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Seddiner See Spielen ohne Strom und Stecker
Lokales Potsdam-Mittelmark Seddiner See Spielen ohne Strom und Stecker
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20:06 13.11.2018
Annelie Dessombes und Bernhard Ehrentraut vom Kunstverein mit den einfachen Zutaten für den Bau des Cornhole-Spiels. Quelle: Jens Steglich
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Michendorf

Computerspiele wie Red Dead Redemption 2 war gestern. In Michendorf jedenfalls steht bald anderes auf dem Programm: Cornhole zum Beispiel, ein mehr als 200 Jahre altes Spiel, mit dem sich die Siedler aus Europa bei der Eroberung Amerikas mit großem Vergnügen die Zeit vertrieben, als sie mit ihren Planwagen in den Westen zogen. Das Sackloch-Wurfspiel aus Amerika und andere alte und vergessene Spiele sollen von Michendorf aus nun die Herzen der modernen Zeitgenossen erobern. Das Kontrastprogramm haben sich die Mitstreiter des dort ansässigen Kunstvereins auf die Fahnen geschrieben.

Gebaut werden die Spiele aus Groß- und Urgroßmutters Zeiten von der älteren Generation, die es sich wiederum zum Vergnügen macht, mit eigenen Händen und nach traditioneller Bauanleitung für die Kinder- und Enkel-Generation alle notwendigen Spielzutaten aus Holz anzufertigen. Nutzen können die Senioren dafür die Werkstätten der gemeinnützigen GmbH Kubus, die im Michendorfer Bahnhof einen neuen Platz gefunden hat und sich um Langzeitarbeitslose kümmert. Beim gemeinsamen Bau der Spiele sollen sie mit einbezogen werden.

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Spiele zum Ausleihen für Dorffeste und Kindergeburtstage

Cornhole, Jakkolo und Co., die demnächst in den Kubus-Werkstätten entstehen und für die man keinen Strom braucht, sollen Teil eines Spieledepots werden, wo sie jeder für Kindergeburtstage oder Dorffeste kostenlos ausleihen kann. Gefördert und unterstützt wird das Projekt vom Landkreis aus dem Programm „Aktiv sein im Alter“ und von den Gemeinden Michendorf und Seddiner See.

„Wir wollen zeigen, wie es mit ganz einfachen Mitteln möglich ist, Freude unter die Menschen zu bringen“, sagt Vereinsvorsitzender Bernhard Ehrentraut, der seit Jahren Leuten den Umgang mit Computern und Handys lehrt und doch vor dem nahenden Weihnachtsfest rät: „Liebe Eltern, man muss seinem fünfjährigen Kind nicht unbedingt schon ein Smartphone schenken.“ Der Computer-Experte hält es inzwischen für notwendig, „eine Gegenwelt zum Computerspieler zu schaffen, der einsam in seinem Zimmer hockt und auf die Tasten drückt“. Ehrentraut hatte mit seiner Frau, der Künstlerin Annelie Dessombes, beim Amerika-Urlaub in Seattle beobachtet, wie dort Cornhole gespielt wurde „und viele Leute drumherum standen und staunten“. „Die Zuschauer haben genauso viel Spaß wie die Spieler“, sagt er.

Gebraucht wird nur ein Holzbrett und gefüllte Säckchen

Für dieses Sack-Wurfspiel aus der Gründerzeit Amerikas braucht man nur eine mit einem Loch versehene Zielscheiben-Plattform aus Holzbrettern und kleine, gefüllte Säckchen, die die Spieler aufs Brett oder noch besser direkt in das Loch werfen.

Gegenspieler können freilich auch die Säckchen ihrer Kontrahenten mit eigenen Sackwürfen wieder vom Brett verdrängen. Wer ein Säckchen auf dem Brett platziert, bekommt einen Punkt, wer ins Loch trifft, drei Punkte.

Die Siedler in Amerika füllten die Säckchen damals mit Maiskörnern, die sie als Verpflegung auf dem Weg nach Westen mit dabei hatten. Weil Mais ein Lebensmittel ist und nicht ewig hält, „werden wir wohl Kieselsteine in die Säckchen füllen“, sagt Ehrentraut. Jakkolo, ein anderes, mehr als 400 Jahre altes Geschicklichkeitsspiel, das einst die Niederländer erfunden haben sollen, hat er selbst noch als Kind gespielt. „Wenn man sich das ausleiht, ist der Kindergeburtstag gerettet“, so Ehrentraut. Jakkolo ist einfach zu bauen und so konstruiert, dass ein sechsjähriger Knirps mit kurzen Armen gegen einen Zwei-Meter-Mann vom Format des Basketballers Dirk Nowitzki spielen kann, ohne Nachteile zu haben.

Ein Freizeitvergnügen aus dem alten Rom

Michendorfs Streiter für das neue Spielgefühl mit alten Mitteln treffen sich am 19. November im Wilhelmshorster Gemeindezentrum, um weitere Ideen auszutauschen und einen Plan für ihre Umsetzung zu machen. Dort will zum Beispiel auch Schauspieler Hans-Jochen Röhrig, Mitglied im Michendorfer Kunstverein, ein mehr als 2000 Jahre altes Freizeitvergnügen vorstellen, das er im Spielemuseum in Passau entdeckt hat. Menschen im alten Rom haben es einst gespielt und wenn alles nach Plan läuft, werden bald auch Leute im neuen Michendorf ihre Freude daran haben.

Boßeln steht im Januar auf dem Programm

Der Michendorfer Kunstverein lädt am 19. November alle, die Interesse am Spiel-Projekt haben, zum Ideenaustausch ein.

Das Treffen beginnt 10 Uhr im Wilhelmshorster Gemeindezentrum. Geplant ist, noch vor Weihnachten mit dem Bau der Spiele zu beginnen.

Im Januar 2019 ruft der Verein zum Boßel-Wettbewerb, der auf dem Alten Postweg am Seddiner See ausgetragen werden soll. Eine Hochburg im Boßeln ist Ostfriesland. Neben den Kugeln, die gespielt werden, ist das wichtigste der Bollerwagen mit Verpflegung und Schnaps, sagt Vereinschef Bernhard Ehrentraut.

Von Jens Steglich