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Nuthetal Warum Rehbrückes Revolution ein Jahr früher begann
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10:03 13.12.2019
Uwe Jaeger (l.) und Gerhard Ling beim Treffen 30 Jahre danach mit den alten Aktenordnern, in denen das Geschehen von damals festgehalten ist. Quelle: Jens Steglich
Bergholz-Rehbrücke

Die Revolution läuft unter dem Tagesordnungspunkt „Kaderfragen“. Damals, im Dezember 1989, war die Amtssprache noch die alte. Ansonsten aber war alles neu und anders, auch und gerade in Bergholz-Rehbrücke, wo die Gemeindevertreter am 21. Dezember 1989 die „Kaderfrage“ ziemlich eindeutig beantworteten. Sie stürzen an dem Tag den SED-Bürgermeister von Bergholz-Rehbrücke. 23 votieren in geheimer Abstimmung für dessen Abwahl, nur vier sind dagegen. Auch SED-Genossen in der „Volksvertretung“ versagen ihm die Gefolgschaft und wählen danach CDU-Mann Gerhard Ling mit zum neuen Bürgermeister, damals der Hoffnungsträger der Unzufriedenen. Es ist der vorläufige Endpunkt einer ganz eigenen friedlichen Revolution, die in Bergholz-Rehbrücke schon ein Jahr früher begann: 1988 – mit dem Kampf gegen eine Fleischfabrik.

SED-Bürgermeister Heinz Riedel muss gehen. Vor der offiziellen Abwahl hatte Uwe Jaeger im Saal die Bürger abstimmen lassen, ob der Amtsinhaber Bürgermeister bleiben soll. Keiner hob die Hand. Quelle: Jens Steglich

Rückblende. 1988 tauchen die ersten Gerüchte auf, in Bergholz-Rehbrücke soll eine Fleischfabrik gebaut werden. An der Bahnlinie unweit der Ravensberge soll sie entstehen, um unter anderem Potsdam und Westberlin mit Fleisch zu versorgen. Keiner ahnt damals, was diese Nachricht in Bergholz-Rehbrücke auslösen wird. Die Leute im kleinen Ort proben nicht nur den Aufstand, sie führen ihn auch durch – friedlich, wie es sich gehörte. Sie treibt dabei der befürchtete Gestank aus dem Fleischkombinat auf die Barrikaden und „die Lust, sich zu wehren“, wie es Uwe Jaeger ausdrückt. „Wir hatten ein Thema, bei dem man Protest vorbringen konnte, ohne gleich als Staatsfeind zu gelten“, sagt Gerhard Ling.

Die Funktionäre der Plankommission mussten im Saal stehen

Jaeger und Ling gehörten zu den Hauptakteuren des Widerstands, der die Machthaber unvorbereitet trifft. Eine Fleischfabrik wird bekämpft, gemeint ist aber auch eine Staatsmacht, die offenen Widerspruch nicht kennt, hier indes damit konfrontiert wird und hilflos reagiert. Am 12. Januar 1989 prallen beide Seiten direkt aufeinander – im vollen Saal des heutigen Instituts für Getreideverarbeitung. Funktionäre der Plankommission vom Rat des Bezirkes Potsdam werden erwartet. Sie wollen über ihre Pläne informieren. Als sie ankommen, sind alle Stühle besetzt. Es findet sich auch niemand, der ihnen einen Platz anbietet oder Stühle für sie besorgt. „Sie standen von Anfang bis Ende“, erinnert sich Ling. Wie sie verloren in der Ecke stehen, ist auch ein Sinnbild dafür, dass sich die Zeiten ändern.

„Viele Leute im Ort haben damals gefragt: Was können wir tun?“, erzählt Ling. Er rät, keine Serienbriefe an die staatlichen Stellen zu schreiben, sondern Beschwerden persönlich zu formulieren. Das DDR-Eingabewesen wird in der Zeit in Bergholz-Rehbrücke rege genutzt. Eingaben gegen das Fleischkombinat landen bei den Räten des Kreises und des Bezirkes und erreichen sogar die höchste Stelle im Land – den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.

Uwe Jaeger geht mit dem Lineal zur Kommunalwahl im Mai 1989

Ling, Mitglied in der Gemeindevertretung, kündigt in Bergholz-Rehbrücke derweil an, seinen Ausweis als Volksvertreter abzugeben, wenn die Fleischfabrik-Pläne durchgesetzt werden. Und Jaeger droht öffentlich damit, er werde dann nicht zur Kommunalwahl im Mai 1989 gehen. Er ist dann zur Wahl gegangen – mit dem Lineal. Er hatte vorher in der ARD die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gesehen, die dort erzählte, wie man seine Stimme für die Kandidaten der Nationalen Front ungültig macht. „Man musste jeden einzelnen Namen durchstreichen“, erzählt Jaeger 30 Jahre danach in der Wohnstube von Gerhard Ling. Für ein MAZ-Gespräch haben sie sich dort noch einmal getroffen, um zu erinnern und Bilanz zu ziehen.

Im Saal, in dem die Herren von der Plankommission stehen mussten, „saßen viele, die gedacht haben: Guck mal, wie viel schon möglich ist“, erzählt Jaeger. Einige Monate später, im Oktober 1989, gründet er mit einigen, die dort dabei waren, die Unabhängige Bürgerinitiative (UBI), die im Herbst 1989 zum Motor des lokalen Protestes wird. Der Kampf gegen die Fleischfabrik geht in Bergholz-Rehbrücke fast nahtlos über in die friedliche Herbstrevolution von 1989. „Das Thema Fleischfabrik war aber plötzlich weg“, sagt Jaeger. Die Plankommission hatte das widerspenstige Bergholz-Rehbrücke schon vorher aus dem Rennen genommen. Kaum einer hat das noch mitbekommen. Es ging ja längst um viel mehr.

„Wir wollten anders Politik machen, sind aber geworden wie alle anderen“

„Es war eine schöne Zeit. Wir wussten noch nicht so recht, was wir wollen. Wir wussten aber, was wir nicht mehr wollen“, so Jaeger. „Ich erinnere mich gern daran, wie voll die Säle in Bergholz-Rehbrücke waren und was friedlicher Protest bewirken kann und sehe heute, wie still die Leute doch sind, wenn die Gefahr von rechts kommt“, sagt er und fügt hinzu: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir erhalten, was wir damals geschaffen haben. Ich will nicht, dass solche Leute ’die Wende vollenden’.“ Gerhard Ling, der später erster Bürgermeister der 2003 gegründeten Gemeinde Nuthetal wurde, nennt die friedliche Revolution ein Geschenk, „das man nicht missachten sollte“. Er hätte sich 30 Jahre danach eine Veranstaltung im Ort gewünscht, die daran erinnert. Ein bisschen Ernüchterung hat sich bei ihm auch beim Blick auf den Politik-Betrieb eingestellt. „Wir wollten damals anders Politik machen, einen anderen Umgang miteinander pflegen. Wir sind trotzdem geworden wie alle anderen.“

Von Jens Steglich

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