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Stahnsdorf So reagieren Stahnsdorfer und Kleinmachnower auf die Bogenjagd-Absage
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22:00 05.06.2019
Wildschweine in Stahnsdorf und Kleinmachnow sind vorerst vor Bogenjägern sicher. , Quelle: Meyer/DPA
Stahnsdorf

„Ich komme mir vor wie ein Marathonläufer, dem man 50 Meter vor dem Ziel ein Bein stellt“, sagt Jagdpächter Peter Hemmerden, „ich bin sehr enttäuscht. Ich habe viel Arbeit reingesteckt, mich mit vielen Leuten getroffen und ein kompetentes Konzept entwickelt.“ Doch sein Antrag auf Bogenjagd in Stahnsdorf und Kleinmachnow ist am Mittwoch vom Umweltministerium abgelehnt worden.

Obwohl noch vor wenigen Tagen euphorisch mitgeteilt worden war, dass voraussichtlich innerhalb von zwei Wochen mit der Ausnahmegenehmigung gerechnet werden könne, heißt es jetzt, dass das Experiment nun doch nicht stattfinden wird. Die Ausschreibung für die zwingend erforderliche wissenschaftliche Begleitung habe kein zuschlagfähiges Ergebnis gebracht, so das Ministerium.

Jagdwissenschaftler von medialen Rummel abgeschreckt

„Es gab Bewerber, aber leider nicht im Antragszeitraum. Ich denke, dass sich viele an der lauten Begleitmusik gestört haben. Die Jagdwissenschaft meidet die Öffentlichkeit wie ein scheues Reh“, sagte Pressesprecher Jens-Uwe Schade der MAZ. Politisch habe der Obersten Jagdbehörde aber niemand Vorschriften gemacht, stellte er klar: „Doch ich habe ja selbst gesehen, dass da ein Shitstorm von mehreren Seiten losgegangen ist.“

So hatte erst vor wenigen Tagen der Landes­tierschutzverband eine Strafanzeige gegen Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) angekündigt, sobald Wildschweine mit Pfeilen geschossen würden. In den sozialen Foren ist die Jagd mit Pfeil und Bogen sehr umstritten, das Stahnsdorfer Rathaus sowie das Ministerium waren von Gegnern mit Parolen beschmiert worden. Mutmaßlich wurde ein Hochsitz von Jagdgegnern in Brand gesetzt worden.

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Zu den klaren Gegnerinnen der Jagd mit Pfeil und Bogen gehört auch die Kleinmachnower Bündnisgrüne Barbara Sahlmann: „Das Nein freut mich sehr. Die Jagd mit Pfeil und Bogen lehnen wir ab. Tierschutzgründe sprechen dagegen, denn die Wildschweine sind nicht sicher tot. Wir Menschen haben den Tieren den Lebensraum durch starke Besiedlung genommen. Da hilft die Rückkehr ins Mittelalter überhaupt nicht.“

Stahnsdorfs Bürgermeister Bernd Albers (BfB). Quelle: privat

„Im Ergebnis bleibt nun unklar, ob wir jemals erfahren werden, ob die Bogenjagd auf Wildschweine tierschutzgerecht ist oder nicht“, reagierte Stahnsdorfs Bürgermeister Bernd Albers (BfB) auf die Entscheidung. Er wird unterdessen von CDU-Mann Wolfgang Brenneis frontal angegriffen: „Das war wieder so ein Profilierungsding von Albers. Dieser Schuss ist nach hinten losgegangen. Aber er hat deutschlandweit Presse ohne Ende gehabt. Das Problem ist: Die Jagdpächter müssen trotzdem was gegen die Wildschweinplage tun.“

Wolfgang Brenneis ( CDU). Quelle: privat

Nun müsse man vielleicht doch mehr mit Lebendfallen arbeiten – wenn es wirklich sein müsse, ergänzt Thomas Michel (Bündnis 90/Grüne). Auch das Jagdethik-Thema gelte es dabei sicher im Blick zu behalten, gibt er zu bedenken. Denn Albers möchte nun, dass weitere alternative Jagdmethoden in Betracht gezogen werden, darunter die Aufhebung des Verbotes des Einsatzes von Nachtsichtgeräten und ähnlichen technischen Assistenzsystemen, modifizierte Munition und Schalldämpfer.

Diese Forderungen seien grundsätzlich gute Ansätze, änderten aber nichts daran, dass im Ortsgebiet ein Schuss abgegeben werden müsse, so Hemmerden. Der Jagdpächter verweist außerdem darauf, dass Schalldämpfer bereits erlaubt seien und der Einsatz von Nachtsichtgeräten auch auf der Waffe bereits als gesetzliche Änderung in Planung ist.

Bedenken gegen Überschallmunition

Zur modifizierten Munition hat er Bedenken: Bei der Anwendung von sogenannter Ultraschallmunition, müsse auf einer Entfernung von 30 bis 40 Metern ein Kopfschuss gesetzt werden. „Das bedeutet, dass eine Fläche von fünf mal fünf Zentimetern getroffen werden muss. Ich würde das nicht machen“, so Hemmerden, „die Gefahr, dass ich das Tier nicht ordentlich treffe, ist da sehr hoch – höher als bei der Jagd mit Pfeil und Bogen.“

Nächste Woche soll nun ein Treffen mit den Bürgermeistern der beiden Gemeinden, Fachleuten der Wildökologischen Forschungsstelle Eberswalde und mit örtlichen Jägern stattfinden, bei dem über weitere Ideen gesprochen werden soll, wie die Wildschweinpopulation nun eingedämmt werden könnte. „Doch sei es, wie sei – dann leben wir eben noch etwas länger mit den Wildschweinen in der Ortslage“, gibt sich Hemmerden geschlagen. Er rechnet ohnehin schon bald mit einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in der Region. Erst gestern habe er wieder von 8000 betroffenen Hausschweinen in Polen gelesen. „Das wird dann sowieso alles ändern.“

Von Konstanze Kobel-Höller

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