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Potsdam-Mittelmark Was können die Gemeinden noch gegen Wildschweine unternehmen?
Lokales Potsdam-Mittelmark Was können die Gemeinden noch gegen Wildschweine unternehmen?
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00:20 11.06.2019
Nicht nur in Kleinmachnow und Stahnsdorf laufen Wildschweine durch die Ortschaften. Diese Tiere wurden in Glienicke gesichtet. Quelle: Gemeindeverwaltung Glienicke / Ivonne Pelz
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Stahnsdorf/Kleinmachnow

  Die Bogenjagd auf die Tiere war für viele Einwohner die letzte Hoffnung. Sie wurde verboten. Die MAZ fasst das Problem und die Folgen noch einmal zusammen:

Was genau ist das Problem?

In Stahnsdorf und Kleinmachnow leben immer mehr Wildschweine innerhalb der Gemeindegebiete – etwa auf verlassenen Grundstücken oder in anderen Verstecken. Sie sind unter anderem durch den trockenen Sommer des Vorjahres in den Ort gekommen oder durch Futterangebote. Viele sind schon so an Menschen gewöhnt, dass man sich ihnen bis auf wenige Meter nähern kann. Auf der Suche nach Futter richten sie große Schäden an.

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Viele Menschen fühlen sich außerdem von den Rotten, die bis zu 25 Tiere stark sein können, bedroht. Die Tiere können im Ortsgebiet – dem sogenannten befriedeten Gebiet – mit herkömmlichen Methoden nur schlecht bejagt werden, weil die Gefahr, dabei Menschen oder Tiere zu verletzen, zu groß ist. Aus diesem Grund ist das auch nur mit Sondergenehmigungen erlaubt.

Was genau wurde beim Land dagegen beantragt?

Antragsteller war der Jagdpächter Peter Hemmerden

Zerwühlter garten in Kleinmachnow. Quelle: privat

Begründet wurde der Antrag damit, dass die Wildschwein-Rotten, die sich ins Gemeindegebiet zurückgezogen haben, wegen der Hinterladgefährdung nicht mit Jagdgewehren bejagt werden können. Durch den Schussknall bestehe zudem die Gefahr, dass die Tiere in Panik flüchten und dabei Schäden anrichten oder Menschen verletzen. Die Bogenjagd sollte bis Ende Januar 2020 als Ergänzung zum klassischen Methode eingesetzt werden.

Weshalb ist die Bogenjagd so umstritten?

Tierschützer argumentieren, dass die Todeswirkung bei der Jagd mit Pfeil und Bogen um ein Vielfaches geringer als bei der Jagd mit Gewehren wäre. Auf ihrer Flucht würden die Tier unnötige Schmerzen erleiden. Sie halten das Töten für unnötig. Die Tiere könnten auch mit Zäunen abgehalten werden. Abfälle als Futterquellen dürften nicht zugänglich sein und auf das direkte Füttern muss verzichtet werden. Befürchtet wird zudem, dass abprallende Pfeile Menschen verletzen können.

Warum wurde die Bogenjagd abgelehnt?

Die Erteilung der Sondergenehmigung wurde an eine wissenschaftliche Begleitung geknüpft, bei der geklärt werden sollte: Ist die Bogenjagd ein geeignetes Mittel? Ist sie hinsichtlich des Tierschutzes problematisch? Wie wird sie von der Öffentlichkeit aufgenommen? Laut Landwirtschaftsministerium gab es für diese Begleitung zumindest während des Ausschreibungszeitraumes keine ausreichende Bewerbung. Zwar habe es Interessenten gegeben, diese seien aber wohl durch den Wirbel und die Proteste abgeschreckt worden, wurde vermutet.

Welche Folgen hat das nun für die Region?

Die Bekämpfung des Schwarzwildes innerhalb der Gemeindegebiete bleibt schwierig, da die Tiere hier nur in bestimmten Arealen mit Gewehren geschossen werden dürfen, für die Sondergenehmigungen vorliegen – und dort nur unter Einhaltung strenger Vorsichtsmaßnahmen, damit es zu keinen Gefährdungen kommt. Das war auch schon beim MAZ-Wildschwein-Talk heiß diskutiert worden.

In Stahnsdorf gibt es solche Ausnahmegenehmigungen für „beschränkte Jagdhandlungen in befriedeten Bezirken“ für den Dorfplatz, den Lagerplatz des Wirtschaftshofs an der Alten Potsdamer Landstraße, ein Grundstück im Meisenweg, eine Streuobstwiese, ein Regenrückhaltebecken am Gladiolenweg (Wohnsiedlung Schmale Enden) sowie für Flurstücke rund um den Schwarzen Pfuhl (Wohnsiedlung Grashüpferviertel) und für Teile der S-Bahn-Freihaltetrasse. In Kleinmachnow gilt die Jagdgenehmigung für öffentliche Grün-, Sport- und Erholungsanlagen im Eigentum der Gemeinde.

