Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Werder (Havel) Nachbar mit Schüssen getötet: Verteidiger plädiert auf Totschlag
Lokales Potsdam-Mittelmark Werder (Havel) Nachbar mit Schüssen getötet: Verteidiger plädiert auf Totschlag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:04 28.10.2019
Strafverteidiger Christoph Stoll mit seinem Mandanten Andreas E., hier am zweiten Verhandlungstag. Quelle: Bernd Gartenschläger
Werder

Von einer „gezielten und bewussten Hinrichtung“, von Mord spricht der Staatsanwalt, der Verteidiger von Notwehr und einem minderschweren Fall des Totschlags. Im Verfahren gegen den Mann, der im Februar mit einer Schrotflinte einen Nachbarn niedergestreckt hat, sind die Plädoyers gesprochen – größer könnte der Kontrast kaum sein.

Gefängnis oder Entziehungsanstalt?

Folgt das Gericht den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage, bedeutet das für den Angeklagten Andreas E. (60), der gestanden hat, die tödlichen Schüsse auf Christoph K. (58) abgefeuert zu haben, aber jegliche Tötungsabsicht abstreitet, eine lebenslange Freiheitsstrafe. Folgt es hingegen seinem Anwalt, könnte E. schon bald wieder ein freier Mann sein: Er halte eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren für tat- und schuldangemessen, sagt Anwalt Christoph Stoll – darauf würde die Untersuchungshaft, gut neun Monate, angerechnet. Ordnet das Gerichtwie vom psychiatrischen Gutachter nahegelegtstatt einer Gefängnishaft eine Maßregel in einer Entziehungsanstalt an, werde die Verteidigung dem nicht entgegentreten.

Verteidiger erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Mehrmals rügt der Verteidiger in seiner Schlussbemerkung die Polizei und kritisiert die Umstände, unter denen E. seine ersten Aussagen gemacht hatte– ohne anwaltlichen Beistand und betrunken. Als E. befragt wurde, habe er 1,1 Promille Atemalkohol gehabt, so Stoll: „Bei diesem Wert darf man kein Fahrzeug führen, man darf aus Sicht der Beamten aber Entscheidungen treffen, die sich auf das ganze Leben auswirken können – man darf sich äußern. Ich erwarte von verantwortungsbewussten Beamten, dass sie den Notruf der Strafverteidiger-Organisation wählen.“

„Die Polizisten haben Herrn E. sehr suggestiv befragt“

Zeugen hätten den Angeklagten als „sehr autoritätshörig“ beschrieben: „Für eine Person wie Herrn E. ist es selbstverständlich, dass er Auskunft gibt.“ Die Vernehmung sei sehr unübersichtlich, bis zu sechs Personen seien im Raum gewesen – der Angeklagte sei mal von diesem, mal von jenem befragt worden. Der Anwalt fordert, die so erfassten frühen Aussagen nicht zu verwenden: Laut Protokoll und Zeugen hatte E. anfangs davon gesprochen, Rache genommen und seine Ehre verteidigt zu haben. „Die Polizisten haben Herrn E. sehr suggestiv befragt und erst dazu gebracht, dass er ein Wort wie ,Rache’ verwendet“, sagt Stoll. Die Aussage stütze sich nicht auf Erinnerungen – E. habe wohl versucht, selbst eine Erklärung zu finden.

Verteidiger sagt, sein Mandant habe aus Angst abgedrückt

Von Rache sei später nicht mehr die Rede gewesen. Konstant sei hingegen E.s Angabe, wann er den Entschluss gefasst habe zu schießen: „eine Reaktion im Bruchteil einer Sekunde“. Der Verteidiger bekräftigt die Version, wonach, E. in einer tiefen Lebenskrise, unter Alkohol, frustriert von K.s jahrelangen Beleidigungen mit der Flinte in den Wald gehen wollte, um Druck abzulassen. Als er auf dem Hof aber von K. „mit erhobenen Händen“ erneut beschimpft worden sei, habe er sich erinnert, wie er einst von Skinheads überfallen und fast totgeschlagen wurde. „Er hatte Angst“ – und habe abgedrückt.

Staatsanwalt sagt, der Angeklagte hatte genug vom Gemecker

Der Staatsanwalt hält diese Version für nicht glaubhaft: Der Angeklagte wolle Notwehr suggerieren, die Geschichte vom Frustablassen im Wald sei eine Schutzbehauptung. „Er hatte nie vor, in den Wald zu gehen“, sagt der Staatsanwalt. Er meint, E. habe „genug gehabt vom ewigen Gemeckere“ des Nachbarn und den Entschluss gefasst, K. zu töten. Er habe die Waffe aus dem Schrank genommen, geladen und einen Probeschuss auf der Terrasse abgegeben. „Er wollte sichergehen, dass die Waffe funktioniert und sofort einsatzbereit ist.“ Er habe sich mit der geladenen und entsicherten Waffe zielgerichtet auf K. zubewegt. „Woher soll die Angst gekommen sein? Er wusste, dass Herr K. nur pöbelt und nicht handgreiflich wird. Er kannte ihn seit Jahren.“

Heimtücke und niedere Beweggründe

Der Angeklagte sei mit der Absicht zu töten zum Nachbarn gegangen. „Es kam gar nicht mehr zu einer Auseinandersetzung.“ E. habe K. „aus wenigen Zentimetern“ in den Bauch geschossen und – nachdem K. zusammengesackt war – noch einen gezielten Schuss ins Gesicht abgegeben. „Er schoss zweimal, um den Tod sicher herbeizuführen“, so der Staatsanwalt. „Er wandte sich dann vom blutenden und sterbenden K. ab. Der Geschädigte war dem Angeklagten völlig egal.“ Er habe mit Heimtücke und aus niederen Beweggründen gehandelt. Heimtückisch, weil sein Opfer wehrlos war und mit dem Angriff nicht gerechnet hat – auch nicht damit rechnen musste, war es doch bisher, immer nur bei verbalen Attacken geblieben. Die niederen Beweggründe – das zweite Mordmerkmal – verortet der Staatsanwalt in E.s verletztem Ehrgefühl. „K. lehnte alles ab, wofür der Angeklagte stand.“ – Das Urteil ist für den 4. November angekündigt.

Von Nadine Fabian

Auf einem Rasentraktor war ein Mann in Töplitz unterwegs – und er war auch stark betrunken, wie die Polizei feststellte.

24.10.2019

Ob Obsthof oder Bekleidungsgeschäft: Noch immer gibt es Probleme mit dem Internet in Werder. Diese weißen Flecken will der Landkreis in den kommenden Jahren schließen. Bis dahin behelfen sich die Betroffenen mit eigenen Lösungen.

22.10.2019

Im Prozess um den Todesschützen von Werder steht das Ende der Beweisaufnahme kurz bevor – nun schlug die Stunde des psychiatrischen Gutachters. Er empfiehlt, den Angeklagten in einer Entziehungsanstalt und nicht im Gefängnis unterzubringen.

22.10.2019