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Potsdam-Mittelmark Todesfahrer will Feuervögel gesehen haben
Lokales Potsdam-Mittelmark Todesfahrer will Feuervögel gesehen haben
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06:40 05.01.2018
Der Angeklagte, hier am zweiten Verhandlungstag mit Dolmetscher und Verteidiger Steffen Voigt, weist alle Vorwürfe von sich. Quelle: Julian Stähle
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Saarmund

Anna A. war bei den Kollegen im Altenpflegeheim beliebt. Ihr Tod hat das Team tief erschüttert. „Anna ist auch zwei Jahre später noch sehr präsent – für uns ist sie noch da“, sagt Christiane L. „Wir stellen immer ein frisches Blümchen für sie hin.“ Die Leiterin des Wohnbereichs, in dem Anna A. eingesetzt war, ringt um Fassung.

Der Schock mag vorüber sein. Noch immer aber quält Christiane L. und die anderen Kollegen die Ungewissheit – die Frage, was genau sich am ersten Weihnachtstag 2015 auf der L 77 zwischen Güterfelde und Saarmund zugetragen hat. Was sicher ist: Anna A. (57) starb auf dem Beifahrersitz, als ihr Ehemann mit seinem Dienstwagen, einem kleinen VW-Up, mit etwa Tempo 100 gegen einen Baum raste. „Jetzt hat er’s geschafft“, habe sie gedacht, als sie von Annas Tod erfuhr, sagt Christiane L., die am dritten Verhandlungstag im Mordprozess gegen Michael A. (63) aussagt. Anna A. habe ihr einst anvertraut: „Wenn mir mal was passiert, dann kannst du davon ausgehen, dass es kein Unfall war.“

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Der Angeklagte beruft sich auf eine retrograde Amnesie

Dass es ein Unfall war, behauptet Michael A. Der in Moskau ausgebildete, in Deutschland aber nicht zugelassene Psychiater, beruft sich auf eine retrograde Amnesie, die es ihm unmöglich mache, sich an die Geschehnisse unmittelbar vor dem Unfall und den Unfall selbst zu erinnern. Er wisse noch, dass er mit seiner Frau zum Saunieren in die Ludwigsfelder Kristalltherme gefahren war. „Meine Frau hatte fünf Gänge, ich wie immer drei“, so der Angeklagte. Zwischen 14 und 15 Uhr hätten sie die Therme verlassen. Beim Öffnen der Autotür sei ihm ein bisschen schwindelig geworden „mit schwarzen Flecken vor den Augen“.

Die Bilder von der Unfallstelle bei Güterfelde offenbaren, wie groß die Wucht des Aufpralls war. Quelle: Julian Stähle

Einige Sekunden habe das gedauert. „Ab diesem Zeitpunkt läuft alles in Episoden – der Schwindel war die erste Episode. Die zweite war, dass ich beim Fahren drei große Vögel gesehen habe – jeder war so groß wie ein Lkw. Sie flogen links an unserem Auto vorbei.“ Er habe gefühlt, dass ihm der dritte Vogel etwas mitteilen wollte: „Ich hatte das Gefühl, das sollte eine Warnung sein, dass ich zu schnell fahre. Es war kein akustisches Signal, es war Gedankenübertragung – ich hörte nichts, aber ich verstand.“ Komischerweise sei das Signal von rechts gekommen.

Feuerbälle auf der Straße

Plötzlich seien aus den Flügeln der Vögel Flammen geschossen. „Die Feuerbälle sind auf der Straße gelandet und es brannte wie Benzin. Der dritte Feuerball hatte eine Flugbahn, dass er mein Auto treffen könnte – ich wollte das vermeiden.“ Dass er ausgewichen sei, daran könne er sich aber nicht erinnern, sagt A. – sein Gedächtnis setze erst wieder im Krankenhaus ein.

Zeugen haben zu Protokoll gegeben, dass A. Suizidgedanken hegte: Auch zu dieser Zeit? „Nein. Meine letzte Depression war 2014.“ Sie sei vollständig abgeklungen: „Ich habe eine Freundin aus Moskau und Gäste erwartet, wir haben Weihnachten vorbereitet, meine Frau und ich hatten uns wieder versöhnt...“ Man sei hundertprozentig einig gewesen, es nach einer längeren Trennung noch einmal miteinander zu versuchen.

Kolleginnen ermutigten Anna A. zur Trennung vom Ehemann

Anna A.s Kollegen haben von einem Neuanfang nichts mitbekommen. Im Gegenteil. „Anna erzählte von der bevorstehenden Scheidung und dass sie dann richtig durchstarten könnte“, sagt Christiane L.: „Sie war richtig glücklich und das hat uns glücklich gemacht.“ Lange hätten sie Anna A. zur Trennung geraten, denn sie sei immer wieder mit blauen Flecken zur Arbeit gekommen. „An den Armen, an der Innenseite der Schenkel – sie war mit Hämatomen übersät.“ Darauf angesprochen, habe Anna A. zunächst gesagt, sie sei beim Fensterputzen vom Stuhl gestürzt. Später habe sie zugegeben, dass ihr Mann sie schlage, auch von Vergewaltigung war die Rede. „Wir haben uns immer gefragt, warum saß Anna überhaupt in diesem Auto? Wie ist sie in das Auto gekommen? Das können wir uns überhaupt nicht erklären. Wir haben nie an einen Unfall geglaubt.“

Von Nadine Fabian

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