Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Treuenbrietzen Funde aus der Nazi-Zeit aus dem Waldboden geholt
Lokales Potsdam-Mittelmark Treuenbrietzen Funde aus der Nazi-Zeit aus dem Waldboden geholt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:44 23.08.2019
Beim Sommercamp graben internationale Teilnehmer nach Funden des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Sebaldushof bei Treuenbrietzen. Unterstützung gibt es von Experten des Landesamtes. So auch von der Ehrenamtlerin Melanie Herz (li.). Quelle: Thomas Wachs
Treuenbrietzen

Viel Geschichte zum Anfassen liegt im Wald bei Treuenbrietzen nur wenige Zentimeter tief im Boden. Stück für Stück ans Tageslicht gebracht wird sie im Rahmen eines besonderen Projektes.

Beim internationalen Sommerlager „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager“ beschäftigen sich 15 Teilnehmer aus neun Ländern bei archäologischen Grabungen in Treuenbrietzen mit dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager „Sebaldushof“. Unterstützung gibt es von Experten.

Teilnehmer des internationalen Sommerlagers mit dem Titel „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager“ forschen an der Berliner Chaussee aktuell in der dort noch direkt greifbaren Historie der einstigen Munitionsfabrik „Sebaldushof“ vor den Toren der Stadt. An die Fabrik angegliedert war von 1942 bis 1945 auch ein Zwangsarbeiterlager mit rund 1500 Inhaftierten verschiedener Länder.

Initiator des zweitägigen Arbeitseinsatzes ist das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit aus Berlin. Es veranstaltet in Kooperation mit dem Service Civil International (SCI) und erstmals mit dem Brandenburgischen Landesdenkmalamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum das internationale Sommerlager.

Teilnehmer aus neun Ländern

Insgesamt 14 Tage lang beschäftigen sich die Teilnehmer aus neun Ländern mit der Geschichte der NS-Zwangsarbeit. Die Akteure ergründen am Donnerstag und Freitag bei archäologischen Grabungen Spuren auch das Treuenbrietzener Lagers „Sebaldushof“.

Dabei gibt es professionelle und ehrenamtliche Hilfe von Experten des Landesdenkmalamtes. Eifrig wird gegraben und dokumentiert. Mit dabei sind sechs Jungen und Mädchen von der Geschichtswerkstatt der Gesamtschule Treuenbrietzen und ihr Lehrer Valentin Schlegelmilch.

Beim Sommercamp dabei sind Schüler der Geschichtswerkstatt der örtlichen Gesamtschule mit Lehrer Valentin Schlegelmilch (re.). Quelle: Thomas Wachs

Sie kennen das Gelände bestens aus der jahrelangen Projektarbeit der Schule. In einem Vortrag geben sie den internationalen Gästen aus der Schweiz sowie Russland, Rumänien, Tschechien, Mexico, Chile, Spanien und Portugal daher ein Einführung.

Funde gehen ein in Sonderausstellung

Dann geht es bei den Forschungen gemeinsam erstmals auch weiter in die Tiefe. Hilfreich dabei sind Metalldetektoren, die von den professionellen Ärchäologen zur Verfügung gestellt werden. Die Experten des Landesamtes dokumentieren die Fundorte zudem mit GPS-Geräten und Vermessungstechnik. Immer wieder piepen die Detektoren. Schnell steckt der Waldboden so voller gelber Fähnchen. Jedes markiert einen Fund.

Beim Sommercamp graben internationale Teilnehmer nach Funden des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Sebaldushof bei Treuenbrietzen. So auch diese Marken von Beschäftigten für Adressiermaschinen. Quelle: Thomas Wachs

Viele der Funde gehen ein in eine Sonderausstellung des Landesamtes im nächsten Jahr. „Die Objekte sind authentischer als nur Fotos und Beschreibungen. Hinter jedem Stück steckt eine persönliche Geschichte“, sagt Thomas Kersting, Dezernatsleiter Archäologische Denkmalpflege im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum.

Fertig zum Jubiläum

„Aus Anlass 75 Jahre Kriegsende nächstes Jahr, war es unsere Idee, einmal ein solche Ausstellung zu Funden aus diversen Lagern in Brandenburg zu zeigen“, sagt der Doktor. Flankiert wird diese Schau von einem Dokumentarfilm, der während des Sommercamps aktuell entsteht und künftig mit der Ausstellung auf Tour gehen soll.

Lesen Sie mehr zum Thema auch hier:

Schon am ersten Tag kommen bei den Grabungen in Treuenbrietzen schnell zahlreiche Funde zum Vorschein. Gegraben wird einerseits im Bereich des einstigen Verwaltungsgebäudes. Töpfe, Geschirr mit NS-Symbolen und Klammern alter Aktenordner werden geborgen und gesichert. Ein Schild mit Aufschrift Feuerlöscher ist nahezu unversehrt.

