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Nuthetal MAZ-Sterntaler: Ralf Radtke hatte eine Frau und ein gutes Leben – bis alles zerbrach
Lokales Potsdam-Mittelmark Nuthetal

MAZ-Sterntaler-Aktion: Ralf Radtke hatte eine Frau und ein gutes Leben - bis alles zerbrach und er obdachlos wurde

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19:57 16.12.2021
Ralf Radtke ist obdachlos und lebt derzeit in einer Notunterkunft der Gemeinde Nuthetal.
Ralf Radtke ist obdachlos und lebt derzeit in einer Notunterkunft der Gemeinde Nuthetal. Quelle: Jens Steglich
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Nuthetal

Auf dem Tisch steht ein Bild mit einem fröhlichen jungen Mann, der eine lachende Frau und seine Mutter an der Seite hat. Ralf Radtke kann nicht mehr sagen, wann dieses Foto entstanden ist. Er weiß aber noch genau: Es war schön – damals! Der 68-Jährige hatte eine Frau, einen Job und ein gutes Leben. Und heute? Heute ist der Mann, der auf dem Foto so glücklich aussieht, obdachlos. Er hat seine Wohnung, seine Frau und sein damaliges Leben verloren. Das einzige Glück, das ihm in den vergangenen Wochen widerfahren ist: Er fand in einer Notunterkunft der Gemeinde Nuthetal Unterschlupf, bevor der Winter und die Kälte kamen.

Nach der Trennung verlor er den Halt

Was hat ihn aus der Bahn geworfen? „Eine gute Frage“, sagt er und antwortet erst einige Augenblicke später: „Der Bruch war wahrscheinlich, als ich mich von meiner Frau getrennt habe.“ Danach verlor er den Halt. Das Unglück kam nicht mit einem Schlag in sein Leben, das Drama war ein schleichender Prozess, der Anfang Juni 2021 eskalierte. An dem Juni-Tag passierte etwas, was er sich vorher nicht vorstellen konnte. Ralf Radtke verlor wegen Mietschulden sein Dach über dem Kopf. Er musste den Wohnungsschlüssel abgeben – es gab kein Erbarmen.

„Es stand jemand vor der Tür und verlangte den Schlüssel“

Im Rückblick verschwimmen die Dinge. So viel weiß er aber noch: Die Zwangsräumung der Haushälfte in Bergholz-Rehbrücke, die er noch mit seiner Frau bezogen hatte, war an einem Sonntag. „Es stand jemand vor der Tür und verlangte den Schlüssel. Laut Gesetz gibt es sonntags keine Räumungen“, sagt er. Was hat er dann gemacht? „Ich habe ihm den Schlüssel gegeben und bin losgelaufen.“

Er schlief auf einer Bank in der Waldstadt

Ralf Radtke lebt danach mit dem, was er tragen konnte, auf der Straße. „Meine Lieblingsstelle war in der Nähe der Schule in der Waldstadt. Dort steht eine Parkbank. Auf der habe ich geschlafen“, erzählt er und fügt hinzu: „Man kann es niemanden erklären. Entweder man steckt in der Misere drin oder nicht. Jemandem das zu vermitteln, ist nicht möglich.“

„Selbst den Hunger vergisst man“

Es ist damals Sommer, an die kalte Jahreszeit denkt er nicht. Leute, die an seiner Bank vorbeigehen, erinnern ihn daran: „Mensch, es kommt der Winter. Was wollen Sie dann machen?“ Ihn habe es berührt, „dass Leute sich solche Sorgen um mich machen“. Auf der Parkbank in der Waldstadt hat er aber nur einen Gedanken: Endlich zur Ruhe kommen und vielleicht gut schlafen können. „Selbst den Hunger vergisst man“ – da draußen auf der Straße.

