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Treuenbrietzen Trauernde Maria kehrt nach 90 Jahren zurück nach Zeuden
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14:48 22.10.2019
Margrit und Klaus Krüsmann übergaben die Pieta 2017 zurück an die Kirche in Zeuden. Dort soll sie nun wieder ihren alten Platz finden. Quelle: Claudia Rückert
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Zeuden

Mehr als 90 Jahre lang war die Gottesmutter auf Reisen. Jetzt kehrt die mittelalterliche Holzfigur an ihren langjährigen Bestimmungsort in der Dorfkirche zu Zeuden zurück. Sobald dort die nun abgeschlossenen Sanierungsarbeiten am Dach des Gotteshauses gefeiert werden, soll auch die Pietá im Rahmen eines Festgottesdienstes ihren Platz im Altarraum zurück erhalten.

Das ist Margrit und Klaus Krüsmann zu verdanken. Für den Vater des promovierten Mediziners aus Gelting in Schleswig-Hollstein war die Pietá sein Leben lang ein Begleiter auf seinen Stationen als Pfarrer. Klaus Krüsmann übernahm die Figur der um ihren toten Sohn trauernden Maria im Jahr 1999 nach dem Tod seines Vaters.

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Ernst Krüsmann war 1905 im Rheinland geboren, in Zeuden aufgewachsen und später Theologe geworden. Sein Vater, Gerhard Krüsmann, geboren 1853, war in Zeuden Pfarrer von 1914 bis zu seiner Pensionierung 1925.

Schabernack mit Heiligenfiguren

Kurz zuvor, so schildert es die Familie Krüsmann aus Überlieferungen, soll der junge Ernst als zweitjüngster von sieben Söhnen und einer Tochter der Krüsmanns bei einem Besuch in Zeuden auf die Marienfigur gestoßen sein. Berichtet wird, dass sie zusammen mit sechs Apostelfiguren auf dem Friedhof gestanden habe, während die Kirche gereinigt wurde. Krüsmann habe sie an sich genommen, um sie vor Schabernack zu bewahren, den die Dorfjugend bereits mit allen herausgestellten Skulpturen getrieben habe.

Die Pietá zeigt die um ihrem Sohn trauernde Maria. Quelle: Claudia Rückert

Während die übrigen Heiligenfiguren seit jeher noch im Besitz der Kirchengemeinde Zeuden sind, verließ die Pietá damals für mehr als neun Jahrzehnte das Fläming-Dorf. Klaus Krüsmann kennt die Erzählungen der Familie zur Figur gut. Nach einem Kontakt mit dem kürzlich in den Ruhestand verabschiedeten Treuenbrietzener Pfarrer Gunther Seidel übergab er sie gemeinsam mit seiner Frau Margrit bereits im April 2017 zurück an die Kirchengemeinde.

Verweis auf Opferung Christi

Der italienische Begriff Pietá geht auf die lateinische Bezeichnung „imago pietatis“ zurück. Sie steht für ein Bildnis des Mitleids und Erbarmens.

Im deutschen Sprachraum, in dem sich das Motiv seit dem 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Passionsfrömmigkeit entwickelt hat, sind die Darstellungen als Vesperbild bekannt.

Sie verweisen auf die Opferung Christi und sollten es Betrachtern ermöglichen, sich in das Passionsgeschehen hineinzuversetzen.

Die Andachtsbilder standen auf Altären oder auf Sockeln, um den Betenden nächste Nähe zu bieten.

Gesichert blieb sie zusammen mit den übrigen Heiligenfiguren seither wegen der schon länger geplanten Bauarbeiten am Zeudener Gotteshaus zunächst in Treuenbrietzen.

Figur war gut behütet

„Die Pietá ist in all den Jahren wohl immer gut behütet worden“, sagt Claudia Rückert. Die Professorin ist Kunstgutreferentin im kirchlichen Bauamt der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und zuständig für Kunst- und Kulturgüter in mehr als 2000 Kirchengebäuden der Region.

Die Expertin datiert die aus Lindenholz gefertigt Pietá in die Zeit um 1500. Großen materiellen Wert habe die Figur auf dem Kunstmarkt nicht. Dennoch sei es „ein Glücksfall“, dass sie nun nach Zeuden zurückkehren kann, „weil die Überlieferungsgeschichte der Skulptur noch nicht in Vergessenheit geraten war“, sagt die Kulturhistorikerin gegenüber der MAZ. Es sei ein „außergewöhlicher Fall, dass eine solch qualitätvolle Arbeit mal wieder zurück kommt“.

An der Dorfkirche zu Zeuden sind die Dacharbeiten inzwischen abgeschlossen. Eine Festgottesdienst wird nun vorbereitet. Quelle: Thomas Wachs

Claudia Rückert will nun prüfen lassen, ob es es eine Restaurierung für die Zeudener Pietá geben kann. Sie habe nämlich ihre ursprüngliche Farbgebung verloren. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie womöglich einst bei Prozessionen mitgeführt wurde.

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Familie Krüsmann hat bis heute Spuren in Zeuden hinterlassen. Die Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges weist in der Dorfkirche aus, dass die Krüsmanns drei Söhne verloren haben: Gerhard Junior fiel 1914, Martin 1916 und Friedrich 1918.

Vesperbild versinnbildlicht Trauer

„Womöglich versinnbildlichte das Vesperbild für Ernst Krüsmann ja die Trauer um seine drei gefallenen Brüder und gelangte so mit ihm ins Ruhrgebiet, wo er in Holsterhausen und Bielefeld Pfarrer war, sowie im Ruhestand nach Gelting an der Ostseeküste“, sagt Claudia Rückert. „Ihre Funktion als Erinnerungsmal an die bewegten Zeiten in Zeuden hat die Pietá inzwischen also erfüllt“.

Wann sie feierlich in die Kirche zurückgetragen wird, stehe noch nicht fest, sagt der Niemegker Pfarrer Daniel Geißler gegenüber der MAZ. Er ist in Vakanzvertretung für die noch nicht nachbesetzte Stelle des Treuenbrietzener Pfarrers nun unter anderem auch für die Gemeinde in Zeuden und Pflügkuff zuständig. „Sobald die Abnahme der in diesen Tagen vorerst beendeten Bauarbeiten an der Kirche offiziell erfolgt ist, suchen wir gemeinsam mit dem Gemeindekirchenrat in Zeuden nach einem Termin für den Festgottesdienst“, erklärt Daniel Geißler. Am liebsten sollte dieser in der Adventszeit stattfinden.

Von Thomas Wachs