Besonders spannend sind vor allem Metallmarken, die für alle Mitarbeiter der Fabrik und später auch die Zwangsarbeiter exakte persönliche Daten enthielten. „Sie wurden in der Personalabteilung verwendet in Adressiermaschinen“, erklärt Merle Schmidt, Projektleiterin vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit.

Schüler kennen sich schon gut aus

Andererseits buddeln sich die Schüler und Projektteilnehmer im Barackenbereich des ehemaligen Zwangarbeiterlagers auch in dessen Historie vor. Unter Regie des ehemaligen Lehrers Hellmut Päpke und seiner Tochter Katrin Päpke waren dort von wechselnden Schülern der Geschichtswerkstatt schon in den zurückliegenden Jahrzhenten seit der Wende umfangreiche Vorarbeiten geleistet worden.

Bauliche Reste der Anlage wurden teilweise freigelegt und die Struktur der Fabrik und des Lagers vielseitig dokumentiert in Projektarbeiten, Büchern und Lageplänen.

Beim Sommercamp graben internationale Teilnehmer nach Funden des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Sebaldushof bei Treuenbrietzen. Unterstützung gibt es von Experten des Landesamtes in Regie von Thomas Kersting. Quelle: Thomas Wachs

„Solche lokalen Kenntnisse sind für uns immer von unschätzbarem Vorteil“, sagt Thomas Kersting vom Landesamt. Er freut sich zudem über die tatkräftige Hilfe der 15 Camp-Teilnehmer. „Schließlich haben wir nicht jeden Tag die Chance, mit so vielen Helfern auf Grabungstouren zu gehen. Das ist ein gegenseitiger Gewinn für uns und das Dokumentationszentrum, weil die Projektteilnehmer hier ganz unmittelbar in diesen Teil der Geschichte eintauchen können“, erklärt der Doktor.

Russin zeichnet altes Fabriktor

„Es ist spannend zu sehen, wie hier in Deutschland Geschichte dokumentiert wird“, sagt Lisa Shichareva, Studentin für Politikwissenschaften aus Moskau, während sie eine Zeichnung fertigt von Resten des ehemaligen Fabriktores an der Nieplitzbrücke.

Ein paar Hügel weiter im heute bewaldeten Trümmergebiet der Munitionsfabrik schürfen ein junger Tscheche, eine Russin und eine Mexikanerin in Überresten des alten Verwaltungshauses. Anleitung geben freiwillige Helfer des Landesamtes wie Melanie Herz und Stefan Yongsing-Yü aus Fürstenwalde. Er ist hauptberuflich Polizist und hilft nach einem Lehrgang in seiner Freizeit gerne bei Ausgrabungen.

Tolle praktische Ergänzung

Spannend ist das internationale Projekt auch für die Treuenbrietzener Schüler. „Zu unserer theoretischen Arbeit zu dem Thema ist das hier mal eine tolle praktische Ergänzung“, sagt Klara Nicolai von der Geschichtswerkstatt der Gesamtschule am Freitag. Sie arbeitet im Filmteam mit, während weitere Teilnehmer sich auch der Gruppe für die Dokumentation der Funde angeschlossen haben.

Die Ausstellung „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager“ wird ab dem 22. April 2020 im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und ab Oktober 2020 im Archäologischen Landesmuseum im Paulikloster zu Brandenburg an der Havel gezeigt.

„Später sind weitere Stationen geplant“, erzählt Dezernatsleiter Thomas Kersting. Auch werde die Jahrestagung der Archäologischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg, die nächstes Jahr in Treuenbrietzen geplant ist, die Ergebnisse des Projektes noch einmal zum Thema haben.

Von Thomas Wachs

Günter Baaske (SPD) ist bei der Landtagswahl zwischen Beelitz und Bad Belzig favorisiert. Er zeigt sich bodenständig. Und hat für den Urnengang ein persönliches Ziel.

23.08.2019

In Treuenbrietzen hat die Polizei einen Mann gestellt, der sein Auto an der örtlichen Tankstelle betankt hatte, ohne zu bezahlen. Zeugen führten die Beamten auf die Spur des Kraftstoffdiebes.

22.08.2019

Ab in die Natur: Experten laden am Wochenende ein zu geführten Wanderungen im Hohen Fläming sowie zwischen Nuthe und Nieplitz. Dort geht es auf eine spannende Kräutertour sowie zur Heideblüte.

22.08.2019