Ohne seine Arbeit verlor der Tag die Struktur

Ralf Radtke hat noch nie in seinem Leben um Geld gebettelt. „Ich habe immer gesagt: Ich habe meine Rente, damit muss ich auskommen.“ Mit 63 Jahren ging er in den Vorruhestand. Mit seiner Frau verlor er den Rückhalt, ohne die Arbeit verlor der Tag die Struktur. Er macht keinen Hehl daraus: „Man könnte es Lotterleben nennen.“ Heute sei es für ihn schlimm, an das Leben davor zu denken. „Es gab immer gute und schlechte Zeiten. Die guten bleiben in Erinnerung.“

Die Kindheit in Beelitz war eine herrliche Zeit

Ralf Radtke wächst in Beelitz auf. „Wir haben im letzten Haus am Ortsausgang Richtung Beelitz-Heilstätten gewohnt. Es war eine herrliche Zeit.“ Er lernt in der Diesterwegschule und geht später nach Potsdam in die Lehre, um Maler zu werden. Nach der Wende lernt er noch einmal um und wird Kfz-Schlosser. „Ich habe auch meinen Kfz-Meister gemacht“, sagt er. Autos repariert er bei ATU in Teltow. „Sie haben gutes Geld bezahlt.“

Jeder Euro zählt! So können Sie spenden

Mit der „Sterntaler“-Weihnachtsaktion sammelt die MAZ in diesem Jahr Spenden für Familien und Alleinerziehende, für ältere und kranke Menschen, für Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind – kurzum für Menschen aus Potsdam und aus dem Umland, die es schwer haben und denen wir eine Freude zu Weihnachten machen wollen.

Das Spendenkonto wird von der Hoffbauer-Stiftung treuhänderisch verwaltet, eine Spendenbescheinigung wird ab 300 Euro ausgestellt. Bitte geben Sie als Verwendungszweck an: MAZ-Sterntaler-Aktion.

Die Bankverbindung:

Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank

IBAN: DE53 3506 0190 1567 6140 14

BIC: GENODED1DKD

Die Spendernamen werden veröffentlicht. Wer dies nicht möchte, weist bitte im Verwendungszweck darauf hin.

Liebe Leserinnen und Leser, in einer Woche ist Heiligabend. Bitte helfen Sie uns bei einer unvergesslichen Bescherung für Ralf Radtke und all die anderen Menschen, die wie vorgestellt haben. Bitte spenden Sie!

Die Urlaubstouren mit seiner Frau „waren toll“. Sie reisten in die Türkei oder in die Dominikanische Republik. „Wir sind bei minus zehn Grad losgeflogen und bei 28 Grad plus gelandet.“ Zehn Stunden fliegen „war nicht meine Sache, aber ich habe es mitgemacht“. 1986 hatten die beiden geheiratet. „Die Feier im Minsk war super.“

Am Platz der Einheit hatten sie einen Laden

In Potsdam wohnen sie in der Waldstadt, nicht weit von der Bank entfernt, die später seine Schlafstätte wird. Warum aber hat er sich von seiner Frau getrennt? „Wir hatten einen eigenen Laden – einen Miederwarenladen am Platz der Einheit, den meine Frau betrieben hat. Ich habe immer gesagt: Wir brauchen ein festes Gehalt zur Sicherheit, sonst geht es nicht“, erzählt er. Irgendwann habe er es nicht mehr ertragen können: „Die Umsätze im Laden gingen immer weiter zurück. Es wurde nur noch über Geld geredet – über Geld, das wir nicht hatten.“

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Die Ehe zerbricht, Ralf Radtkes Leben bekommt einen Riss, den er nicht kitten kann. Fünf Jahre lebt er noch allein in der gemieteten Haushälfte in Bergholz-Rehbrücke. „Die Konsequenzen, die danach eintraten, kann man nicht nachvollziehen“, sagt Radtke.

Möbel wurden mit Inhalt versteigert

Was wünscht er sich zu Weihnachten? „Ruhe!“ Seine Eltern, die sie früher immer zum ersten Weihnachtsfeiertag besuchten, sind tot. Kontakt zu seiner Frau hat er nicht mehr. „Ich muss versuchen, das Beste draus zu machen, dann ist es okay“, sagt der 68-Jährige. Er ist keiner, der andere Menschen um etwas bitten würde. Zum Abschied sagt er aber doch: „Warme Wintersachen könnte ich gebrauchen. Die meisten meiner Möbel wurden mit Inhalt versteigert.“

Von Jens Steglich