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Stahnsdorf Er grub den Tunnel nach Ost-Berlin
Lokales Potsdam-Mittelmark Stahnsdorf Er grub den Tunnel nach Ost-Berlin
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00:20 30.04.2019
Der „Tunnel 29“ war insgesamt 135 Meter lang und etwa einen Meter breit und hoch. Im Jahr 2000 wurde ein Teil des Tunnels geöffnet. Quelle: Christian Jungeblodt/Stiftung Berliner Mauer
Güterfelde

Wolfhardt Schroedter kennt man inzwischen in der Region als den Mann, der mit seinen Kindern den Mehrgenerationencampus auf dem Areal des früheren Elisabeth-Sanatoriums in Güterfelde errichten möchte – doch der 78-Jährige hat eine bewegte Vergangenheit als Fluchthelfer. Weit mehr als 1000 Menschen, schätzt er, hat die Gruppe um Detlef Girmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler, zu der auch Schroedter gehörte, von 1961 bis 1964 aus der DDR nach (West-)Berlin geholt, 29 davon über den bekannten „Tunnel 29“.

Schroedter ist selbst geflüchtet

Er ist selbst ein Geflüchteter. Der innere Widerspruch zwischen Propaganda und eigener Meinung sei irgendwann zu groß geworden, eine auf Halbmast gesetzte Flagge beim Morgenappell in der Schule tat schließlich das ihre. Nach einem Hinweis, dass er verhaftet werden sollte, setzte sich der damals 17-Jährige in die Bahn und fuhr nach West-Berlin zu seiner Tante. Damals ging das noch recht einfach, vor dem Bau der Mauer.

Nach dem Abitur lernte er dann im Studentenheim zwei italienische Studenten kennen, die ihren Freund Peter Schmidt-Vogel aus dem Osten holen wollten. „Kannst du dir vorstellen, da mitzumachen?“ fragten ihn Mimo (Domenico Sesta) und Gigi (Luigi Spina) im Frühjahr 1962. Klar, konnte er. Da es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war, mit geliehenen Pässen über die Grenze zu kommen, entschied sich die Gruppe für einen Tunnel.

Wolfhardt Schroedter gehörte zu jener Gruppe, die 1962 den bekannten „Tunnel 29“ von der Schönholzer Straße 7 war nach dem Mauerbau Fluchthelfer in Berlin. Heute baut er mit seiner Familie das ehemalige Elisabeth-Sanatorium in Güterfelde zu einem Mehrgenerationen-Campus um Quelle: Konstanze Kobel-Höller

An der Bernauer Straße sollte es sein. Die Osthäuser bildeten die Grenze, der Bürgersteig lag im Westen. Schroedter, als „Ingenieur“ und Deutschsprachiger der Gruppe, suchte das geeignete Haus im Westen aus, der Eigentümer wurde ausfindig gemacht. „Es waren ausgedehnte Kellerräume, sodass wir das, was wir ausgebuddelt haben, nicht wegbringen mussten. Wir haben Herrn Müller erklärt, wir wollen einen Keller für Musikproben haben – aber er hat uns recht unverblümt gesagt, wir sollen ihm nichts vormachen, wir haben was ganz Anderes vor.“

20 Leute arbeiteten in Schichten

Heute ist Schroedter erst so richtig bewusst, wie viel Glück die Gruppe hatte: Dass Müller sie nicht verraten und dass er sich nie verplappert hat, und vor allem, dass nach einem Rohrbruch, bei dem die Wasserwerke eingeschaltet werden mussten, Polizei und Verfassungsschutz das Vorhaben schützten. Natürlich konnte der Tunnel nicht zu dritt gegraben werden – immerhin war er bei einer Länge von 135 Metern etwa je einen Meter breit und hoch. Die Unterstützer mussten sorgfältig ausgesucht werden, 15 bis 20 Leute arbeiteten in Schichten rund um die Uhr.

Während der Unterbrechungen wegen des Wassereinbruches half der Trupp bei einem zweiten Projekt, das jedoch verraten wurde. „Viele wurden verhaftet, die durch wollten.“ Am 14. September war das eigene Projekt beendet: 29 Menschen kamen an diesem und dem nächsten Tag raus. „Dann soff der Tunnel wieder ab – Wassereinbruch auf der Ostseite.“

15 Tunnel in der Bernauer Straße

Der Tunnel 29 wurde von einem Fabrikgelände in der Bernauer Straße 78 zu einem Keller in der Schönholzer Straße 7 gegraben. Im Frühling 1962 wurde mit dem Bau begonnen, am 14. Und 15. September konnten 29 Menschen aus Ostberlin in den Westen fliehen.

Im Jahr 2000 wurde ein Teil des intakten Tunnels 29 freigelegt. Außerdem gibt es eine Gedenktafel am Haus der Schönholzer Straße 7.

