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Werder (Havel) Jugendliche Spione: Ausstellung zur „Werderaner Gruppe“ in der DDR
Lokales Potsdam-Mittelmark Werder (Havel) Jugendliche Spione: Ausstellung zur „Werderaner Gruppe“ in der DDR
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20:52 09.07.2019
Sie kamen als Zeitzeuginnen der „Werderaner Gruppe“ in die Gedenkstätte Lindenstraße: Helga Sperlich (links) und Helga Scharf. Quelle: Gabriele Spiller
Innenstadt

„Ich hatte von Geheimdienst keine Ahnung.“ Die freundliche Rentnerin Helga Scharf blickt auf die Schwarz-Weiß-Fotos in der neuen Werkstatt-Ausstellung der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam. Der treffende Titel „Zwischen den Fronten“ deutet an, wie Werderaner Jugendliche Anfang der 1950er Jahre unbedarft in die Interessenspolitik des Kalten Kriegs gerieten.

Blick in die Ausstellung „Zwischen den Fronten“. Quelle: Gabriele Spiller

Von den sich gegenüberstehenden Mächten, Sowjetunion und USA, beziehungsweise ihren Statthaltern auf deutschem Boden, wurden Helga Scharf und andere instrumentalisiert – und zahlten einen zu hohen Preis. Einunddreißig Verurteilungen, darunter acht Todesurteile, wurden gegen Mitglieder der „Werderaner Gruppe“ ausgesprochen und vollzogen.

Dass sich die jungen Leute untereinander gar nicht alle kannten, und man eher von einem losen Netzwerk sprechen müsste, war 1952 in der Strafverfolgung nicht von Belang. „Spionage“ lautete der Vorwurf an die Schüler, Studenten und Lehrlinge, von denen 24 im Gefängnis Lindenstraße durch ein Sowjetisches Militärtribunal abgeurteilt wurden.

Zeitzeuginnen berichten, was sie erlebt haben

Eine weitere Zeitzeugin war zum Medientermin anwesend: Helga Sperlich. Auch sie ist eine ältere Dame, die ihr langes weißes Haar zum Dutt geflochten trägt. Dass sie zu 25 Jahren Zwangsarbeit im Gulag Workuta nördlich des Polarkreises verurteilt wurde, mutet unvorstellbar an.

Die heute 87-Jährige kam 1950 mit ihren Eltern nach Werder und begann eine Ausbildung am Astrophysikalischen Institut. Ihre Glindower Cousine Ursula führte sie in ihren Kreis ein; in der Theatergruppe fand sie neue Freunde. „Es war ein unbeschwerter Sommer“, erinnert sich Helga Sperlich, „ich wusste, dass sie ein paar versteckte Hefte besaßen, aber das schien kein Grund zur Sorge.“

Eine Schreibmaschine fordert auf: „Schreib dein eigenes Flugblatt!“ Quelle: Gabriele Spiller

Verbotene Magazine, zum Beispiel die „Tarantel“, überschrieben als „Satirische Monatszeitschrift der DDR“, entstanden in West-Berlin. Sie waren antikommunistische Propagandabroschüren, die sich mit Karikaturen und Flüsterwitzen über die Ost-Berliner Führung lustig machten. „Wir alle waren mit diesem Regime nicht einverstanden“, sagt Helga Sperlich, „wir hatten gemerkt, dass wir von einer Diktatur in die nächste geraten waren.“

Der Widerstand unter den Jugendlichen erwachte

So erwachte ein mehr oder weniger zielgerichteter Widerstand in den jungen Leuten, die anfingen, auf ihren Schul- und Arbeitswegen nach West-Berlin Kurierdienste für Bekannte zu leisten. Helga Sperlich nahm Briefe aus Wannsee in die Sowjetische Zone mit. Helga Scharf aus Wildpark-West brachte ein Paket mit nach Hause, weil die Übergabe nicht geklappt hatte. Ihr Vater entdeckte, dass es sich um eine Flugblattrakete handelte und die beiden versenkten es in der Havel. Ein halbes Jahr später erfolgte der Zugriff des Staatssicherheitsdienstes, der die Jugendlichen bereits seit Monaten beobachtet hatte.

Ausstellung von Studenten der FU Berlin

„Am Fall von Werder wird deutlich, wie wenig die Beauftragten über die möglichen Konsequenzen aufgeklärt wurden“, sagt Uta Gerlant, die Leiterin der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße dazu.

Sechs Studierende des Master in Public History haben sich im vergangenen Semester des Themas angenommen und mit Amélie zu Eulenburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, die Ausstellung gestaltet. Public History ist ein seit zehn Jahren bestehender Studiengang an der Freien Universität Berlin, der Historiker insbesondere auf die Vermittlung in der Öffentlichkeit vorbereitet. „Wie wird Zeitgeschichte vermittelt, wenn es widerstrebende Interessen gibt?“, erklärt zu Eulenburg, „wer vereinnahmt Widerständige für seine Deutung?“ Ihr Fazit: Die Hinrichtungen waren einfach nur sinnlos, eine pathetische Verbrämung ist nicht angebracht.

Uta Gerlant (l.), Leiterin und Vorstand der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, und Amélie zu Eulenburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße. Quelle: Gabriele Spiller

Das Ergebnis der Studentenarbeiten ist eine übersichtliche und leicht zugängliche Präsentation, auch die Begleitpublikation lebt von Bildern und Einblicken in die damalige Lebenswelt. Wie sah Jugend in Werder aus? Warum war West-Berlin so reizvoll?

Die Darstellung will bewusst sachlich sein und verzichtet auf Emotionen. Angesichts der unfassbaren Todesurteile und überlebenden Betroffenen wäre allerdings interessant gewesen, wie diese mit dem Erfahrenen umgegangen sind. Persönliche Konsequenzen, psychologische Aspekte bleiben unberücksichtigt. Auch die Frage, warum die Werderaner Stadtgesellschaft den Vorfall bis in die jüngste Vergangenheit „beschwiegen“ hat, stellten sich die Ausstellungsmacher zwar und recherchierten vor Ort – beantworten sie jedoch nicht. So wird die Krux einer ausgewogenen Geschichtsschreibung deutlich, die auf niemanden mit dem Finger zeigen will.

Die Gedenkstätte Lindenstraße

Die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße hat ihren Sitz im ehemaligen Gefängnis- und Gerichtskomplex an der Lindenstraße 54/55. Ihr Ziel ist, die Geschichte der NS-Diktatur, der sowjetischen Besatzungsherrschaft, der SED-Diktatur und ihrer Opfer zu erforschen und zu dokumentieren.

Eine Dauerausstellung beleuchtet die Geschichte des Hauses, Sonderausstellungen und Veranstaltungen ergänzen das Angebot.

Die Gedenkstätte Lindenstraße hat von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet (letzter Einlass 17.30 Uhr)

Von Gabriele Spiller

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