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Wiesenburg Diagnose Rheuma: Ein Leben mit Schmerzen
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17:55 11.10.2019
Waltraud Pflug ist mit zehn Jahren an Rheuma erkrankt. 1993 hat sie die Rheuma-Liga AG Belzig gegründet, die sie bis heute leitet. Quelle: Hannah Rüdiger
Wiesenburg/Mark

Waltraud Pflug war ein wildes Kind. Kein Baum war ihr zu hoch, keine Kletterei zu gefährlich. Dann, mit zehn Jahren, begannen ihre Hände zu schmerzen. Was die Ärzte zunächst für Wachstumsschmerzen hielten, entpuppte sich als Rheuma. Die Entzündungen breiteten sich im ganzen Körper aus, bis jedes einzelne Gelenk wehtat. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich 70 Jahre alt werde“, sagt die Gründerin der Rheuma-Liga AG Belzig.

Damals habe man noch nicht so viel über die Krankheit gewusst, die Therapie war noch unausgereift. Heiße Packungen und Experimente mit verschiedensten Medikamenten verschlimmerten das Leiden der Wiesenburgerin. Von nun an bestimmten permanente Schmerzen ihr Leben.

Ein Leben lang krank

„Diese Krankheit ist unberechenbar“, sagt sie. „Das wünsche ich wirklich keinem Kind.“ Am schlimmsten seien die Deformationen der Gelenke, wenn sie durch die dauerhafte Entzündung zerstört sind. Die Hände und Füße der Betroffenen sehen dann aus wie gebrochen.

Mittlerweile, nach 60 Jahren mit der Krankheit, gibt es Wege, um damit zurechtzukommen. Seit 26 Jahren fährt Waltraud Pflug mit ihrem Mann zur Radontherapie nach Österreich, macht täglich Wassertherapie und Funktionstraining. Medikamente braucht sie heute fast gar nicht mehr. „Als junger Mensch ging es mir wirklich ganz, ganz schlecht“, erzählt sie. „Aber wenn man die Krankheit im Griff hat, kann man ganz gut damit leben.“

Weltweiter Aktionstag für Rheumatiker

Seit 1995 sitzt Waltraud Pflug im Rollstuhl. Deswegen hat Ehemann Norbert ihr ein barrierefreies Haus gebaut, in dem sie sich ohne fremde Hilfe bewegen kann. Das Waschbecken hängt niedrig genug, damit es die 70-Jährige erreichen kann, aber nicht so niedrig, dass sich Norbert Pflug stark bücken müsste. „Da muss man auch Kompromisse machen, es soll für beide gut sein“, sagt Waltraud Pflug.

Seit 1996 findet am 12. Oktober ein weltweiter Aktionstag statt, um auf Rheuma und die zahlreichen Gesichter der Krankheit aufmerksam zu machen.Allein in Deutschland sind momentan 17 Millionen Menschen von einer rheumatischen Erkrankung betroffen. Die Deutsche Rheuma-Liga nutzt den Aktionstag seit 2005 für Aufklärungskampagnen. In diesem Jahr trägt sie den Titel „Rheuma ist jünger, als du denkst“.

Auch junge Menschen können an Rheuma erkranken

„Es ist ein weit verbreiteter Fehlglaube, dass nur alte Leute Rheuma haben“, sagt auch Waltraud Pflug. Sie findet, dass die Gesellschaft zu wenig über die Erkrankung weiß – und sich auch zu wenig für die Kranken in ihrer Mitte interessiert.

In der DDR sei sie sich stets wie eine Schmarotzerin vorgekommen, die nichts wert ist, weil sie nicht arbeiten kann. Denn obwohl Waltraud Pflug eine Lehre bei der Bad Belziger Sparkasse abgeschlossen hatte, hinderte sie ihr Rheuma daran, einer täglichen Arbeit nachzugehen. Bereits im Alter von 19 Jahren wurde die Wiesenburgerin berentet.

Selbsthilfegruppe besteht seit 26 Jahren

Später, nach der Wende, habe es eine Zeit der Erleichterung, des Aufatmens gegeben. 1993 gründete Waltraud Pflug mit ihrem Mann die Rheuma-Liga AG Belzig, eine Selbsthilfegruppe für Betroffene und ihre Angehörigen. Die Gruppe bringt Menschen mit ähnlichen Leiden zusammen und bietet dazu Funktionstraining in Form von Wasser- und Trockengymnastik an. Bis heute leitet Pflug die Gruppe, der sich zu Hochzeiten über 140 Menschen angeschlossen hatten.

Es schien aufwärts zu gehen. Und dann wieder abwärts. Heute findet Waltraud Pflug, dass körperlich eingeschränkte Menschen im öffentlichen Raum zu wenig berücksichtigt werden. Sei es beim Bäcker oder im Wiesenburger Schlosspark: Überall Treppen. „Ich hab den Eindruck, wir laufen da eher rückwärts“, sagt die 70-Jährige. „Das ist es, was mich wurmt.“

Zu wenig Rücksicht auf Gehbehinderte

Immer wieder heiße es, Rampen und Fahrstühle seien zu teuer oder zu aufwändig. Gerade bei Neubauten könne sie nicht nachvollziehen, wieso barrierefreie Zugänge nicht schon im ersten Entwurf eingeplant sind. Das Umdenken falle Deutschland einfach schwer, sagt die 70-Jährige. Und das, obwohl die Menschen immer älter würden und irgendwann auf Gehhilfen angewiesen seien. Schon eine höhere Bordsteinkante komme da manchmal einem „Bitte draußen bleiben“-Schild gleich.

Am meisten störe sie, dass es in einer Stadt wie Bad Belzig kein großes Therapie-Schwimmbecken für Rheumatiker gibt. Seit ein paar Jahren müsste die Rheuma-Liga AG auf die Stein-Therme ausweichen, aber auch da seien die Kapazitäten begrenzt, weil die ambulanten Patienten untergebracht werden müssen. Dabei tue Wassertherapie „unbeschreiblich gut“ und erleichtere Rheumatikern ihr Leiden. Es könnte so einfach sein, ihnen zu helfen.

„Ich bin gar nicht so behindert, aber die Gesellschaft behindert mich“, sagt Waltraud Pflug. Jeder habe sein Päckchen zu tragen. Ausgerichtet sei die Welt dennoch auf gesunde, bewegliche Menschen – und nicht auf Menschen wie Waltraud Pflug, die nur noch kleinste Bewegungen ausführen kann. Die 70-Jährige ärgert das ungemein. „Wenn ich mehr Kraft hätte, würde ich auf die Barrikaden gehen.“

Von Hannah Rüdiger

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