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Potsdam-Mittelmark Tristesse zum Schleuderpreis
Lokales Potsdam-Mittelmark Tristesse zum Schleuderpreis
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19:27 09.05.2013
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BRÜCK

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Links und rechts im Neubaugebiet herrschen heute gähnende Leere und verschlossene Türen. Ganze Häuser sind längst verwaist. So wie auch die meisten Garagen im Innenhof. Die Schaufenster des einstigen Supermarktes sind vernagelt, das Unkraut wuchert. Auf einem der Müllsammelplätze stapeln sich dutzendfach Altreifen samt Felgen. Nach Eintritt der Dunkelheit bieten nur noch wenige intakte Straßenlampen ein spärliches Licht auf die holprigen Betonwege aus DDR-Zeiten.

Im Jahr 2002 kam Andreas Krusche nach Brück-Ausbau. Immer wenn der Bund Immobilien in Ostdeutschland veräußerte, war der Niedersachse zur Stelle. Wenn dieser Mann auf Wohnungssuche war, ging es immer gleich um einige hundert Quartiere. Bis dahin wurden die Wohnungen oft einem jahrelangen Verfall preisgegeben. Leerstand ließ die Bauschäden wachsen. Das war bei den Anfang der 1980er-Jahre in der Siedlung Brück-Ausbau errichteten Plattebauten nicht anders. Obwohl Andreas Krusche früher noch weitere Objekte in Ostdeutschland unterhielt, hat er heute in einem der Brücker Blocks seine Zweitwohnung. Von Dienstag bis Donnerstag öffnet der Immobilienmakler dort sein Büro. „Hier geht es nicht ohne eine Vor-Ort-Betreuung. Ansonsten wäre der Wurm drin und alles würde sich verselbstständigen“, sagt der Wolfsburger gegenüber der MAZ. Er sieht sich einer wahren Sisyphos-Arbeit ausgesetzt, „die weit über das normale Pensum einer Wohnungswirtschaft“ hinausgehe. „Eigentlich bräuchte man hier noch zusätzlich ein Theologie- und Psychologiestudium sowie Ahnung vom Wirken Mutter Theresas“, so Krusche.

Seine Quartiere sind heute bei einkommensschwachen Mietern gefragt. Einige von ihnen beziehen Sozialleistungen. Zudem mieten Monteure auf der Durchreise sowie viele Ausländer die Wohnungen. In den neun Blöcken der Siedlung waren schon im Jahr 2002 von den 237 Wohnungen gerade noch 20 vermietet. Von drei Mietern lag eine Kündigung vor: „Sicherlich findet man auch heute hier keine Perlen vor, aber zumindest bezahlbaren Wohnraum“, schätzt der Besitzer selbst ein.

Krusche wirbt mit Quadratmeterpreisen zwischen 3,30 Euro und 3,60 Euro. Dennoch hat er einige Blocks im Innenbereich der Siedlung bereits abgeschrieben. Die übrigen sind nur zu einem Drittel belegt. Entlang der Bundesstraße 246 stehen die noch mit Öfen beheizten Wohnungen zu 98 Prozent leer. Ihm fehle schlicht das Geld für den Abriss einzelner Häuser und der ehemaligen Kaufhalle, bekennt der Besitzer. Er würde gerne einen gegrünten Innenhof schaffen, rechnet aber pro Block mit zirka 60 000 Euro Abrisskosten.

„Aber das ist momentan utopisch“, sagt der Makler. Seine Anträge auf Fördergeld sind abgelehnt worden. Der Kaufmann beschränkt sich bei der Erhaltung derzeit auf vier fernbeheizte Häuser im hinteren Areal. Seit Ende vorigen Jahres sind vier Hausdächer für den Betrieb von Solaranlagen verpachtet.

Jurij D. (38) ist Spätaussiedler aus Usbekistan. 2003 kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. Für den Vater war das eine Rückkehr, denn er wurde in Deutschland geboren. Nach Friedland, Peitz und Wiesenburg verschlug es den arbeitslosen Sohn nach Brück-Ausbau. Der gelernte Schweißer hat seinen Job in Nauen aufgegeben, weil sich die täglich 150 Kilometer weite Anfahrt im Verhältnis zum niedrigen Lohn kaum rechnete. Seitdem lebt er mit seiner Familie von Hartz IV und fast allein in einem Haus in Brück-Ausbau. Lebensgefährtin Nicole W. (23) hat keinen abgeschlossenen Beruf. Sie entband voriges Jahr ihr erstes gemeinsames Kind.

Die Familie bewohnt mit einem Bruder von Jurij D. einen Wohnblock direkt an der Beelitzer Straße. Dort kann kostengünstiger mit Holz und Kohle geheizt werden. Zudem wurden Eigenleistungen beim Umbau der Wohnung mit der Miete verrechnet. Von dem ursprünglichen Schimmel an den Wänden sei nichts mehr zu sehen. Der Putz wurde abgeklopft, überall neu tapeziert und gemalert. „Das ist doch hier allemal besser als in Berlin mit all dem Dreck und Lärm der Feuerwehren und Krankenwagen“, sagt Nicole W., die aus Bad Belzig stammt. „Wir genießen ganz einfach die Ruhe hier“, fügt die junge Mutter hinzu. Immerhin gäbe es die anfangs noch üblichen Partys mit nächtelangen Drogen- und Alkoholexzessen heute nicht mehr. Die Familie schätzt den Wald vor der Haustür und im Herbst die Pilze mit dazu. „Außerdem kann der Kleine hinter dem Haus spielen, ohne dass man gleich Angst haben muss, dass ihm etwas passiert“, sagt die junge Frau. „So lange es irgendwie funktioniert, wollen wir hier wohnen bleiben. Zumal sich hier auch niemand an kleinen Kinder stört“, erzählt die Mieterin. (Von Rainer Marschel)

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