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Teltow „Wieso ist das Grab so klein, Papa war doch so groß?“
Lokales Potsdam-Mittelmark Teltow „Wieso ist das Grab so klein, Papa war doch so groß?“
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20:24 23.04.2019
Silke Scheler und Sohn Robin am Grab des Vaters. Die Kindertrauergruppe der Region Teltow ist für den Jungen eine neue Erfahrung.
Silke Scheler und Sohn Robin am Grab des Vaters. Die Kindertrauergruppe der Region Teltow ist für den Jungen eine neue Erfahrung. Quelle: Konstanze Kobel-Höller
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Region Teltow

Als Robins Mutter die Fragen ihres Kindes nach dem Tod seines Vaters nicht mehr alle beantworten konnte, kam das Angebot der ersten Kindertrauergruppe der Region Teltow gerade rechtzeitig. Nun hofft sie, dass Robin unter Gleichgesinnten Antworten findet, die ihm sonst niemand geben kann.

Ein Kuschelstern für Papa

Als Robin drei Jahre alt war, erkrankte sein Vater sehr überraschend an akuter Leukämie. „Die Diagnose kam quasi über Nacht. Wir hatten keine Zeit zum Nachdenken. Er hatte das volle Programm: Chemotherapie, Stammzellenspende – alles“, erinnert sich Silke Scheler, Robins Mutter. Zehn gemeinsame Monate verblieben der Familie, die letzten fünf Wochen verbrachte Michael Scheler zu Hause bei seiner Frau und den drei Kindern. Silke Scheler wurde dabei von einer Kinder-Psychoonkologin begleitet, die mit ihr daran gearbeitet hat, wie sie ihre beiden Söhne und ihre Tochter in dieser schweren Zeit stützen könnten. „Immer altersgerecht offen und ehrlich damit umgehen“, war das Motto. „Als es in Richtung Palliativ ging, wussten Robin und seine beiden älteren Geschwister längst, was passieren würde.“ Der Abschied wurde zelebriert, bevor Robin in die Kita ging. Als er zurückkam, durfte er noch einen Kuschelstern auf Papas Brust legen.

Auch noch den Opa verloren

Zwei Jahre danach verlor Scheler auch noch ihren Vater – und Robin seine zweitwichtigste männliche Bezugsperson. Die Einschulung fand dann ohne Papa und Opa statt.

Gespräche auf der Terrasse beschäftigten sich zunächst mit der Frage: „Wo ist Papa jetzt?“ – „Er ist ein heller Stern am Himmel, da oben.“ Das war für ihn okay, erzählt die Mutter. In den Jahren danach hat Papa die Wolken am Himmel weggeschoben, die Sonne angemacht und er hat mit Opa Skat gespielt. Doch irgendwann, nach zwei oder drei Jahren kippte das, so die heute 48-Jährige. „Wo ist das Grab? Wieso ist es so klein, Papa war doch so groß? Was hat man mit ihm gemacht? Tut Verbrennen nicht weh?“

Gruppe für Jugendliche in Planung

Die Kindertrauergruppe in der Region Teltow wurde von der Familienbegleiterin Sabine Elvert aus Stahnsdorf initiiert. Es ist ein Angebot des Kinderhospizdienstes der Kinderhilfe.

Gegenwärtig ist es das erste Angebot dieser Art im Landkreis Potsdam-Mittelmark.

Für die Treffenstellt das Teltower Mehrgenerationenhaus und Familienzentrum „Philantow“ unentgeltlich Räume zur Verfügung.

Derzeit gibt es lediglich eine Kindergruppe. Bei entsprechendem Bedarf kann eine zweite Gruppe eröffnet werden.

Auch Planungen für eine Gruppe für Jugendliche im Alter zwischen zehn und bis 22 Jahren werden derzeit erarbeitet. Dabei sollen allerdings keine regelmäßigen Treffen, sondern Projektwochenenden und andere Veranstaltungen stattfinden.

Weitere Informationen über die Kindertrauergruppe und ihre Zusammenkünfte erhalten Interessierte unter Telefon 0151/41 26 72 82 beziehungsweise per E-Mail unter s.elvert@kinderhilfe-ev.de

Es kam die Zeit, in der die Nachrichtentechnikerin nicht mehr in der Lage war, alles kindgerecht zu beantworten. Seit kurzem sieht sich Robin, mittlerweile acht Jahre alt, außerdem wieder vermehrt Bilder von seinem Papa an, erzählt sie. „Aber das Kind will das zurückgebliebene Elternteil schonen, ihm nicht weh tun.“ In der Kindertrauergruppe hat er vielleicht die Chance dazu, dachte sich Scheler. Zumal Robin selbst auch schon festgestellt hatte: „Die anderen Kinder wissen ja gar nicht, wie ich mich fühle.“

Jede Meinung wird respektiert

Die erste Gruppe traf sich jetzt erstmals. Sieben Kinder, die ihren Vater, sechs Mütter, die ihren Partner verloren haben. „Für Robin war es wohl eine total neue Erfahrung, einer von mehreren zu sein“, sagt Scheler. Die Kinder hätten sich sofort gefunden. Beim ersten Termin ging es ums Kennenlernen, Regeln im Umgang miteinander wurden festgelegt, es wurde gespielt. Parallel dazu haben sich die Mütter kennengelernt. Beide Gruppen wurden begleitet, insgesamt besteht das Team derzeit aus fünf Personen, drei Trauerbegleiterinnen und zwei anderen Betreuerinnen, wobei immer vier von ihnen anwesend sind. Eine der wichtigsten Regeln ist, dass jede Meinung respektiert wird – auch unterschiedliche Vorstellungen vom Jenseits. „Niemand kann beweisen, dass der Verstorbene kein Engel oder kein Stern ist.“ Es sei klar besprochen, dass man sich an keiner Konfession orientiere und Organisatorin Sabine Elvert ist überzeugt, dass dieses Thema kein Problem wird. „Ich glaube nicht, dass jemand, dem das unangenehm wäre, in die Gruppe käme.“

Die Familienbegleiterin Sabine Elvert aus Stahnsdorf hat die Kindertrauergruppe der Region Teltow ins Leben gerufen. Quelle: Konstanze Kobel-Höller

Ab dem nächsten Mal wird es auch kreative Angebote zum Thema Gefühle geben. Ein Schatzkästchen für wertvolle Erinnerungen wird gestaltet, ein Bilderrahmen für ein ganz besonderes Foto, oder Masken werden bemalt. „Wie geht es mir innen und was zeige ich nach außen?“ Alle Kinder haben auch ein Gedankenbuch bekommen, das ausschließlich für sie gedacht ist. Darin können sie Texte eintragen, Erinnerungen einkleben – es gibt keine Vorgaben.

Elvert wertet ihre Initiative als Hilfe zur Selbsthilfe und freut sich, dass die Mütter der ersten Gruppe schon über WhatsApp ein Extra-Treffen vereinbart haben. Die Kinder sollen so gestärkt werden, dass sie selbst mit ihren Gefühlen zurechtkommen, sagt sie und betont, dass sie aber jederzeit wieder zurückkommen können, wenn sie es brauchen. Sie möchte, dass Kinder und Eltern gut selbst durchs Leben kommen, „und wir nicht mehr so gebraucht werden.“

Lesen Sie auch: „Trauergruppe für Kinder“

Von Konstanze Kobel-Höller

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