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Werder (Havel) Atelierbesuch bei Künstler Frank W. Weber
Lokales Potsdam-Mittelmark Werder (Havel) Atelierbesuch bei Künstler Frank W. Weber
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02:18 14.04.2018
„Russisch Roulette“ nannte Frank W. Weber seine Assemblage über die russische Revolution. Quelle: Edith Mende
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Werder

Seine Bilder kennzeichnet Frank W. Weber mit Aratora, so steht es auch als Künstlername in seinem Pass. Es ist ein alter Name der Stadt seiner Jugend, des nordthüringischen Artern. Geboren ist er jedoch in Querfurt, wodurch aus ihm ein Querdenker geworden sei, behauptet er. Seit mehr als 40 Jahren lebt Weber in Werder, das sich für ihn lange wie eine künstlerische Diaspora anfühlte, weil hier ganz andere Werte zählten als die der Kunst. Ein wenig habe sich das schon verändert, vor allem durch die Stadtgalerie Kunst-Geschoss , die in ihm ihren Kurator fand. Darüber hinaus gilt er für viele als das Werderaner Kompetenzzentrum in Sachen bildender Kunst, ein Netzwerker, der seine Fühler sowohl im Umfeld als auch in der weiten Welt hat. Das Atelierhaus, in dem er gemeinsam mit seiner Partnerin, der Fotografin Andriotta, lebt, ist ausdrücklich ein offenes Haus für den Austausch mit Freunden und Kollegen aus nah und fern.

Buchstabensuppe im Atelier

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Was in seinem Atelier halb fertig auf der Staffelei steht, überrascht. Es ist der Blick in eine Suppe aus Buchstaben-Nudeln. Auf einem roten Gemüsestück fällt ein Nudel-P ins Auge, links davon rutscht gerade ein S ab vom purpurnen Hintergrund und wird wohl gleich in der Brühe versinken. Ist da etwas zu arg zerkocht? Wer muss die Suppe nun auslöffeln? Da der Maler ein politisch denkender Mensch ist, findet man sofort aktuelle Bezüge. Er sehe derzeit viele Parallelen zu den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sagt ein nachdenklicher Frank W. Weber. Das sei eine relativ freizügige Zeit gewesen, doch im Hintergrund formierten sich die nationalistischen Kräfte.

Mit Künstlern wie George Grosz oder John Heartfield, die die Gefahr nahen sahen, zogen damals Ironie, Bissigkeit und Provokation in die Kunst ein. In deren Tradition und einem ähnlichen Spannungsfeld sieht Weber sich heute. Wer auf den ersten Blick glaubt, er gebe in seinen Arbeiten nur eine reale Welt wider, der sollte noch einmal genau hinschauen. Es gibt bestimmt einen Hintersinn zu entdecken.

Frank W. Weber rund um die Welt tätig

Frank W. Weber stellte unter anderem in Berlin, Potsdam, Werder und Weimar, aber ebenso in Polen, Litauen, Russland und Japan aus.

Zwischen November 2005 und August 2008 gab Aratora insgesamt 34 Künstler-Monatsbiografien heraus,die jeweils unter einem speziellen Motto standen und mit grafischen Arbeiten angereichert waren.

Im Herbst 2009 gründete Weber mit drei Kollegen die Künstlergruppe „Werderaner Galgenvögel“, die verschiedene Events wie den Grafikmarkt in Werder initiierte.

Viele seiner künstlerischen Arbeiten befinden sich im öffentlichen wie auch privaten Sammlerbesitz.

Die Assemblage, Malerei, ergänzt durch auf das Bild montierte Gegenstände, gehört in jüngster Zeit zu den bevorzugten Techniken des Künstlers. „Ich arbeite gerne dreidimensional“, sagt er und nennt seine so entstandenen Bilder polytechnische Kunstwerke. Auf geometrische Grundformen griff Weber im vergangenen Jahr bei einer Grafik-Serie zu Morgenstern-Texten zurück. Die Teile eines alten Holzbaukastens, Rechteck, Quadrat, Dreieck oder Halbkreis, benutzte er wie Stempel, die er mit Rasterfolie, Handzeichnungen und selbst geschnittener Computerschrift ergänzte.

Selbst die Natur sieht er mit einen ganz eigenen Blick und setzt sie fotografisch in eine einfache Formensprache um. Der Weg zur vereinfachenden Darstellung ist verbunden mit künstlerischer Reife, ist sich Weber sicher. Mindestens 2000 Bilder habe er noch im Kopf, versichert er.

Kein klassischer „Brotberuf“

Die Materialien für seine Assemblagen bringen ihm Freunde mit oder er findet sie auf Auktionen im Internet. Zu einem „Brotberuf“ hatten die Eltern ihrem Sprössling eindringlich geraten, als der nach der Schule Kunst studieren wollte. Er wurde Landvermesser, studierte für seine spätere Arbeit im Liegenschaftsamt noch Rechtswissenschaften. Aber abends zog es ihn in sein damaliges kleines Atelier zum Malen.

Mitte der 80er Jahre folgte er nach einem abgelehnten Antrag auf Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler doch seiner Berufung, begann eine künstlerische Ausbildung zum Zirkelleiter an der Spezialschule für Malerei und Grafik in Potsdam. „Das war eine ganz solide handwerkliche Ausbildung zum Dozenten für alle Sparten der bildenden Kunst“, erinnert er sich. Doch mit der Wende brachen die Zirkel weg, die zumeist von betrieblichen Kultureinrichtungen unterhalten worden waren. Dennoch wagte er 1990 den Sprung in die Freiberuflichkeit – und verhungerte dabei nicht. Das Denkmal für die Opfer von Krieg und Gewalt auf dem Friedhof an der Heilig-Geist-Kirche in Werder sowie die Gedenktafel für die sieben Werderaner Jugendlichen, die in der Stalin-Ära wegen angeblicher Spionage hingerichtet worden waren, sind von ihm konzipiert und umgesetzt. Im Foyer des Wasser- und Abwasser-Zweckverbandes Werder kann man sein Bild „Der Traum des kleinen Francois“ sehen. All sein Wissen und seine nationalen und internationalen Kontakte fließen auch in die Arbeit als Kurator der Stadtgalerie ein, erklärt Frank W. Weber.

Wenn zum Jahresende die Stadtgalerie mit einer Fundus-Ausstellung ihr zehnjähriges Bestehen begeht, wird auch ihr Kurator einen runden Geburtstag feiern – mit einer Ausstellung in der Galerie von Kollegin Oda Schielicke in den Havelauen.

Von Edith Mende