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Teltow Pannenserie beim Hafenbau
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20:34 21.06.2018
Auch ein falscher Bodenaushub soll zu der drastischen Steigerung der Baukosten für die Marina Teltow beigetragen haben.
Auch ein falscher Bodenaushub soll zu der drastischen Steigerung der Baukosten für die Marina Teltow beigetragen haben. Quelle: Friedrich Bungert
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Teltow

Das Gutachten zu den Ursachen der katastrophalen Kostensteigerung beim Bau des Teltower Stadthafens ist eine Auflistung von Fehlern, falschen Einschätzungen, Versäumnissen, Wissenslücken und Kompetenzmängeln der beteiligten Unternehmen, aber auch teilweise in der Teltower Stadtverwaltung. Mit Berufung auf die jüngsten EU-Datenschutzbestimmungen halten Stadtverwaltung und Rechtsbeistand Matthias Domberg die rund 50-seitige Expertise unter Verschluss. Selbst die Teltower Stadtverordneten erhalten das Dokument auf elektronischem Weg und passwortgeschützt nur nach einer schriftlichen Versicherung, das Material nicht weiterzugeben und/oder für die öffentliche politische Diskussion zu verwenden. Andernfalls drohe eine hohe Geldstrafe. Nach einem Beschluss der Abgeordneten sollten die Ergebnisse der Untersuchungen veröffentlicht werden. Rechtsanwalt Dombert und Gutachter Rainer Enßlin würden über eine modifizierte Fassung des Berichts für die Öffentlichkeit nachdenken, wird behauptet.

Dass sich das Projekt von ursprünglich 4,5 Millionen Euro auf bislang rund 15 Millionen Euro verteuerte, führt Enßlin in seinem Gutachten, das der MAZ auszugsweise vorliegt, auf Faktoren zurück, die wegen unvollständiger Daten zu einer Fehleinschätzung der Baukosten geführt oder sie selbst verursacht hätten. Schon beim Verkauf habe der Voreigentümer der Stadt im Vertrag ein Gutachten zum Altlastenverdacht verschwiegen, das einen deutlichen Hinweis auf das eventuell wahre Ausmaß der Kontamination im tieferen Boden enthielt.

Fehler in Planung und Ausführung

Sie sei erst nach dem Verkauf von einem Büro untersucht worden, dessen Eignungsnachweis die Stadt Teltow nie gesehen habe. Das Büro hatte zuvor schon für die Stadt gearbeitet. Darauf vertraute die Stadt offensichtlich. Wie sich später herausgestellt habe, fehlte dem Büro allerdings die Sachkenntnis für die Untersuchung einer Fläche, auf der einmal ein Betonwerk gestanden hatte. Das Büro soll bei ersten Bohrungen auf ausgelaufenes Altöl gestoßen sein und dies den Projektverantwortlichen mitgeteilt haben. Bereits zu dieser Zeit sei offenkundig geworden, dass das Vorhaben teurer als geplant werden würde, heißt es. Der damalige Gutachter habe die Stadt in den Irrtum geführt, keine größeren Risiken erwarten zu müssen. Nach mehreren Kontroversen mit der Bodenschutzbehörde der Kreisverwaltung habe diese schließlich verlangt, einen anderen Gutachter zu beauftragen.

Den nächsten Fehler fand Enßlin in der Ausführungsplanung. Das beauftragte Projektentwicklungsbüro sei mit seiner Variante des Bodenaushubs vollständig gescheitert, konstatiert er. Bei der Planung seien Hinweise zum Grundwasserstand nicht berücksichtigt worden. Der Gutachter macht den Projektentwickler für den folgenden achtmonatigen Baustopp und die damit entstandenen Mehrkosten verantwortlich. Das Büro habe nach der Bauunterbrechung keine weiterführenden Ideen einbringen können. Zu diesem Zeitpunkt soll nach Aktenlage offenbar niemand in der Lage gewesen sein, die notwendigen Unterlagen und Dokumente nach Wichtigkeit und Dringlichkeit zu ordnen, heißt es. Enßlin schätzt die entstandenen Zusatzkosten durch den Baustopp auf einen mittleren sechsstelligen Betrag.

Unabhängiger Projektsteuerer fehlte im Leitungsteam

Die Kosten seien vor allem dadurch gravierend in die Höhe gegangen, weil die tatsächlichen finanziellen Aufwendungen im Vorfeld nicht bekannt gewesen seien, resümiert Enßlin. Eine sichere Ermittlung hätte die Belastungen weit vor dem Baubeginn relativ zuverlässig aufzeigen können. Demzufolge sei die Kostenexplosion nicht einer fragwürdigen Bauausführung sondern einer lückenhaften Dokumentation zuzuschreiben. Hilfreich wäre gewesen, hätte die Stadt frühzeitig einen Sachverständigen in ihr Projektleitungsteam geholt, der sich mit den Planungsrisiken bei einem Altlasten- und Bodenaushub ausgekennt und das Projekt rechtzeitig in die entsprechende Richtung gebracht hätte. Erst im August 2016 hatte die Stadt ein unabhängiges und fachkundiges Büro mit der Projektsteuerung betraut.

Mit der erschwerten Einsichtmöglichkeit in den Bericht und der Strafandrohung lege die Stadt ihrem Dienstherrn einen Maulkorb an, ärgern sich die Stadtverordneten. Sie wollen mit Hilfe der Kommunalaufsicht und der Datenschutzbeauftragten des Landes prüfen, ob es doch noch eine rechtliche Möglichkeit gibt, die Ergebnisse des Berichts zu veröffentlichen.

Erste Zwischeneinschätzung im Oktober 2017

Mit dem Bau der geplanten Radwegbrücke werden sich die Gesamtkosten für den Teltower Stadthafen auf maximal 22 Millionen Euro erhöhen, schätzen Teltower Stadtverordnete.

Gutachter Rainer Enßlin war im September 2016 damit beauftragt worden, sich auf die Suche nach den Ursachen der Kostenexplosion zu machen. Ein erstes Ergebnis hatte er im Oktober des vergangenen Jahres in nichtöffentlichen Sitzungen vorgestellt.

Infolge der Grundwassersenkung auf der Baustelle drohte ein Teil der neugebauten Oderstraße in Teltow abzurutschen. Dies sollen nun Spundwände verhindern, die am Rand der Straße in den Boden gerammt wurden.

Die Stadt Teltow habe kaum Möglichkeiten gehabt, die Gutachter zu kontrollieren, heißt es in dem Bericht von Enßlin.

Eine Wirtschaftsprüfung soll den Hafen in seiner Größe als dauerhaft unwirtschaftlich eingestuft haben, sagt ein Stadtverordneter.

Von Heinz Helwig