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Potsdam-Mittelmark Wenn Kinder „mitgegangen“ werden
Lokales Potsdam-Mittelmark Wenn Kinder „mitgegangen“ werden
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15:09 28.11.2014
Anna und Susanne Schädlich (l.) hatten zur Lesung im Bad Belziger Loewig-Haus viele Gäste.
Anna und Susanne Schädlich (l.) hatten zur Lesung im Bad Belziger Loewig-Haus viele Gäste. Quelle: T. Wachs
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Bad Belzig

Es ging in eine neue Welt. Die bisherige blieb zurück. Und mit ihr Freunde, Familienmitglieder, Erinnerungen. Susanne und Anna Schädlich haben sie zusammengetragen und in einem bewegenden Buch veröffentlicht. „Ein Spaziergang war es nicht – Kindheiten zwischen Ost und West“, heißt die Anthologie. Die Sammlung persönlicher Geschichten lässt Betroffene selbst erzählen. Alle 18 Autoren teilen gemeinsame Erfahrungen. Als Kinder von Gegnern des DDR-Regimes reisten sie irgendwann in den Westen Deutschlands aus – mitunter wurden sie abgeschoben.
Anders als ihre Eltern, für die die Ausreise ein lange erhoffter Schritt in die Freiheit war, erlebten die Kinder den Wechsel ihrer Lebensumstände meist völlig unvorbereitet. Der Verlust der Geborgenheit im Kreis der Familie, Freunde und Schulkameraden war für viele auch ein Trauma, das sie nachhaltig prägen sollte.

So erging es auch Anna und Susanne Schädlich. Ihr Vater, der Sprachwissenschaftler und Schriftsteller Joachim Schädlich, stellte sich dem DDR-Regime entgegen und war der Staatsmacht schnell ein Dorn im Auge. 1977 dann wurde der Ausreiseantrag der Familie plötzlich bewilligt. An einem Montagabend im Dezember kam Susanne Schädlich wie üblich von der Musikschule heim, als ihre Mutter Krista Maria ihr offenbarte, „wir ziehen am Sonnabend um – in den Westen“. Von einem Moment auf den anderen sollten auch die Kinder Vertrautes zurücklassen. Davon berichtet Anna Schädlich in ihrem Buch-Text „Erzählte Erinnerung“. Sie war damals erst vier Jahre alt. Erinnerungen an die Ausreise speisen sich für sie vor allem aus Erzählungen der Eltern und der sieben Jahre älteren Schwester. Dennoch beschäftige und präge die Sozialisation in der DDR die 41-Jährige bis heute, erzählte sie in Bad Belzig.

Dort stellten die Schwestern ihr Buch am Sonnabend im Roger-Loewig-Haus bei einer Lesung vor gut 50 Gästen vor. Die Arbeit am Buch habe Abstand zu den Ereignissen gebraucht. „Kurz nach der politischen Wende wäre das so nicht möglich gewesen“, sagt Anna Schädlich. 2009 fragten sie und ihre Schwester sich, was aus den anderen Familien und vor allem deren Kindern geworden ist, „die damals wie wir in eine völlig neue Umgebung gestoßen wurden.“ Die Recherche begann. „Durch die meist bekannten Namen war es vergleichsweise einfach, Kontakte herzustellen“, erzählt Anne Schädlich. „So gut wie alle waren sofort bereit, mit eigenen Beiträgen an dem Buch mitzuarbeiten“, ergänzt ihre Schwester. Für viele sei es eine willkommene Gelegenheit gewesen, ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten.

Diese füllt in verschiedenen Stilformen nun 317 Seiten. Zu den Autoren zählen unter anderem Nadja Klier, Tochter von Freia Klier, Eliya Havemann, Sohn von Wolf Biermann, oder auch Johannes Honigmann. Er erinnert sich in seinen Zeilen daran, wie er von seinen Eltern „mitgegangen worden ist“, erzählt Susanne Schädlich. Für sie und ihre Schwester ging es mit den Eltern nach der Ausreise aus Ost-Berlin zunächst nach Hamburg in das Haus des Schriftstellers Günter Grass. „Unsere Eltern und auch die der anderen hatten ja meist Kontakte. Sie wussten, was sie erwartet, waren vorbereitet“, so Anna Schädlich. Ganz anders die Kinder. Überall waren sie immer die Neuen aus einem Land, das den meisten fremd war.

Stationen der weitere Odyssee durch die neue Heimat im Westen waren Düsseldorf, Stuttgart und schließlich wieder Berlin, wo die Familienmitglieder heute wieder leben. Während Anna sämtliche Umzüge mitmachte, bekam die ältere Schwester Susanne zu viel davon und ging in die USA. So weit wie möglich nach Westen. „Die vielen Umzüge haben kein Ankommen möglich gemacht“, sagt Anna Schädlich.

Zu den Personen

Susanne Schädlich (geb. 1965) veröffentlichte  u.a:

  • "Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich", Droemer Verlag (2009)
  • "Westwärts, so weit es nur geht", Droemer Verlag (2011)
  • "Herr Hübner und die sibirische Nachtigall", Droemer Verlag (2014)

Anna Schädlich (geb.1973) veröffentlichte  u.a:

  • "Betrachtung", in: "Erstaunliche Einsichten", Hrsg, Rainer Moritz, Hubertus Gaßner, Daniel Koep, Wachholtz Verlag (2013)
  • "Begegnung", gemeinsam mit Hans Joachim Schädlich, in: "Unter vier Augen. Sprachen des Porträts", Hrsg. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kerber Verlag (2013)

Zusammen sind die Schwestern die Herausgeberinnen der Anthologie "Ein Spaziergang war es nicht – Kindheiten zwischen Ost und West", Heyne Verlag (2012)

Tief getroffen hat die Schwestern, dass ausgerechnet ihr Lieblingsonkel die Familie im Auftrag des Staatssicherheitsdienstes bespitzelt hat. „Das haben wir 1992 aus den Stasi-Akten erfahren – es war ein Schock für uns alle“, so Anna Schädlich. Doch sei längst „nicht alles nur bedrückend gewesen“, erzählt sie bei der Lesung in Bad Belzig. „Wir und die anderen Autoren sind froh, dass wir die DDR verlassen konnten“, sagt die 41-Jährige. „Die meisten sind gestärkt daraus hervorgegangen“, ergänzt ihre Schwester.

Von Thomas Wachs

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