Welche Alternativen gibt es?

Bei einem Training legt ein Bogenschütze auf eine Zielscheibe an. Quelle: Deutscher Bogenjagdverband

Auch Treibjagden werden immer wieder angesprochen. Eine solche hat Stahnsdorf unter Beteiligung der Bevölkerung im November 2016. organisiert – mit geringem Erfolg: Ein Wildschwein wurde erlegt, nachdem die anderen wohl zuvor von Tierschützern verjagt worden waren, so die Vermutung. Aufwand und Nutzen würden hier in keinem vertretbaren Verhältnis stehen, so Stahnsdorfs Sprecher Stephan Reitzig. Auch Hemmerden hält Treibjagden im urbanen Gebiet für eine ungeeignete Alternative.

Stahnsdorfs Bürgermeister Bernd Albers fordert die Verwendung von „alternativen Jagdmethoden“ wie den Einsatz von Nachtsichtgeräten und ähnlichen technischen Assistenzsystemen, modifizierter Munition und Schalldämpfern. Abschussprämien, die in manchen Gemeinden bereits beschlossen wurden, sollen die Jäger dazu motivieren, mehr Tiere zu erlegen. In Stahnsdorf wurde außerdem entschieden, einen Gemeindejäger einsetzen zu wollen. Hier konnte man sich jedoch mit den Jagdpächtern nicht einigen, in welchem Umfang und für welche Aufgaben dieser eingesetzt werden soll.

Welche Möglichkeiten sehen die Jäger?

Peter Hemmerden, der die Bogenjagd beantragt hatte: „Jetzt, wo klar wird, dass wir Jäger die Symptome nur mit bisher herkömmlichen Mitteln bekämpfen können und innerhalb der Ortslage kaum etwas machen können, kommt umso mehr Verantwortung au Bürger und Gemeinden zu, an den Ursachen zu arbeiten.“ Hemmerden und sein Jagdpächterkollege Jörg Fenske werden von mittlerweile 13 Jägern in ihrem Jagdrevier Kleinmachnow und Stahnsdorf unterstützt.

Welche Möglichkeiten nennt das Ministerium?

Es gibt keine direkte Hilfe. Das Ministerium bietet den beiden Gemeinden Gespräche an. Dabei sollen Fachleute der Wildökologischen Forschungsstelle Eberswalde, örtliche Jäger und Kommunalpolitiker prüfen, wie die Wildschweinpopulation in den Siedlungsbereichen wirksam reduziert werden kann. Unter anderem soll dabei auch diskutiert werden, ob Jagdwaffen mit modifizierter Munition und Schalldämpfern eingesetzt werden sollen.

Was können Stahnsdorfer und Kleinmachnower tun?

Einwohner der betroffenen Gemeinden können vor allem zwei Dinge tun: Wild nicht füttern und ihm auf ihren Grundstücken keinen Unterschlupf bieten. Nicht zu füttern bedeutet dabei nicht nur, den Tieren nicht aktiv Futter zur Verfügung zu stellen, sondern auch keinen Komposthaufen anzulegen oder im Sommer den eigenen Rasen nicht ständig gut zu wässern. Hier suchen die Tiere nämlich dann gerne nach Engerlingen. Eine gute Einzäunung und die Tore zum eigenen Grundstück geschlossen zu halten, schützt vor unerwünschtem Besuch.

Warum ist es so wichtig, dass etwas unternommen wird?

Abgesehen von den Schäden, die durch Wildschweine verursacht werden, wenn sie die Erde umgraben, weil sie auf der Suche nach Futter sind, gibt es noch eine weitaus größere Gefahr, die unweit von Deutschland lauert: die Afrikanische Schweinepest. Dabei handelt es sich um eine Virusinfektion, die als gefährliche Seuche gilt. Sie ist zwar in Deutschland noch nicht aufgetreten, wohl aber unter anderem in Belgien, Polen oder anderen Ländern in Europa. Erst in diesem Jahr hat Dänemark beschlossen, einen 70 Kilometer langen und 1,50 Meter hohen Zaun an der Grenze zu Deutschland zu errichten, um sich vor infizierten Wildschweinen zu schützen.

Schon bei begründetem Verdacht auf einen Krankheitsausbruch kann die Tötung aller Schweine eines Betriebes behördlich angeordnet werden. Die wirtschaftlichen Folgen wären enorm. Durch die vorbeugend verstärkte Bejagung von Wildschweinen soll die Verbreitung eingedämmt werden.

Alles aus der MAZ zum Thema Wildschweine gibt es hier.

Von Konstanze Kobel-Höller