Zur Finanzierung des Tunnels verkauften die beiden Italiener die Filmrechte an den amerikanischen Fernsehsender NBC, der die Bauarbeiten mit zwei Kameramännern begleitete. Spina, Sesta und Herschel erhielten jeweils 15 000 DM dafür. Diese Art der Finanzierung war nicht nur neu in der Fluchthilfe, sondern führte nach der erfolgreichen Fertigstellung auch zu einem Bruch innerhalb der Gruppe: 17 ehemalige Helfer distanzierten sich öffentlich von den dreien.

Insgesamt soll es an der Bernauer Straße 15 Fluchttunnel gegeben haben. Nur drei davon waren erfolgreich, einer wurde vollendet, war aber nicht erfolgreich, die restlichen wurden nicht fertig gestellt.

Für Schroedter bedeutete das aber nicht das Ende seines Engagements. Zwei Jahre lang betätigte er sich noch als Fluchthelfer, Tag und Nacht. Vom Studium wurde er sogar mit dieser Begründung beurlaubt. Vor allem jene, die in der DDR schon versteckt lebten, vor der Verhaftung standen oder nach der Haft raus wollten, standen ganz oben auf der Prioritätenliste.

Schroedter erzählt von einem weiteren Tunnel, 20 Häuser weiter, der aber von der Stasi seitlich angegraben wurde. Er erinnert sich an Fluchtwege durch die Kanalisation, berichtet davon, wie er durch Fäkalkanäle in 80 Zentimeter hohem Abwasser gekrochen ist, um noch offene Wege zu finden, und dabei einmal im Todesstreifen an die Oberfläche gehen musste, weil ihm und Thieme übel geworden war. „Da sind wir wirklich übereinander weg, Richtung Westen.“

Eine Tafel am Haus in der Schönholzer Straße 7 erinnert heute an den bekannten „Tunnel 29“ und weitere Tunnel, die von West-Berlin aus in den Ost-Teil der Stadt gegraben wurden. Quelle: Konstanze Kobel-Höller

Auch Blanko-Pässe von der Schweiz und Dänemark halfen bei der Fluchtarbeit, etwa wenn es um die Umsetzung der sogenannten Konvertiten-Tour ging: Auf der Fahrt nach Prag startete ein Ostdeutscher, der im Zug seine Identität wechselte, sodass er dann ohne Probleme nach Wien weiterfahren konnte. Andere Touren führten über Skandinavien. Dabei wurde an alle Details gedacht: Wenn jemand in Zürich gewesen sein sollte, hatte er Kinokarten oder Fahrkarten von dort bei sich. Auch über umgebaute Fahrzeuge verhalf die Gruppe, der Schroedter angehörte, DDR-Bürgern in den Westen – zumindest bis zur Einführung der Wärmebildkameras.

Kuriere waren Stasi-Spitzel

Verärgert denkt Schroedter daran zurück, dass es auch Verräter in den eigenen Reihen gab. „So hatten sich zwei Leute angeboten, als Kuriere mitzumachen, waren aber Spitzel für die Stasi.“ Touren sind hochgegangen, viele Verhaftungen waren die Folge. Nach dem Mauerfall hat sich geklärt, wieso plötzlich vieles schief ging. „Aber da war schon die Verjährung eingetreten, Darunter haben wir alle sehr gelitten.“

Für Schroedter selbstverständlich

Am Anfang, 1961, war die Fluchthilfe noch recht einfach. Die Übergänge waren noch nicht mit technischen Finessen gesichert, Pässe konnten noch mit Bleistift bearbeitet, Fotos einfach ausgetauscht werden. Mit der Zeit wurde alles schwieriger. 1964 hörte Schroedter mit der aktiven Fluchthilfe auf – es war kaum mehr möglich, Menschen in den Westen zu bringen. Danach hatte er das Kapitel eigentlich für sich abgeschlossen und irgendwie ist es ihm auch heute unangenehm, über diese Zeit zu sprechen. Als Held möchte der 78-Jährige auf keinen Fall bezeichnet werden. „Es war völlig selbstverständlich für mich, dass ich das mache. Auch im weiteren Verlauf, als mir die Gefährlichkeit erst bewusst wurde.“ Erst das Bundesverdienstkreuz 2012 hat ihn mit einer Vergangenheit wieder in Kontakt gebracht. Und doch – als ihn seine Enkelkinder darum baten, in der Schule etwas über seine Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten, stellte sich ihm die Frage nicht, ob er zusagen würde. Er möchte etwas weitergeben. Denn: „Wer das mitgemacht hat, der hat schon was fürs Leben mitgenommen.“

Von Konstanze Kobel-Höller

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