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Seddiner See See trocknet allmählich aus
Lokales Potsdam-Mittelmark Seddiner See See trocknet allmählich aus
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20:12 24.08.2018
Dort, wo Limnologe Olaf Mietz im Schilf leere Muscheln zeigt, müsste der Seddiner See eigentlich einen Meter hoch stehen.
Dort, wo Limnologe Olaf Mietz im Schilf leere Muscheln zeigt, müsste der Seddiner See eigentlich einen Meter hoch stehen. Quelle: Martin Müller
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Seddiner See

Der Seddiner See ist in großer Gefahr. Noch nie seit Beginn der Messungen war der Wasserstand so niedrig, wie in diesem Sommer. Das hat gravierende Folgen für Mensch und Natur.

„Wir sehen hier eine riesige Umweltkatastrophe“, sagt Olaf Mietz, Chef des Instituts für angewandte Gewässerökologie am Seddiner See. Der Limnologe beobachtet seit mehr als 20 Jahren den See, doch das hat er noch nie erlebt: Schilfgras steht vertrocknet meterweit vom Wasser entfernt am Ufer, leere Muscheln liegen auf dem kahlen Boden. „Vor wenigen Monaten stand hier das Wasser einen Meter hoch – jetzt ist es alles weg“, sagt Mietz.

Wo ist das Wasser hin? Zum Großteil ist es verdunstet, seit Monaten hat es kaum geregnet. Weil der See von keinem direkten Zufluss gespeist wird, sondern aus Grundwasser besteht, droht er in heißen Sommern immer kleiner zu werden.

Weil der See von keinem direkten Zufluss gespeist wird, sondern aus Grundwasser besteht, droht er in heißen Sommern immer kleiner zu werden. Quelle: Martin Müller

Die Folge: Ohne das Schilf fehlt dem See eine wichtige natürliche Reinigungsanlage. Fische finden kaum noch Plätze zum laichen, der See wird wärmer und die Wasserqualität verschlechtert sich.

Im Sommer 2013 war der See das letzte Mal „voll“, der Pegel lag bei 39,2 Metern über Normalnull. Seit dem hat sich das Wasser mehr und mehr zurückgezogen. Am 20. August 2018 konnte das Institut nur noch einen Pegelstand von 38,3 Metern messen. Die mittlere Tiefe des Sees beträgt rund drei Meter.

Der See gehört der Gemeinde Seddiner See. Offiziellen Angaben zufolge, gibt es nur einen Nutzer, der Wasser direkt aus dem See abpumpt: Der Golf- und Country Club Seddiner See am Nordufer. Das Golf-Areal ist fast so groß wie der See selbst und auch bei schärfster Sommerhitze stehen die sogenannten „Greens“ (Zielbereiche um die Löcher herum) in saftigem Grün. Täglich wird der Rasen dort gesprengt und geschnitten.

Golfplatz führt Buch über das Seewasser

Für Urlauber und Anwohner, die den See schätzen, ist der Golfplatz Schuld am Wasserstand. „Ich bin entsetzt, wie es hier aussieht. Man kann mittlerweile eine Wattwanderung machen“, sagt Nico Lange. Der 38-Jährige ist am Seddiner See aufgewachsen. Obwohl Lange inzwischen in Berlin lebt, fährt er oft zurück in seine alte Heimat, um die Natur zu genießen. Für ihn ist der Zusammenhang klar: Seit 20 Jahren verliert der See stetig Wasser – 1997 wurde der Golfplatz eröffnet.

„Wir bewässern so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich“, erklärt Horst Schubert, Vorstand der Golf- und Country Club-AG. Schubert führt Buch darüber, wie viel Seewasser auf dem Rasen landet. Maximal 150 000 Kubikmeter pro Jahr dürfen es sein. Bis zum 23. August wurden dieses Jahr bereits 137 650 Kubikmeter abgepumpt. Laut Schubert entspricht das etwa sechs Zentimetern des Sees. Außerdem würden rund 60 Prozent der Flächen auf dem Golfplatz der Natur überlassen und nicht bewässert. Dort gleicht die Landschaft inzwischen einer wüstenartigen Steppe.

