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Teltow Das ist die soziale Werkstatt für süße Stofftiere in Teltow
Lokales Potsdam-Mittelmark Teltow Das ist die soziale Werkstatt für süße Stofftiere in Teltow
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07:47 13.12.2019
Josefine Degraa (l.) und ihre drei Mitarbeiter Erika Blume, Tobias Kretschmer und Monika Kettner (v. l.). Quelle: Konstanze Kobel-Höller
Teltow

„Nähen ist mein Leben“, sagt Erika Blume voller Inbrunst, „es war keine Frage, ob ich hier anfange.“ Seit vier Jahren ist Blume bei „Josefines Kinder“ in der Teltower Biomalzfabrik, einer Einrichtung der Union Sozialer Einrichtungen (USE), beschäftigt. Gemeinsam mit derzeit neun anderen Frauen und Männern mit psychischen Erkrankungen produziert sie hochwertige Kuscheltiere, Schultüten und Dekoration aus Stoff.

Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt

„Viele haben Zeiten in der Psychiatrie oder einer Tagesklinik hinter sich“, sagt Josefine Degraa, die diesen Zweig der USE leitet, „sie können bei uns eine berufliche Rehabilitation machen, mit dem Ziel, dass sie wieder stabil werden und im besten Fall in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden.“

Degraas Schützlinge werden auch von Psychologen und Sozialarbeitern unterstützt – so wird sichergestellt, dass sie nicht nur eine berufliche Bildung in dem Ausmaß bekommen, zu dem sie ohne Überforderung in der Lage sind, sondern auch, dass sie soziale Fähigkeiten ausbauen und ihnen beim Bewältigen von Krisen geholfen wird.

Süße Kuscheltiere aus der Werkstatt „Josefines Kinder" in Teltow. Quelle: Konstanze Kobel-Höller

„Oft waren sie vorher so lange isoliert, dass sie eine Sozialphobie haben“, berichtet Degraa, „es geht auch darum, Strukturen zu entwickeln. Mit der Sozialarbeiterin werden soziale Kompetenzen erlernt, zum Beispiel das Pünktlich-Sein. Ich mache mit ihnen einen Bildungsplan, was sie in den zwei Jahren erlernen können.“

Manchmal erschweren auch die Persönlichkeitsstörungen selbst oder Medikamente das Arbeiten. „Aber Krankheiten, die einen völlig lähmen – das geht bei uns nicht“, so die 44-Jährige. Die Mindestanwesenheit am Arbeitsplatz beträgt vier Stunden, wer das nicht schafft, kann nicht mitmachen.

„Josefines Kinder“ war erst ein Näherei-Start-Up

Degraa hat das Label „Josefines Kinder“ nach der Geburt ihres zweiten Kindes gegründet. „Ich wollte Puppen nähen“, sagt sie. Eine eigene Werkstatt zu Hause, ein Online-Shop – das war der Start in die Selbstständigkeit. Erfolgreich nähte sie Kissen, Rucksäcke, Taschen und Deko und kam schließlich über einen Wohltätigkeitsverkauf in Kontakt mit der USE.

Dort wurde gerade eine gelernte Schneiderin gesucht, um eine kreative Textilwerkstatt zu eröffnen. „Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mit der Freude, die ich empfinde, wenn ich Kuscheltiere mache, noch anderen helfen kann.“ Jetzt läuft ihr Label über USE, die Kunden wurden übernommen.

Arbeit ohne Zeitdruck

Ihr gefällt, dass die Produkte so aufgesplittet werden könnten, dass sowohl schwache als auch starke Beschäftigte Teil am Prozess der Kuscheltiere hätten, sagt sie. „Sie bekommen immer wieder Rückmeldungen, dass sie was ganz Tolles gemacht haben. Sie sollen jeden Tag reale Erfolgserlebnisse haben.“ Wichtig sei ihr, dass ihre Beschäftigten ohne Zeitdruck arbeiten. Daher hänge die Produktion immer davon ab, wie stark und stabil die Gruppe gerade sei. Die Liefertermine im Internetshop sind großzügig – meistens schafft die Werkstatt es, nach zwei statt der angekündigten drei Wochen zu liefern.

Rehabilitation: So vergibt USE einen Job

Wer bei der USE beschäftigt werden möchte, muss bei der Agentur für Arbeit oder der Deutschen Rentenversicherung einen Antrag auf berufliche Rehabilitation stellen.

Während einer dreimonatigen Eingangsphase bei der USE wird ein Plan mit Schwerpunkten und Zielen der Rehabilitation festgelegt.

Nach zwei Jahren beruflicher Bildung gibt es ein Zertifikat, das dokumentiert, was gelernt wurde.

Seit dem Umzug in größere Räume innerhalb der Biomalz-Fabrik werden bei „Josefines Kinder“ 15 Plätze angeboten. Derzeit sind zehn davon besetzt.

Die Kosten für die Reise nach Gonfreville werden von der USE getragen, unterstützt von den beiden Kommunen. Insgesamt können sechs Teltower Beschäftigte mitfahren, zwei sind von „Josefines Kinder“ mit dabei. Am Gegenbesuch nahmen fünf Gonfreviller teil.

Begleitet werden sie von Degraa, einer Sozialarbeiterin und einer Ergotherapeutin, die auch dolmetscht. Ausgewählt wird nach einem Bewerbungsverfahren – und wer mit darf, bekommt auch einen Französisch-Kurs.

Doch nicht immer klappe das, sagt Degraa. „Manchmal muss auch alles wieder aufgetrennt werden.“ Als Beispiel nennt sie die Schultütensaison: Da bekommt die Gruppe an guten Tagen acht Tüten fertig, an anderen eben nur zwei. „Es gibt Tage, an denen wir sagen, wir haben eigentlich nichts geschafft, aber die Leute gehen doch relativ zufrieden nach Hause.“

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Die Beschäftigten bei USE und damit auch „Josefines Kinder“ bekommen mehr geboten als nur die Chance auf eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Es gibt Angebote wie Malen oder Englisch, es wird Wert gelegt auf persönliche Entwicklung und Kompetenzen. Als schönstes Projekt bezeichnet die Schneiderin ein Ereignis, das nicht unbedingt etwas mit der Werkstatt zu tun hat: Als vor zwei Jahren Teltows Bürgermeister Thomas Schmidt privat eine Schultüte bestellte, kam die Idee eines Werkstattaustauschs mit einer Behinderteneinrichtung in der Partnerstadt Gonfreville auf. „Das ist das Schönste, was wir für die Menschen gemacht haben“, sagt Degraa.

Von Konstanze Kobel-Höller

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