Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow Wenn ein Mann seine Frau tötet: Ein Teltower erinnert sich an den Tod seiner Mutter
Lokales Potsdam-Mittelmark Teltow Wenn ein Mann seine Frau tötet: Ein Teltower erinnert sich an den Tod seiner Mutter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:58 21.11.2019
Frauen fliehen oft zu spät vor der Gewalt ihres Partners und suchen Schutz (Symbolfoto). Quelle: epd
Teltow

„In den ersten Jahren habe ich mir manchmal gedacht, dass ich schon lange nicht mehr bei Mutter war – und dann ist mir eingefallen, warum: Sie ist ja tot“, erzählt Paul Jung (Name von der Redaktion geändert). Zunächst in einer gewalttätigen Beziehung gefangen, war die Teltowerin im Juli 2004 von ihrem Lebensgefährten mit 21 Messerstichen erstochen worden, als sie sich endgültig trennen und ihr Leben in den Griff bekommen wollte.

Die Mutter wollte nur noch ein paar Sachen abholen

„Sie war schon aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und wollte nur mehr ein paar Sachen holen.“ Als seine Mutter sich nicht mehr meldete, gab er eine Vermisstenanzeige auf. Nach zwei Tagen entdeckte die Polizei sie in der Wohnung des ehemaligen Partners: Die 45-Jährige war ermordet worden. „Es ist besser, wenn Sie nicht reingehen, hat mir die Polizistin gesagt, und dann hat sie mir erzählt, dass meine Mutter tot ist.“

Später bekam der damals 25-jährige Sohn einen Eindruck Eine Blutspur zog sich durch mehrere Räume; blutrote Kissen, die einst weiß waren. Die Tat hatte so schockiert, dass das Potsdamer Schwurgericht auf Mord aus niederen Beweggründen entschied, obwohl die Staatsanwältin auf Totschlag plädiert hatte.

Rachegedanken der Hinterbliebenen

Aber was macht so etwas mit den Überlebenden? „Am schlimmsten war, als meine Großeltern dem Täter das erste Mal wieder begegneten. Da hat man in den Gesichtern richtig sehen können, wie alles zerbrochen ist.“ Jung selbst war erst erstarrt, dann mussten die Polizisten dafür sorgen, dass er ihm nichts antut, erinnert er sich. Immer wieder hat er seitdem in Gedanken durchgespielt, was er mit ihm anstellen würde.

15 Jahre danach sei es zwar besser geworden, aber ganz darüber hinweg sei er noch nicht, sagt er. „Mir kommen immer noch die Tränen.“ Geholfen hätten ihm die Zeit, der Glaube und die geduldigen Freunde. Doch gerade die Gespräche mit diesen hätten ihm gezeigt: „Man merkt, dass die schöne heile Welt gar nicht existiert.“ Fast alle hätten von eigenen Erfahrungen mit Gewalt in verschiedenen Formen berichtet. „Da kommt man erst drauf, was man alles gar nicht ahnt.“

Schuld ist nur der Täter

Doch in seiner Familie habe man gewusst, dass die Gewalt schon früher angefangen habe. „Das kommt immer wieder. Wir wussten, dass er, wenn er besoffen ist, auch mal zuschlägt. Aber sie ist trotzdem immer wieder zurück zu ihm.“ Natürlich gebe es Situationen, wo er sich auch selbst Vorwürfe mache. „Aber man muss sich immer wieder bewusst machen: Schuld ist nicht die Familie, sondern der Täter.“

„Im Kleinen passiert es jeden Tag“

Ihm ist wichtig, Betroffenen etwas mitzugeben: „Im Kleinen passiert es jeden Tag an jeder Ecke. Da sollte man keine Versprechen annehmen, sondern sofort weggehen. Trotzdem darf man den Mut nicht verlieren.“

Vieles, was der Teltower schildert, erinnert an die Ereignisse von Ende Oktober in seiner Heimatstadt. Offiziell wurde nicht viel bestätigt: Eine 60-jährige Frau wurde in der Chopinstraße umgebracht, der Haupttatverdächtige war ihr Ehemann, der vor wenigen Tagen in der Untersuchungshaft ums Leben kann. Eine Obduktion des 57-Jährigen wurde angeordnet. Zurück bleiben zwei Kinder, 19 und 20 Jahre alt.

In der Teltower Chopinstraße wurde eine Frau getötet. Quelle: Konstanze Kobel-Höller

 Nachbarn und Freude schilderten, dass die Frau ein Annäherungs- und Kontaktverbot gegen den Mann erwirkt hatte. Dass sie sich mehrfach an die Polizei gewandt hatte, weil er sich nicht daran hielt. Dass sie wenige Wochen zuvor überfallen und mit Kabelbindern gefesselt worden war – hauptverdächtig auch hier der Ehemann. Und dass der Umzugswagen für den nächsten Tag bestellt war.