Große Dürre herrscht auch auf dem Golfplatz am Nordufer. Vorsitzender Horst Schubert muss Wasser sparen. Quelle: Jonas Nayda

Den Vorwurf, der Golfplatz würde dem See schaden, hält Schubert für „völlig daneben“. Seit 2004 reinigt eine sogenannte Pelicon-Anlage das Wasser des Seddiner Sees von Phosphaten. Das saubere Wasser wird zwar zum Großteil auf dem Golfplatz eingesetzt, ein bisschen fließt aber auch zurück in den See. Zwei Drittel des Seewassers hat die Pelicon-Anlage so insgesamt bereits gereinigt. Außerdem habe es schon niedrige Wasserstände gegeben, bevor der Golfclub gebaut wurde, sagt Schubert.

Die Daten und Studien, die der Golfplatz veröffentlicht, stammen von Olaf Mietzs Institut. Auch die Gemeinde hat das Institut damit beauftragt, den See zu überwachen. Die wenigen Wasserstände, die aus früheren Jahren bekannt sind, legen jedoch nahe, dass der Pegel bis in die 1980er Jahre tendenziell höher lag, als heute.

Das Brandenburgische Amt für Umwelt misst seit 1994 den Pegel mit einer eigenen Messstation. Die Daten des Landesamtes zeigen: Seit 1994 hat der Seddiner See im Mittel etwa 20 Zentimeter verloren.

Spargelbauern streiten Wasserentnahme ab

Bevor der Golfplatz existierte, gehörte das Gebiet zu einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. „Welche Wassermengen damals verregnet wurden, ist uns nicht bekannt“, sagt Schubert. Auch würden die Spargelbauern, die heute in der Nähe des Sees ihre Felder bestellen, eine unbekannte Menge Grundwasser fördern, das dann dem See fehlt.

Jürgen Jacobs, Vorsitzender des Beelitzer Spargelvereins verteidigt seine Zunft: „Mir ist nicht bekannt, dass Spargelbauern dem See Wasser entnehmen. Für unsere Tiefenbrunnen haben wir alle eine Genehmigung.“ Die Landwirte hatten in diesem Sommer mit großen Ernteausfällen zu kämpfen und mussten besonders viel bewässern.

Limnologe Olaf Mietz warnt, wenn nicht bald etwas geschehe, würde die Lage aufgrund des Klimawandels nur noch schlimmer werden. Der Seddiner See könne bleibende Schäden davon tragen. Das Wasser, das in regenreichen Monaten in den See fließt, reiche nicht aus, um die Verluste auszugleichen. Langfristig drohe Artensterben und eine Veränderung des Sees. Die Gemeinde sei gefordert, eine Lösung zu finden.

Früherer Rettungsversuch gescheitert

Schon einmal hatte Bürgermeister Zinke versucht, dem See in großem Stil Wasser zuzuführen. Sein Vorhaben, Wasser aus der Nieplitz in den See einzuleiten, war allerdings 2013 gescheitert. „Ich habe inzwischen gelernt, dass es besser ist, den See der Natur zu überlassen“, sagt er. Zinke geht davon aus, dass sich der Wasserspiegel eines Tages von alleine wieder normalisiert. Nichts könne ihn von seinem Standpunkt abbringen.

Doch nicht nur die Natur, auch Menschen leiden unter dem Niedrigwasser des Seddiner Sees. Manfred und Mirko Mannheim betreiben ihren Fischerhof am Südufer des Sees seit mehr als 30 Jahren. Mit dem sinkenden Pegel haben die beiden sich abgefunden. „Was soll man dazu sagen? Du kannst nichts machen“, sagt Manfred Mannheim. Nur noch einmal in der Woche fahren die Fischer mit dem Boot auf den See. „Es lohnt sich einfach nicht mehr, der See kann uns nicht mehr ernähren“, sagt Manfred Mannheim.

Die beiden Seddiner Fischer Manfred und Mirko Mannheim können kaum noch im Seddiner See fischen. Quelle: Jonas Nayda

Inzwischen kaufen die Mannheims einen Großteil ihres Fisches von anderen Händlern und veredeln ihn auf ihrem Hof. Bis Mitte der 1990er-Jahre mussten sie keinen Fisch zukaufen. Früher gab es noch einen zweiten Fischerhof am Seddiner See. Doch die Zeiten sind vorbei. „Du darfst dich nicht verrückt machen, sonst gehst du baden“, sagt Manfred Mannheim. Ihren Beruf wollen die Mannheims trotz Allem nicht aufgeben.

Auf die Frage, warum er Fischer geworden sei, deutet Mirko, der Sohn von Manfred, mit einer Handbewegung auf den See. „Schau es dir an – Das bedeutet Freiheit für mich“, sagt er.

Von Jonas Nayda