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Nuthetal Rentnerbrigade gibt der Arbeit eine neue Note
Lokales Potsdam-Mittelmark Nuthetal Rentnerbrigade gibt der Arbeit eine neue Note
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20:12 05.10.2018
Die singende Bauarbeiter vor ihrem Meisterwerk: Sie haben maßgeblich daran mitgewirkt, dass die Alte Schule gerettet und in Nuthetals Mehrgenerationenhaus verwandelt wurde.
Die singende Bauarbeiter vor ihrem Meisterwerk: Sie haben maßgeblich daran mitgewirkt, dass die Alte Schule gerettet und in Nuthetals Mehrgenerationenhaus verwandelt wurde. Quelle: Jens Steglich
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Nuthetal

Diese Geschichte ist so besonders, dass einer ihrer grauhaarigen Helden sagt: „Wir sind aus der Zeit gefallen.“ Vielleicht passen die älteren Herren aus Nuthetal gerade deshalb so gut zu einer Aktion des Bundesbildungsministeriums, mit der gerade versucht wird, Büros und Kantinen draußen in der recht rauen Berufswelt zum Klingen zu bringen. Bei der bundesweiten Mitsing-Aktion „Klingt nach Teamwork“ geht es darum, in einer zunehmend technisierten Arbeitswelt, in der Kommunikation oft nur noch per Mail stattfindet, etwas zu tun, was den Teamgeist fördert und die Motivation stärkt: gemeinsam zu singen.

Das Düsseldorfer Unternehmen trivago, das Forschungszentrum Jülich oder der Shanty-Chor der Wasserschutzpolizei Brandenburg haben bereits ihre Gesangsbeiträge eingereicht. Die singenden Bauarbeiter des Nuthetaler Mehrgenerationenhauses, von denen hier die Rede sein soll, auch. Es wäre eine schöne Krönung ihrer Geschichte, wenn die 63- bis 82-Jährigen mit ihrem Musikvideo jetzt auch bundesweit Furore machen würden. Ihr Song für den Video-Wettbewerb des Bundesministeriums heißt „die jungen Grauköpfe“ und erzählt einiges darüber, was ein gemeinsames Ziel und gemeinsames Singen für Kräfte freisetzen können und wie jung beides hält. Angefangen hat alles 2007, als die „jungen Grauköpfe“ begannen, jede Woche donnerstags aus freien Stücken Steine zu schleppen und Farbe von alten Fensterrahmen zu kratzen, um ein morsches Haus zu retten. Sie bekamen kein Cent dafür, aber gutes Essen von ihren Frauen.

Wie die Heinzelmännchen

2014 hatten sie das Sanierungswerk vollbracht und die Alte Schule in Nuthetals Mehrgenerationenhaus verwandelt. Was sie in der Zeit erlebten, fühlte sich besser an als das, was sie eigentlich hätten tun können: Ihren Ruhestand auf der Fernsehcouch genießen. Jürgen Melzer etwa fühlte sich damals ein bisschen wie im Märchen oder wie bei den Heinzelmännchen, nur dass Nuthetals Rentnerbrigade – anders als die Sagenhelden – ihre Arbeit für die Gemeinschaft tagsüber verrichtete, wenn die Bürger des Ortes ihren normalen Jobs nachgingen.

Dass im Jahr 2009 noch ein Bindemittel hinzukam, das die Gruppe bis heute zusammenhält, ist Kurt Baller zu verdanken. Er brachte den Gesang in die Bautruppe, die inzwischen ein eigenes Liederbuch und CD’s herausgebracht hat. Als Geburtsstunde der singenden Bauarbeiter gilt der 17. Dezember 2009 – die Weihnachtsfeier der Rentnerbrigade, die vorher Kurt Baller gefragt hatte, ob er mit seiner Gitarre vorbeikommen kann. Sie wollten ein paar Weihnachtslieder singen. Es wurde viel mehr daraus, es war der Anfang der Gesangstruppe, die erst heimlich übte und ab 2011 öffentlich auftrat und inzwischen regelmäßig zu Veranstaltungen gebucht wird.

Singen fördert das Gemeinschaftsgefühl

„Als der Gedanke aufkam, zusammen zu singen und aufzutreten, gab es Stimmen, die sagten: Es singen nicht alle gut, wir sollten eine Auswahl treffen“, erzählt Winfried Jahnke. „Wir haben gesagt: Das machen wir nicht. Wenn wir Unterschiede gemacht hätten, gebe es die Truppe nicht mehr“, glaubt er. So ist es beim Singen ähnlich wie beim Sanieren der Alten Schule, als Doktortitel keine Rolle spielten und Hubschraubermechaniker, Orgelbauer, Papierrestauratoren, Holzkünstler, Schildkrötenzüchter, Ton- und Bauingenieure gemeinsam anpackten. „Nie hat einer gesagt: Das mache ich nicht“, so Jahnke, der als Bauleiter die Arbeit verteilte.

„Es passiert etwas, wenn man miteinander singt. Singen ist die Sprache der Seele“, sagt Gerhard Kruspe. Was da passiert, ist durch wissenschaftliche Studien belegt: Singen fördert das Gemeinschaftsgefühl. Für die Aktion des Bundesbildungsministeriums hatten die singenden Bauarbeiter schon lange vorher die passenden Liedzeilen: „Singen macht das Herze froh, stärkt den Geist, die Glieder. Darum singen wir voll Lust alle Tage wieder...“

„Klingt nach Teamwork“

Mit der Mitsing-Aktion „Klingt nach Teamwork“ will das Bundesbildungsministerium im Rahmen des „Wissenschaftsjahres 2018 – Arbeitswelten der Zukunft“ Büros, Werkhallen, Kantinen und Baustellen zum Klingen bringen.

Bis Ende November sind Menschen dazu aufgerufen, sich in ihrem Berufskontext zu Gesangsteams zusammenzufinden und Songs zum Thema Arbeit zum Besten zu geben und auf der Aktionsseite www.KlingtNachTeamwork.de als Video-Datei hochzuladen. Das beste Video wird von einer Jury ausgezeichnet.

Tieferer Hintergrund: Gemeinsames Singen gilt als Mittel, Teamgeist zu fördern und Stress abzubauen.

Von Jens Steglich

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