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Nuthetal Julia macht alles mit links
Lokales Potsdam-Mittelmark Nuthetal Julia macht alles mit links
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20:29 02.08.2018
Julia arbeitet im Rewe-Markt in Bergholz-Rehbrücke  und macht alles mit links.
Julia arbeitet im Rewe-Markt in Bergholz-Rehbrücke und macht alles mit links. Quelle: Jens Steglich
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Bergholz-Rehbrücke

Manchmal sagt Julia gern Sätze wie diesen: „Das war ein Hai.“ Ein bisschen Ironie und viel Humor waren schon immer gute Mittel, das Leben leichter zu machen und ihm die schönen Seiten abzugewinnen. Julia Bosecker, von der hier die Rede ist, schwimmt die 50 Meter Freistil schneller als viele Männer, arbeitet seit Anfang Juli als Verkäuferin im Rewe-Markt in Bergholz-Rehbrücke und wird dort von manchen Kunden heimlich bewundert, wie geschickt, selbstbewusst und optimistisch sie die Regale einräumt oder an der Kasse die Ware über den Scanner schiebt. „Ich mache alles mit links“, sagt die 19-Jährige. Mit ihrer rechten Hand kann sie nicht zugreifen – sie hat keine.

Wer ernsthaft und höflich nachfragt, bekommt die Wahrheit erzählt. Das Unglück, das ihr die rechte Hand kostete, passierte vor der Geburt – im Bauch ihrer Mutter. Kindern, die an der Seite ihrer Eltern neugierig nachfragen, erzählt sie es so: „Die Nabelschnur hat sich in Mamas Bauch um die Hand herumgewickelt, deshalb konnte sie nicht wachsen.“

Für die 50 Meter Freistil brauchte sie nur 33 Sekunden

Früher, sagt Julia, „war ich viel schüchterner“. Damals habe sie ihre Hand immer versteckt. „Der Sport hat mich selbstbewusster gemacht.“ Sie gehörte beim paralympischen Schwimmen beim SC Potsdam mit zu den Besten, ging auf die Sportschule und wurde 2015 Vize-Jugendeuropameisterin und ist mehrmalige Deutsche Meisterin. Durch den Sport lernte sie die Welt kennen, war mehrmals im Trainingslager auf Lanzarote, bei der Jugend-EM in Kroatien oder im Jugendsportlager in Rio de Janeiro. „Dort haben wir uns 2016 die Paralympics angeschaut.“ Für die 50 Meter Freistil brauchte sie nur etwas mehr als 33 Sekunden. Das war ihre Bestzeit über diese Strecke, die sie bei ihrem letzten Wettkampf bei den Deutschen Meisterschaften geschwommen ist. „Schwimmen gehört zu meinem Leben dazu, auch wenn ich 2017 aufgehört habe“, sagt sie. An der Sportschule und beim SC Potsdam hatte sie das gefunden, was sie ihre Sportfamilie nennt. Der Kontakt ist nie abgebrochen. Ihre Trainerin ist heute noch eine der wichtigsten Bezugspersonen, sagt sie.

Die tägliche Arbeit im Rewe-Markt in Bergholz-Rehbrücke sieht sie ein bisschen wie das regelmäßige Training in den Jahren davor. Zwei Jahre hat sie in dem Einkaufsmarkt ihre Ausbildung über das Berufsbildungswerk gemacht, am 4. Juli hatte sie ihre Abschlussprüfung und seit vier Wochen ist sie Verkäuferin in dem Geschäft direkt an der Arthur-Scheunert-Allee.

Den Beruf hat sie sich selbst ausgesucht, die Entscheidung fiel nach einem Praktikum. Fürs Einräumen der Regale oder für die Arbeit an der Kasse hat sie ihre ganz eigene Technik entwickelt. „Wie ich das mache, kann ich gar nicht beschreiben. Ich mache es einfach.“ An der Kasse zum Beispiel holt sie mit der linken Hand die Ware heran und schiebt sie dann mit „Stumpi“ weiter. So nennt sie ihre rechte Hand, die einst nicht wachsen konnte.

Zur Familie gehören auch noch Monty und Brownie

Und was hat sie noch so vor in ihrem Leben? „Ich will auf jeden Fall eine Familie und Kinder haben.“ Eine Prinzessinnen-Hochzeit steht auch auf der Wunschliste, einen Freund fürs spätere Ja-Wort ganz in Weiß gibt es bereits in ihrem Leben, zu dem auch „Schnucky“ gehört – „mein altes Mädchen“. Schnucky ist acht Jahre alt und ein Kaninchen, das mit seiner Halskrause wie ein kleiner Löwe aussieht. Die Hitze macht ihm zu schaffen. „Mein Hase liegt derzeit auch nur herum“, erzählt Julia, die mit Schnucky bei ihrem Vater in Potsdam-West wohnt.

Zur Familie gehören auch noch Monty und Brownie dazu, zwei ganz junge Zwergkaninchen, die bei ihrem Freund untergekommen sind. „Ohne Tiere kann ich nicht leben“, sagt sie. In der Familie gibt es außerdem noch eine besondere Vorliebe für Hunde. Oma, Tante und Cousin hatten oder haben welche. „Hunde sind treue Begleiter“, sagt Julia und hat einen heimlichen Wunsch: in einer Hundeschule arbeiten oder selbst eine aufmachen. Eigentlich arbeitet sie ja gern mit ihren Kollegen im Rehbrücker Rewe-Markt zusammen und will dort auch nicht weg. „Wenn aber einer anrufen und mir sagen würde, ich könnte an einer Hundeschule anfangen oder selbst eine übernehmen, dann würde ich zuschlagen“, sagt sie und fügt hinzu: „mit links – ich mache alles mit links“.

Von Jens Steglich