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Teltow Teltowerin deckt Geschichts-Skandal um Bloggerin Marie Sophie Hingst auf
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00:24 07.06.2019
Blick auf die Wände und Decke in der Halle der Namen von mehr als vier Millionen Opfern des Holocaust in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. | Quelle: ZUMA Wire/dpa
Teltow

Die Teltower Historikerin Gabriele Bergner (51) beschäftigt sich mit jüdischen Spuren – sie sucht Vorfahren im Dritten Reich. Marie Sophie Hingst hat ihre Verwandten genau dort gefunden. Besser: erfunden. 22 davon hat sie auch sterben lassen. Was die beiden Frauen verbindet: Bergner hat den skandalösen Fall von Geschichtsfälschung ihrer Kollegin aufgedeckt.

Gabriele Bergner, Historikerin in Teltow. Quelle: Konstanze Kobel-Höller

Hingst hatte in den vergangenen Jahren mehr als 240 000 Leser auf ihrem Blog „Read on my dear, read on“ mit ihrer Familiengeschichte gefesselt, war bei Vorträgen damit aufgetreten, hatte Preise dafür eingeheimst: 22 Vorfahren habe sie im Holocaust verloren, schilderte sie, auch über ihre jüdische Kindheit erzählte sie, von Gedenkfeiern der Auschwitzer Überlebenden schrieb sie, zu denen sie immer ein Kleid tragen musste, was sie nicht wollte; doch die rührigen Erinnerungen hätten sie dafür entschädigt.

Opferbögen für Yad Vashem ausgefüllt

Für ihre ermordeten Vorfahren reichte sie selbst ausgefüllte Opferbögen bei der jüdischen Organisation Yad Vashem ein, um sie als Holocaust-Opfer eintragen zu lassen, schreibt das Nachrichtenmagazin Spiegel, an den sich die Gruppe rund um Bergner gewandt hatte. „Hingst zieht damit auch alle in Zweifel, die seriös arbeiten. Und sie verhöhnt jene, die wirklich Opfer des Holocaust waren. Die haben dann den gleichen Stellenwert wie die erfundenen“, so die Teltowerin.

Den Goldenen Blogger als Bloggerin des Jahres 2017 erhielt Marie Sophie Hingst für ihren Blog „Read on my dear". Überreicht wurde der Preis von Award-Mitgründer Daniel Fiene. Quelle: Die Goldenen Blogger

Nachdem sie auf den Fall aufmerksam wurde, hatte Bergner unter anderem im Stadtarchiv Stralsund nachgefragt, ob es Geburtsurkunden zu jenen gibt, bei denen Hingst, die in Lutherstadt Wittenberg aufgewachsen ist, auf den Opferbögen an Yad Vashem den Geburtsort Stralsund angegeben hatte. Gab es nicht. Nur eine Person hatte überhaupt dort gelebt: Hingsts Urgroßvater. „Allerdings war er zu 100 Prozent evangelisch, nicht jüdisch.“ Wie die gesamte Familie Hingsts im Übrigen.

Pampige Reaktionen auf aufgedeckte Widersprüche

Hingst, die am renommierten Trinity College in Dublin Geschichte promoviert haben soll, verstrickte sich im Laufe ihrer Blog-Geschichten immer wieder in Widersprüche, reagierte aber pampig, wenn sie darauf angesprochen wurde, so Bergner weiter. Doch nicht genug damit: Sie hat scheinbar noch weitere Geschichten erfunden: Sie behauptete, in Indien eine Klinik gegründet und dort Sexualaufklärung für indische Männer betrieben zu haben sowie in Deutschland Flüchtlinge betreut zu haben. Beides scheint erfunden zu sein.

Nazis hatten alle Juden erfasst – Abweichungen fallen auf

„Wir wollten eigentlich nur, dass sie damit aufhört“, schildert der Altphilologe und Genealoge Ingo Paul (44), der eine Datenbank führt, in der mehr als 180 000 Juden aus dem Deutschen Reich erfasst sind. Wie er wusste, dass es sich dabei um Geschichtsfälschung handeln müsse? „So etwas erkennt man sofort, wenn man damit zu tun hat“, sagt er.

