bornholmer Brücke etwa: „,Stehen bleiben! Das Tor wird geschlossen! Stehen bleiben, sonst wird geschossen!’ Wir blieben nicht stehen, dass Tor blieb offen, der Ruf der Freiheit hat alle getroffen. Gäb es diesen Tag nicht, wär das nicht gescheh’n, hätt’ ich mein Italien oder Spanien nie geseh’n.“

Entstanden aus einem Geburtstagsständchen

Der Chor wurde 1953 im Institut für Ernährung in Bergholz-Rehbrücke gegründet. Institutsleiter Arthur Scheunert feierte Geburtstag, Mitarbeiter sangen ihm ein Ständchen und er sagte: „Singt doch weiter.“ Der Chor war geboren.

Hans-Joachim Zunft leitet ihn seit 1980 und sorgte später dafür, dass er sich nicht auflöste. „Wichtig ist, dass die Truppe zusammenhält“, sagt der Leiter des Chores, der das Wort „Gemeinschaft“ schon im Namen trägt.

Die Veranstaltung beginnt am 9. November, 17 Uhr, in der Bergholzer Kirche und wird moderiert von Oliver Hoff.

Von Jens Steglich

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