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Stahnsdorf Entschärfer: „Im Umkreis von 200 Metern hätte wohl niemand überlebt“
Lokales Potsdam-Mittelmark Stahnsdorf Entschärfer: „Im Umkreis von 200 Metern hätte wohl niemand überlebt“
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11:04 10.02.2020
Bombenentschärfung am 17.12.2019 in der Pirschheide,hier Mike Schwitzke vor der Entschärfung im Lagezentrum Foto:Bernd Gartenschläger Quelle: Bernd Gartenschläger
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Stahnsdorf

Mike Schwitzke hat in der Nacht von Freitag auf Samstag in Stahnsdorf die englische 500-Kilo-Bombe gesprengt, nachdem eine Entschärfung nicht möglich war. Mit der MAZ spricht er über die lange Nacht.

Herr Schwitzke, haben Sie sich schon von Samstagnacht erholt?

Mike Schwitzke: Ja, das ging recht schnell.

Warum konnten Sie die Bombe in Stahnsdorf dann doch nicht entschärfen?

Es lag nicht daran, dass der Zünder zu rostig war, wie es immer wieder behauptet wird. Das ist bei den meisten Bomben so. Aber die Technologie war nicht zielführend. Wir sind nicht dort reingekommen, wo wir wollten und es bestand die Gefahr, dass dort Druck ausgeübt wird, wo er nicht sein sollte. Dazu kam noch ein technisches Problem: Eine verstopfte Schneidleitung.

Sie haben mit einem Wasserschneideroboter gearbeitet?

Ja, aber wir haben nicht nur mit Wasser gearbeitet, sondern auch mit Quarzsand, der dann die Leitung dicht gemacht hat. Die Düse hätte ausgebaut werden müssen.

War das eine besonders stressige Situation für Sie?

Nein, das ist eine alltägliche Situation, mit der man dann eben umgehen muss. Da muss man dann eben den Arsch in der Hose haben und eine Entscheidung herbeiführen. Das erwarten die Kollegen auch.

Sie waren ja diesmal zu neunt vor Ort?

Ja, es gab einen Leitenden, das war ich, einen Schneidtrupp und einen Videotrupp, die den eigentlichen Vorgang überwacht und gesteuert haben, und die Maschinisten, die die Anlage überwacht haben.

Die Anlage – das war der Roboter bei der Bombe?

Roboter ist eigentlich der falsche Begriff, denn er kann sich nicht bewegen und musste fest aufgebaut werden. Es ist ein Dreibein, das vor der Bombe stand, mit einer Konstruktion, die schneidet, und eine Videoanlage rechts und links von der Bombe.

Wo waren Sie?

Wir waren in Deckung des Stahnsdorfer Hofes, auf dem Parkplatz, und haben das von dort aus gesteuert.

Nachdem die Entschärfung nicht geklappt hat, haben Sie noch ziemlich lange mit der Vorbereitung für die Sprengung gebraucht.

Nein, das waren nicht wir. Wir haben nur zehn Minuten gebraucht, um alles, was uns lieb und teuer war, aus dem gefährdeten Bereich rauszuholen. Am längsten hat die Abschaltung der Gasleitungen gedauert, die Gaswerke mussten erst die Schieber suchen. Aber in der Zeit haben wir dann noch mehrere 100 Styroporplatten und einen Wasserfaltbehälter mit 1000 Litern Wasser zwischen der Bombe und den Kran aufgebaut, um den Splitterflug in Richtung Osten etwas zu verringern.

War das Gas zu dieser Zeit nicht schon abgedreht?

Nein, das war während des Entschärfungsversuchs nur „entspannt“. Das wurde so entschieden, weil mehrere 10 000 Haushalte daran hängen. Vor der Sprengung dann wurde es erst abgeschaltet.

Die englische 500-Kilo-Bombe aus Stahnsdorf. Quelle: Gemeinde Stahnsdorf

Wurde die Bombe auch mit Sand bedeckt?

Nein, auf die Bombe kam gar nichts drauf. Nach dem Schneidvorgang haben wir vermieden, überhaupt noch mit ihr in Berührung zu kommen. Dadurch war sie ja noch empfindlicher.

Stimmt es, dass sie sensibel gegen Bewegung und Temperatur war?

Ja, das ist richtig.

Wie wird eine solche Sprengung durchgeführt?

Eine Ladung wird angelegt und per Funk ausgelöst. Nicht am empfindlichen Zünder, sondern an der Bombenhülle. Und zwar genaugenommen zwei Stück, damit sichergestellt ist, dass die Bombe auch wirklich durchdetoniert.

Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen einer kontrollierten und einer unkontrollierten Sprengung?

Keiner. Wer behauptet, das bei einer 500-Kilo-Bombe kontrollieren zu können, der lügt. Wir sind auch nicht überrascht von den Schäden. Dass es die in diesem Ausmaß geben könnte, war uns bekannt.

Das heißt, die Wirkung war die gleiche wie bei einem Abwurf?

Im Wesentlichen ja. Aber es waren keine Personen betroffen. Bei einem Langzeitzünder wie diesem ist auch nicht die Frage ob, sondern nur wann er hochgeht. Irgendwann hätten wir unter Umständen einmal viele Tote hier gehabt. Ich denke übrigens nicht, dass der Baggerfahrer sie wirklich auf der Schaufel hatte, denn dann wäre die Erdverfärbung unter der Bombe anders gewesen – und dafür war auf seine Kelle zu klein.

Was wäre gewesen, wenn bei der Detonation Menschen in der Nähe gewesen wären? Wäre sie tödlich gewesen?

Im Umkreis von 200 Metern hätte man ohne Deckung wohl keine Überlebenschance gehabt. Da hätte man zum Beispiel durch die Druckwelle einen Lungenriss bekommen. Deswegen war der 1000-Meter-Sperrkreis auch so wichtig. Ich selbst war 800 Meter in Richtung Schleuse entfernt und habe mir noch eine Deckung gesucht.

Bestand bei der Sprengung Gefahr für die Tankstelle in der Nähe?

Nein, die war weit genug. Wir wollen mal die Kirche im Dorf lassen – es war ja nur eine 500-Kilo-Bombe und der Treibstoff ist im Boden.

Der Krater nach der Detonation. Quelle: Julian Stähle

Handelt es sich dabei also nicht um eine besonders starke Bombe?

Nein, das war eine Standardbombe der Engländer. Sie war 1,60 bis 1,70 Meter lang und hatte einen Durchmesser von rund 50 Zentimetern. Rund 60 Prozent davon war Sprengstoffmasse, der Rest Hülle. Es gab noch drei stärkere Größen, die auch zum Einsatz kamen, die nächste zählt dann erst zu den Luftminen.

Wie kam die Bombe hierher?

Sie könnte ein Not- oder Restabwurf eines englischen Bombers auf dem Rückflug von Berlin gewesen sein, das gab es oft im Speckgürtel. Oder es wurde sozusagen in der Nacht knapp Berlin verpasst.

War der Einsatz für Sie besonders stressig oder Routine?

Er war Routine – die man aber nicht immer machen möchte. Und schon gar nicht am Freitagnachmittag. Es hat sehr lange gedauert, weil die Evakuierung so zeitaufwendig war.

Wann waren Sie mit dem Einsatz fertig?

Bis 5.30 Uhr habe ich mir vor Ort noch ein Bild von den Schäden gemacht, dann habe ich im Büro Papierarbeit erledigt. Gegen 6.30 Uhr war ich dann zu Hause.

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