In der Volkszählung 1939 seien alle Juden akribisch erfasst worden, die Namen seien noch erhalten. Auch das Gedenkbuch des Bundesarchivs versuche, alle deutschen Juden zu erfassen. „Bei einem oder zwei Namen kann es passieren, dass jemand nicht erscheint, aber nicht bei einer so großen Anzahl.“

„Erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit“

„Was sie verbreitet hat, war unerträglich für jemanden, der jüdische Vorfahren hat,“ sagt Paul. Er ist der Meinung, Hingst sollte sich öffentlich dazu äußern und entschuldigen. Bisher hatte die Bloggerin etwa über ihren Anwalt ausrichten lassen, dass ihre Texte ein „erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich Anspruch nähmen“, wie der Spiegel schreibt. Eigentlich wollte man dies ohne die Öffentlichkeit erreichen, mehrere Behörden und Prominente seien angeschrieben worden, doch nichts sei getan worden.

„Wir wollten kein Leben oder keine Karriere zerstören, aber jetzt scheint es doch so zu sein“, sagt er. Den Preis als „Beste Bloggerin 2017“ brauche man ihr nicht abzuerkennen: „Den hat sie für ihre Arbeit am Blog bekommen – und ich finde, sie hat gut geschrieben.“

Über Yad Vashem

Yad Vashem gilt als die bedeutendste Gedenkstätte, die an den Holocaust erinnert und die nationalsozialistische Judenvernichtung wissenschaftlich dokumentiert.

Sie hat ihren Sitz in Jerusalem und wird jährlich von mehr als zwei Millionen Menschen besucht.

Ein Museum zur Geschichte des Holocaust dokumentiert die Geschichte der Judenverfolgung, zahlreiche Denkmäler erinnern an den Holocaust: In der Halle der Erinnerung ist unter einer Steinplatte Asche aus Konzentrationslagern begabten. Auch an nichtjüdische Personen und Organisationen, die sich Nazi-Regime widersetzt haben, wird gedacht – in der Allee der Gerechten unter den Völkern und dem Garten der Gerechten unter den Völkern. An die 1,5 Millionen ermordeten Kinder wird im Denkmal der Kinder gedacht.

Mit seinen Partnern hat Yad Vashem Namen und biografische Angaben von Millionen Opfern aus dem Holocaust gesammelt und aufgezeichnet. Mehr als 58 Millionen Seiten Dokumentation und über 138 000 Fotografien, die komplett online einsehbar sind, umfasst das Archiv.

Elio Adler, der Vorsitzende der „WerteInitiative jüdisch-deutsche Positionen“ verurteilt die Respektlosigkeit gegenüber den wirklichen Opfern der Nationalsozialisten: „Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, wäre das ein typischer Fall von ‚sekundärem Opfergewinn‘. Wie muss jemand ticken, um auf eine solche Art zu betrügen?“ Er hofft, dass alle diejenigen, die diesem möglichen Betrug aufgesessen sind, ihr Interesse und ihre Sensibilität für das Thema behalten. Denn „Nie wieder“ sei in abgewandelter Form heute so aktuell, wie seit 75 Jahren nicht mehr.

Die Teltower Historikerin Gabriele Bergner, die seit 2013 selbstständig tätig ist, beschäftigt sich überwiegend mit jüdischen Familien im Dritten Reich. So rekonstruiert sie mit der Berliner Mamlock Foundation eine jüdische Gemeinde in Westpreußen bis zu Jahre zurück. Sie hat bei der Recherche zu der Doku über das Schicksal der jüdischen Vorfahren des ehemaligen Innenministers der Niederlande, Ronald Plasterk, mitgearbeitet und eine Dauerausstellung „Zuflucht und Abweisung“ in der Schweizer Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen gestaltet.

Historikerin ist treibende Kraft der Stolpersteingruppe

In Teltow hat sie im Vorjahr die Gemäldeausstellung der emigrierten jüdischen Künstlerin Gertrud Dreyfuss im Rathaus organisiert und eröffnet – Anlass war das Gedenken an die Pogromnacht. Außerdem ist sie treibende Kraft der Stolpersteingruppe in Teltow. Auch von Genealogen aus Israel, Städten, die ihre Straßen benennen möchten, oder auch Familien aus der ganzen Welt wird Bergner angeschrieben, um sich vor Ort auf Spurensuche zu begeben. So gab es etwa eine Familie, die durch den Kalten Krieg getrennt wurde, erzählt Bergner. Die Tante war nach Moskau gegangen und sie konnte die Familie wieder zusammenbringen, das sei sehr berührend gewesen.

Info: Mittlerweile haben die Initiatoren des Goldene-Blogger-Awards bekanntgegeben, dass Marie-Sophie Hingst der Preis bis auf weiteres aberkannt wird.

Von Konstanze Kobel-Höller

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