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Teltow Raumgift in der Kita Käferland: 65 Kinder mussten umziehen
Lokales Potsdam-Mittelmark Teltow Raumgift in der Kita Käferland: 65 Kinder mussten umziehen
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05:53 12.04.2019
Kita Käferland in Teltow
Kita Käferland in Teltow Quelle: Konstanze Kobel-Höller
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Teltow

Die 65 Kinder der Teltower Kita Käferland sind stolz, denn sie besuchen seit Montag den Hort. Der Grund ist jedoch ein unerfreulicher: In ihrem Gebäude wurde zu viel der Chemikaliengruppe der Naphthaline in der Luft festgestellt. „Da muss sofort reagiert werden, das kann fast nicht schnell genug gehen“, sagt Toxikologe Rainer Macholz. Nun ist er auf der Suche nach der Ursache dafür.

Naphthalin überschreitet den Richtwert

Komische Gerüche waren der Grund, warum sicherheitshalber eine Überprüfung veranlasst wurden, schildert Solveig Haller, Leiterin des städtischen Kita-Eigenbetriebes, die Ereignisse. Das Ergebnis gab allen Grund für Aktionismus: Die Werte der als gefährlich eingestuften Naphthaline überschreitet den Richtwert II, wurde Haller von dem Toxikologen Rainer Macholz vergangene Woche am Montag telefonisch vorab mitgeteilt.

Daraufhin ging alles schnell: Elternabend am Mittwochabend, Einholen der ministeriellen Erlaubnis, dass die Kita-Kinder in den nebenan liegenden Anne-Frank-Hort und die Hort-Kinder in die Anne-Frank-Schule dürfen. Am Donnerstag dann der Umzug der Großen, am Freitag folgten die Kleinen mit Sack und Pack, denn die Spielsachen wurden mitgenommen.

Umzug mit Sack und Pack

„Alle Hausmeister des Eigenbetriebes haben als Team am Donnerstag und Freitag mitgeholfen. Am Wochenende haben sogar einige Erzieherin alles ein bisschen hübsch gemacht“, freut sich Haller über das Engagement. Auch Hortsachen wurden teilweise in die Schule übersiedelt. „Das finde ich auch klasse, dass die Schule da so flexibel reagiert hat.“

Die Kinder finden das cool, erzählt Haller, dass sie jetzt in den Hort dürfen, nur für die Integrationskinder sei es schwierig. „Da sind wir aber dabei, das gut zu begleiten.“ Sie ist noch sichtlich geschockt. „So etwas habe ich noch nie gehabt. Kurzfristige Auszüge, ja. Aber aus anderen Gründen.“ Nun wird das Hortgebäude gerade mit Sicherheitszubehör für kleinere Kinder ausgestattet, denn der Aufenthalt wird wohl länger dauern.

Oft ist alte Teerpappe die Naphtalin-Quelle

Macholz, der ein Unternehmen für Umweltprojekte in Stahnsdorf leitet, hat Erfahrung mit Naphthalinen, er misst bundesweit und ist beeindruckt davon, wie gut in Teltow alles ablief: „So schnell habe ich das noch nie erlebt. Oft ziehen sich die Verantwortlichen zurück, das kann manchmal bis zu zehn Jahre dauern, bevor etwas geschieht.“ Bei Naphthalin gibt es zwei Richtwerte (RW), erklärt er: RW I dient sozusagen als Vorwarnstufe. Hier muss noch nicht gehandelt werden. RW II allerdings verlangt eine kurzfristige Reaktion, vor allem, wenn Kinder davon betroffen sind.

Ungesund bis krebserregend

Naphthalin ist ein Kohlenwasserstoff, der schon bei Raumtemperatur vom festen in den gasförmigen Zustand übergeht, also verdampft.

Es riecht nach Mottenpulver oder Teer und ist gesundheitsschädlich und umweltgefährlich.

Beim Einatmen kann es zu Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen führen.

Eine krebserregende Wirkung wird vermutet, ist aber nicht gesichert.

Das Gutachten über die Ergebnisse in der Kita Käferland soll öffentlich gemacht werden, so Rainer Macholz. Der Richtwert wurde weit überschritten.

In der Kita Käferland wurde der zweite Richtwert überschritten. Warum, muss noch herausgefunden werden. Dazu braucht man ein vernünftiges Konzept, betont Macholz. Oft sind es alte Teerpappen, die früher zur Isolation verwendet wurden, und deren Ausdünstungen nach mehreren Jahrzehnten auch durch Beton und andere Baumaterialien diffundieren. Sollte dies der Fall sein, müssen nicht nur sie, sondern auch umgebende kontaminierte Materialien entfernt und saniert werden.

Es gab schon früher Fälle von Naphtalin-Austritt

Vor neun Jahren hatte Macholz schon einmal in der Region mit Naphthalinen zu tun: Im Gemeindezentrum Stahnsdorf mussten alte Teerpappen in neun Räumen aus den Zwischendecken entfernt werden, weil sie bis zur Gesundheitsgefährdung ausdampften. Eineinhalb Jahre hat es damals gedauert, bis man die Ursache für den lästigen Geruch gefunden hatte – in Teltow war es eine Sache von Wochen. Hier werden jetzt sicherheitshalber auch der Anne-Frank-Hort sowie die Kita Schatzkiste stichprobenartig untersucht, da sie baugleich aus der gleichen Zeit stammen. In der Kita Käferland sind nun für heute Messungen im gesamten Gebäude geplant – die ersten Ergebnisse stammen nur aus dem eingeschossigen Gebäudeteil. Als nächstes sind Bohrungen im Fußboden geplant, um vielleicht die Quelle ausfindig zu machen.

Um den Leerstand zu nutzen, sollen auch gleich die ohnehin geplanten Sanierungen mitgemacht werden, so Haller: Es soll ausgemalt werden, Türen sollen gegen solche mit Sicherheitsglas ausgetauscht werden, die Fassade wird neu gemacht und der Fußboden – der sollte ohnehin erneuert werden.

Von Konstanze Kobel-Höller