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Werder (Havel) Plante der Todesschütze von Werder einen Amoklauf?
Lokales Potsdam-Mittelmark Werder (Havel) Plante der Todesschütze von Werder einen Amoklauf?
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18:56 23.08.2019
Der Angeklagte Andreas E. und sein Verteidiger im Landgericht. Quelle: Bernd Gartenschläger
Werder

Ist das Havelstädtchen Werder am 8. Februar 2019 an einer Katastrophe vorbeigeschrammt? Der wegen des Mordes an seinem Nachbarn angeklagte Andreas E. (60) hat der Polizei bei der Festnahme am jenem blutigen Winterabend und nun auch vor Gericht erklärt, er habe nach den tödlichen Schüssen aus seiner Schrotflinte mit dem Gedanken gespielt, einen Amoklauf zu begehen. „Ich habe erwogen, noch mehr Menschen zu töten und mich dann von der Polizei erschießen zu lassen“, sagt E. in der Verhandlung am Landgericht Potsdam – er habe auch über Suizid nachgedacht.

An Einzelheiten kann er sich nicht erinnern

Andreas E. hat ein schriftliches, von seinem Verteidiger vorgetragenes Geständnis abgelegt. Es treffe zu, dass er die beiden Schüsse abgegeben habe. An Einzelheiten könne er sich jedoch nicht erinnern, könne sich nicht erklären, was ins seinem betrunkenen Kopf vorgegangen sei.

Seit vielen Jahren schon ist Andreas E. – BMSR-Techniker, Mischmeister auf dem Bau, geschieden, Vater eines erwachsenen Sohnes – alkoholkrank. Die Liste missglückter Entwöhnungen ist lang. Den letzten Versuch, mit professioneller Hilfe vom Alkohol wegzukommen, unternimmt Andreas E. im September 2018. Danach sei er trocken gewesen, sagt er.

Werder am Abend des 8. Februar 2019: Kriminalpolizei und SEK sind für einen Großeinsatz angerückt, denn auf einen Hof in der Brandenburger Straße ist ein Mann erschossen worden. Quelle: Julian Stähle

Zum Rückfall kommt es demnach am 23. Dezember: E.s Freundin, die nicht so recht weiß, ob und wie sie sich von ihrem Ehemann trennen soll, wird informiert, dass der Mann ins Krankenhaus gebracht wurde und die beiden Hunde allein in der Wohnung zurückgelassen hat. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass die Hunde bellen – niemanden hat es gekümmert, dass es ihnen schlecht geht, es ging nur um den Lärm“, berichtet E. kopfschüttelnd. Weil der Ehemann – laut den Schilderungen jähzornig und seiner Frau gegenüber gewalttätig – aber das Schloss ausgewechselt hatte, konnte man nichts ausrichten. „Da habe ich vor Wut Alkohol geholt, angetrunken die Scheibe der Tür kaputt gemacht und die Hunde rausgeholt.“ Nachbarn rufen die Polizei. Die nimmt E. mit und entlässt ihn, als er wieder nüchtern ist. In den Tagen darauf trinkt er so viel, dass es ihm „richtig dreckig“ geht und er auf eigene Faust den Entzug angeht.

Arschloch, Vogel, Sauschwein – der Nachbar soll oft gestänkert haben

Die Hunde, „zwei kleine niedliche, die keinem etwas getan haben“, sind auch in E.s Nachbarschaft nicht willkommen. Vor allem das spätere Opfer (58) stört sich an ihnen. Immer wieder sei es zum Streit gekommen. „Herr K. hat uns im Vorbeigehen mit vulgären Ausdrücken beschimpft. Ich habe versucht, mich nicht provozieren zu lassen.“ Die Hunde soll der Nachbar Scheißköter und Scheißtölen genannt haben. Als Arschloch, Vogel, Sauschwein soll er Andreas E. beschimpft haben, seine Lebensgefährtin als Schlampe und Krähe, beide zusammen als Assi­volk. „Das ist lästig, das nervt“, sagt E. – er wäre gern weggezogen. „Herr K. hatte auch immer einen bösen Gesichtsausdruck. Er ist immer von der Seite gekommen oder hinter einem hergelaufen, hat sich vor einem aufgebaut als wolle er sagen: Ich bin stärker als du. Das hat mir immer ein bisschen Angst gemacht.“

Skinhead-Überfall in den frühen Neunzigern

Diese Angst und Anfälligkeit für „den bösen Blick“ gründen offenbar in einem Vorfall, den Andreas E. mit aller Macht vergessen will. Anfang der Neunziger sei er nach der Kneipe von Skinheads überfallen und brutal zusammengeschlagen worden. „Ich habe mit knapper Müh und Not überlebt.“ Andreas E. zittert, ringt um Atem und mit den Tränen. Er habe dem Anführer – der Größte und zugleich der Erste, der zugetreten habe – direkt ins Gesicht geschaut: „Wenn heute ein böses Gesicht auf mich zukommt, erinnere ich mich an diese Situation... Die Angst kommt oft zurück.“ Dass er sich ebenfalls Anfang der Neunziger eine Waffe beschafft, habe mit dem Überfall aber nichts zu tun: Er habe „mit russischen Kameraden“ ein Auto verkauft, sie hätten ihm daraufhin die Flinte – Kaliber 12, doppelter, abgesägter Lauf, zwei Abzüge – und Munition geschenkt.

Er wollte in den Wald und rumschießen, um Frust abzubauen

Am 8. Februar geraten der Angeklagte und sein Nachbar wieder einmal wegen der Hunde aneinander. Andreas E. geht es nicht gut an diesem Tag. Er hat sich am Abend zuvor betrunken, weil die Freundin „seelisch, moralisch und nervlich kaputt“ in die Psychiatrie eingewiesen worden war: „Der erste Vollrausch seit Wochen.“ Am 8. Februar trinkt er weiter. Als die Freundin anruft und ihn bittet, sie aus der Klinik zu holen, holt er Nachschub. „Ich war sauer, verzweifelt, ratlos, machtlos. Ich habe versucht, diese Gefühle im Alkohol zu ertränken.“ Dann habe er in den Wald gehen und, um Frust abzubauen, schießen wollen. Einen Schuss feuert er noch auf der Terrasse ab, einen weiteren im Bad. Er habe die Waffe dann unter der Jacke versteckt. Sein Weg führt ihn an K.s Wohnung vorbei. Plötzlich habe er hinter sich eine Stimme gehört. „Ich habe mich umgedreht, er stand in der Tür und sagte irgendetwas.“

„Du lässt dich erschießen, dann ist es wenigstens schnell vorbei“

Er könne sich nur erinnern, dass er die Waffe aus der Jacke geholt und in Hüfthöhe gehalten habe. „Dann sehe ich, wie er fällt. Ich höre, wie er getroffen aufstöhnt.“ Er sei in Panik geraten und habe sich am Friedhof versteckt. „Ich hoffte, dass ich ihn nur verletzt und nicht getötet habe. Ich habe mir gesagt: Du hast ein Unheil angerichtet – was machst du jetzt? Bist du in der Lage, auch auf andere Menschen zu schießen? Würdest du auf die Polizei schießen?“ E. will heim, läuft fast dem SEK in die Arme. „Ich dachte: Waffe raus, aber nichts machen – du lässt dich erschießen, dann ist es wenigstens schnell vorbei.“ Er haut dann doch lieber ab, versteckt die Waffe, „dass nichts passieren kann“, läuft herum und wird wenig später festgenommen.

Der Prozess wird am 4. September fortgesetzt. Mit dem Urteil ist im November zu rechnen.

Von Nadine Fabian

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