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Stahnsdorf Die Explosion bedroht seine Existenz: „Ich wollte diesen Knall nicht“
Lokales Potsdam-Mittelmark Stahnsdorf Die Explosion bedroht seine Existenz: „Ich wollte diesen Knall nicht“
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15:49 08.02.2020
Sven Ratzburg in seiner Stahnsdorfer Werkstatt. Seit 1993 baut der Geschäftsführer von „Schneller hören“ HiFi-Anlagen mit dem perfekten Klang in Autos ein. Quelle: Friedrich Bungert
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Stahnsdorf

Sechs Kilometer weit entfernt war Sven Ratzburg, als am Samstagmorgen um 3.30 Uhr eine Weltkriegsbombe in Stahnsdorf kontrolliert gesprengt werden musste. „Ich war bei meiner Mutter in Steglitz-Zehlendorf untergekommen und als selbst da die Scheiben klirrten, habe ich mich gefragt, ob mein Haus noch steht“, sagt Ratzburg.

Sein Haus steht an der Baustelle, wo der Blindgänger gefunden wurde

Das Eigenheim, das er mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter bewohnt, steht am Rand der Baustelle in der Wilhelm-Külz-Straße, wo der 500 Kilogramm schwere Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden war.

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In aller Frühe war Ratzburg nach Aufhebung des Sperrkreises am Samstag nach Hause gekommen. „Es war noch dunkel und je heller es wurde, umso mehr sah ich das Ausmaß der Zerstörung“, sagt er am Samstagnachmittag der MAZ. Da klingt er beinahe entspannt. Gerade erst sind Frau und Kind heimgekommen.

Sven Ratzburg vor seinem Haus in Stahnsdorf – die zersplitterten Glasscheiben in der Tür sind die geringsten Schäden. Quelle: Friedrich Bungert

„Die waren wegen des Sperrkreises gar nicht mehr nach Hause gekommen und bei den Großeltern geblieben“, sagt Ratzburg. Seine Frau sei in Tränen ausgebrochen, als sie die Schäden sah. „Heute morgen ging es mir auch noch anders“, sagt ihr Mann.

Sein Dach hat sich verschoben und muss vollständig erneuert werden

Die hölzernen Türrahmen sind zerborsten, überall finden sich Risse im Mauerwerk. Der stabile Holzschuppen aus dicken Bohlen im Garten ist „zersprengt“ und kann gleich abgerissen werden.

Der stabile Holzschuppen scheint nur oberflächlich beschädigt zu sein – doch ein Sachverständiger hat Ratzburg bereits mitteilen müssen, dass er ihn abreißen muss. Quelle: Friedrich Bungert

„Ein Sachverständiger hat mit gesagt, dass sich durch die Druckwelle das Dach komplett angehoben und dabei die Ziegel verschoben hat. Wir müssen es jetzt provisorisch dicht bekommen, weil ja der Sturm kommt. Aber dann muss es vollständig abgenommen und neu gedeckt werden. Manche Wände müssen mit wohl Stangen verstärkt werden“, schildert Ratzburg den Zustand des Hauses.

Das Dach wurde durch die Druckwelle der Explosion angehoben und hat sich veschoben. Es muss wegen des nahenden Sturmtiefs Sabine provisorisch abgedichtet werden – und anschließend komplett neu eingedeckt werden. Quelle: Friedrich Bungert

„Aber ich bin auch dankbar. Es ist nicht abrissreif, sondern bewohnbar. 2015 zog er mit seiner Familie ein. „Gerade war irgendwie alles fertig und selbst die Hecke wächst“ - und dann passiert so was.

Teure Mikrofone und Soundprozessoren hat es aus den Regalen gefegt

Bei seinem Gang durch Haus und Hof in der Dämmerung gelangt Sven Ratzburg irgendwann auch zu seiner Werkstatt. „Schneller hören“ heißt sein Geschäft. Seit 1993 hat er sich als Fachmann für Hifi- und Alarmanlagen für Autos einen Namen gemacht.

Teure Technik liegt in der Werkstatt seines Geschäfts für Auto-HiFi-Anlagen für auf dem Boden. Quelle: Friedrich Bungert

Das breite Garagentor hat einen Teil der Druckwelle aufgefangen – es ist so zerbeult, dass es sich weder öffnen noch schließen lässt. Doch im Inneren der Werkstatt liegen Ratzburgs wichtigste Arbeitsmittel auf dem Boden.

Hochsensible und geeichte Mikrofone und digitale Soundprozessoren hat es aus Schränken und Regalen gefegt. „Ich weiß nicht, ob sie noch in Ordnung sind“, sagt er über die teure Technik mit denen die Soundanlagen in den Autos seiner Kunden für den perfekten Klang eingemessen werden.

„Das ist mindestens existenzbedrohend für mich. Meine Werkstatt ist zerstört und ich werde über Wochen nicht arbeiten können“, sagt der 48-Jährige. Auch die Erneuerung des breiten Werkstatttors und seiner Ladentür werde dauern, befürchtet er.

Sein Haus liegt in der Wilhelm-Külz-Straße direkt gegenüber der Baustelle, auf der am Freitag der Blindgänger gefunden worden war. Quelle: Friedrich Bungert

Er muss auf die Kulanz der Versicherung hoffen

„Es kommt darauf an, wie schnell ich Handwerker bekomme und dass die Versicherung den Schaden reguliert“, sagt er. Die erste Auskunft der Versicherung machte ihm allerdings wenig Hoffnung: „Man hat mir heute als erstes gesagt, dass man die Schäden einer Explosion nicht trägt. Ich hoffe wirklich auf die Kulanz“, sagt er.

Am Morgen nach der Explosion schwante Sven Ratzburg das Schlimmste. Wenige Stunden später sagt er nach der Schilderung aller Schäden dennoch: „Ich wollte diesen Knall nicht, aber ich bin ein Steh-Auf-Männchen.“

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