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Potsdam-Mittelmark Prozess zum Unfall auf L 77: Angeklagter schaute Suizidvideos
Lokales Potsdam-Mittelmark Prozess zum Unfall auf L 77: Angeklagter schaute Suizidvideos
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00:19 27.01.2018
Der Unfall ereignete sich am ersten Weihnachtstag 2015 zwischen Saarmund und bei Güterfelde – war es Mord? Quelle: Julian Stähle
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Saarmund

Schuldfähig oder nicht? Um diese Frage drehte sich der sechste Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Mann, der am ersten Weihnachtstag 2015 mit Absicht mit einem Kleinwagen gegen einen Straßenbaum an der L 77 zwischen Güterfelde und Saarmund gerast und so das Leben seiner Ehefrau (57) auf dem Beifahrersitz ausgelöscht haben soll. Die Frage der Schuldfähigkeit ist eine zentrale in vielen Prozessen – denn wer schuldunfähig ist, ist vor dem Gesetz kein Straftäter und kann auch nicht bestraft werden.

Dem Angeklagten droht Lebenslang

Für Michael A. (63), der seit gut einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, geht es um alles. Wird er für schuldfähig erklärt und im Sinne der Anklage schuldig gesprochen, erhält er eine lebenslange Freiheitsstrafe. Er weist alle Vorwürfe zurück und beteuert, dass er weder sich noch seine Frau umbringen wollte. Zudem sagt er, sich an den Unfall nicht erinnern zu können. Präsent sei allein das Bild dreier Feuervögel, die auf das Auto zuflogen.

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Michael A. ist von Hause aus Psychiater – ein Mann vom Fach also. Es ist davon auszugehen, dass er weiß, dass schuldunfähig ist, wer wegen eines seelischen Defekts – etwa wegen einer Geisteskrankheit – oder wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung das Unrecht seines Handelns nicht einsehen oder aber sein Verhalten nicht rechtskonform steuern kann. Drei Mal hat sich Michael A. von Margarete Schulte, der vom Gericht bestellten Psychiaterin, im Gefängnis befragen lassen – äußerst kooperativ, wie sie sagt. Darüber hinaus hat sie – wie auch Rechtsmediziner Jörg Semmler – den Prozess begleitet und auf diverse Akten zurückgreifen können.

Der Angeklagte mit Dolmetscher und Verteidiger Steffen Voigt im Potsdamer Landgericht. Quelle: Julian Stähle

Laut Schulte gebe es keine Hinweise darauf, dass der Angeklagte unter einer Schizophrenie leidet, die die Feuervögel-Halluzination erklären könnte. Es lasse sich auch keine dauerhafte Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Neurologische Defizite und eine Intoxikation seien ebenso auszuschließen. Fazit: Eine Schuldunfähigkeit komme nicht in Frage – nicht auszuschließen sei jedoch eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit. Anhaltspunkt sind die depressiven Episoden, die der Angeklagte laut eigener Aussage bereits seit der Studienzeit immer wieder durchmacht.

Erfolglos beim Geheimdienst beworben

Die ersten Phasen seien von selbst abgeklungen, er habe keinen Grund gesehen, Medikamente einzunehmen oder einen Arzt aufzusuchen. Tatsächlich war A. erst nach dem Unfall erstmals in stationärer Behandlung. Die erste ausgeprägtere Depression sei eingetreten, nachdem er sich in den Achtzigern erfolglos beim Geheimdienst beworben hatte. Erschwerend wirkten sich offenbar auch der Umzug nach Deutschland Anfang der Neunziger und die damit verbundenen Probleme im Job aus – weil sein Abschluss nicht anerkannt wurde, war der Angeklagte jahrelang arbeitslos, sattelte später zum Altenpfleger um.

2010 erwachten erstmals Suizidgedanken. „Sehr konkrete sogar“, so die Gutachterin. „Er schaute entsprechende Videos auf Youtube an und stand auf dem Bahnsteig und schaute, wie er sich auf die Schienen legen müsste, um überfahren zu werden.“ Die Gedanken, sich das Leben zu nehmen, seien nicht nur regelmäßig aufgetaucht, A. habe schnell auch seine Frau einbezogen. So habe er geplant, mit ihr in die Schweiz zu fahren, um sich die Todesspritze geben zu lassen: „Die Zeugin, der er davon berichtet hat, hatte den Eindruck, er wäre krank und bräuchte dringend Hilfe.“

Angehörige und Bekannte sorgten sich unmittelbar vor dem Unfall

Zwar behauptet A., dass er zur Tatzeit weder in einer akuten depressiven Phase steckte, noch Suizidgedanken hegte. Indizien und Zeugen sprechen indes eine andere Sprache. So gab einer der beiden Söhne zu Protokoll, dass ihn eine SMS des Vaters sehr besorgt habe. Eine Zeugin sagte, A. wirkte wenige Tage vor dem Unfall blass und abwesend, hatte abgenommen. Bei einer Bekannten beglich er Schulden. Der Tochter überwies er den seit Längerem fälligen Unterhalt. Er ließ sich bei einem Auftraggeber aus dem Dienstplan streichen...

Von einem planvollen, bewussten und gezielten Vorgehen zu sprechen, sei dennoch Spekulation, sagt die Gutachterin. Um sich festzulegen, fehlten einfach Zeugenaussagen zum psychopathologischen Zustand des Angeklagten unmittelbar vor der Tat. Aber: „Er selbst war der Meinung, er könnte den Suizidgedanken etwas entgegensetzen. Die intensive Beschäftigung und das Ausgestalten weisen aber darauf hin, dass er davon sehr beherrscht war.“

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 25. Januar, fortgesetzt.

Anmerkung der Redaktion

Wir berichten in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden, gibt es Hilfe. Unter der kostenlosen Hotline 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 können Sie anonym mit der Telefonseelsorge sprechen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnte.

Von Nadine Fabian