Lesen Sie dazu auch:

„Wenn die Frauen ausziehen wollen, wird es am gefährlichsten“, bestätigt Heiderose Gerber vom Autonomen Frauenzentrum in Potsdam, „immer, wenn es wirklich wahr wird.“ Einen Notrufknopf für akut gefährdete Frauen, der direkt mit der Polizei oder einem Sicherheitsdienst verbunden ist, wünscht sie sich. Aber auch mehr Beratung – für Frauen und für Männer. So sei Brandenburg das einzige Bundesland, das erst ab nächstem Jahr ein Programm für Täter habe, kritisiert sie.

Frauen sollen Gewalt nicht einfach aushalten

Frauen müssten außerdem lernen, dass sie Gewalt nicht aushalten müssen. „Erst wenn es die Kinder auch betrifft, ist für viele oft eine Grenze erreicht“, sagt sie. Aber die Ideen, Frauen im Haus zu halten, sind vielfältig – quer durch alle sozialen Schichten. Ein wichtiges Mittel ist etwa der Geldentzug. „Das ist die Strategie des Täters: Er fühlt sich besser, indem er sie klein macht.“

Lesen sie außerdem zum Thema:

Oft würden Frauen mehrmals zur Beratung kommen, bis sie sich zum Ausstieg aus der gewalttätigen Beziehung entscheiden können. „Da hängt auch oft viel dran: ein Haus, Schulden, Ansehen, Gesellschaft, Familie und mehr.“ 676 Personen ließen sich 2018 im Frauenzentrum beraten, in 85,5 Prozent der Fälle ging es dabei um Gewalt, zumeist in der Partnerschaft.

Unterschlupf im Frauenhaus

In den Gesprächen können sich die Frauen sortieren, weitere Schritte und Möglichkeiten überlegen. Wenn nötig, bietet das Frauenzentrum auch 21 Plätze im eigenen Frauenhaus an – im Vorjahr fanden hier 33 Frauen und 30 Kinder Unterschlupf.

Das Telefon zu „Gewalt gegen Frauen“ hilft in 17 Sprachen

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist eine mögliche Anlaufstelle.

Hier wurden im Vorjahr 42 000 Beratungen vorgenommen, das sind um zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.

In 59 Prozent der Fälle war hier häusliche Gewalt der Anlass für ein Gespräch.

Am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, ruft das Hilfetelefon mit der Mitmachaktion „Wir brechen das Schweigen“ zu Solidarität mit betroffenen Frauen auf. Möglichst viele User sollen sich mit dem Aktionsschild fotografieren und das Foto mit dem Hashtag #schweigenbrechen auf sozialen Medien veröffentlichen. Damit soll Betroffenen signalisiert werden, dass sie nicht alleine sind.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter 0800/116 016 oder www.hilfetelefon.de erreichbar.

Auch über E-Mail oder Sofort-Chat wird beraten. Innerhalb von 60 Sekunden kann auch eine Dolmetscherin in einer von 17 Sprachen zugeschaltet werden.

Insgesamt gab es im Vorjahr in Brandenburg 4466 Fälle häuslicher Gewalt, ist der „Lagedarstellung Häusliche Gewalt“ des Landeskriminalamtes zu entnehmen – zehn Jahre zuvor waren es noch 1903, das entspricht einer Steigerung auf 234 Prozent. Ob es wirklich mehr Fälle gibt oder nur mehr Fälle bekannt werden, ist schwer zu messen. Im Vergleich zu 2017 betrug der Anstieg fünf Prozent.

Drei von vier Verdächtigen sind Männer

Die Mehrheit der Opfer ist dabei weiblich. So erfolgten 89,7 Prozent der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, 77,4 Prozent der Straftaten gegen die persönliche Freiheit und 69,3 Prozent der Körperverletzungen an Frauen. 75,8 Prozent der Tatverdächtigen waren voriges Jahr männlich.

Von Konstanze Kobel-Höller

Der Indoor-Spielplatz „Kinderoase“ in Teltow soll nach 15 Jahren verkauft werden. 2005 hatten die jetzigen Eigentümer das 1959 erbaute ehemalige Bahn-Gleichrichterwerk von Müll und Graffiti befreit, saniert und mit Ideen gefüllt. Jetzt steht es auf der Liste einer Sommerauktion im nächsten Jahr.

20.11.2019

Seit einer Woche ist die Rammrathbrücke zwischen Teltow und Kleinmachnow gesperrt, weil sie abgerissen wird. Das große Verkehrschaos blieb zwar aus, aber an neuralgischen Punkten brauchen Autofahrer dicke Nerven.

19.11.2019

Der 57-jährige Teltower, der in der Nacht zum 25. Oktober dieses Jahres in einem Einfamilienhaus in der Chopinstraße seine 60-jährige Ehefrau umgebracht haben soll, ist in seiner Zelle, in der er in Untersuchungshaft saß, tot aufgefunden worden.

18.11.2019