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Wusterwitz Ortschronist holt viel Verborgenes aus der Geschichte von Rogäsen hervor
Lokales Potsdam-Mittelmark Wusterwitz Ortschronist holt viel Verborgenes aus der Geschichte von Rogäsen hervor
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12:24 24.05.2019
Stets die Historie im Blick: Ortschronist Bernd Miller vor der Rogäsener Kirche. Quelle: Tobias Wagner
Brandenburg/H

Für Bernd Miller benötigt ein guter Ortschronist genau zwei Dinge: unbedingte Leidenschaft und eine Menge Zeit. „Denn Recherchematerialien wie Kirchenbücher sind nicht mal eben in einer Stunde durchgelesen“, sagt der 67-Jährige Hobby-Historiker aus Rogäsen. „Deswegen machen diese Arbeit heute hauptsächlich Ehrenamtler, die nicht mehr im Berufsleben stehen.“ Er habe eine Menge Zeit als Rentner- und Leidenschaft sowieso.

Tiefverwurzelte Familie

Seit Jahren beschäftigt sich Miller mit der Geschichte Rogäsens, etwa acht Kilometer nördlich von Ziesar und 20 Kilometer von Brandenburg an der Havel in Potsdam-Mittelmark gelegen. Ein kleiner Ort, der tief mit der eigenen Familiengeschichte des Chronisten verwurzelt ist: „Meine Familie lebt seit etwa 200 Jahren in Rogäsen“, sagt Miller. „Es gibt nicht mehr viele, die das von sich behaupten können.“

Miller erblickte am 24. Dezember 1951 das Licht Rogäsens und besuchte acht Jahre lang die Schule des Dorfes. „Danach fuhr ich zwei Jahre lang mit dem Fahrrad zur Schule nach Wusterwitz.“

Das Herrenhaus Rogäsen und die Kirche zwischen 1857 und 1883 auf einem Gemälde aus der Sammlung Duncker. Quelle: zlb

Nach seinem Abschluss begann Miller eine Berufsausbildung im Stahl- und Walzwerk in Brandenburg an der Havel, machte nach der Wende seinen Meister in Kälte- und Klimatechnik und verdiente bis 2005 seinen Lohn als Selbstständiger. Sein Büro, Millers jetziges Arbeitszimmer, liegt in dem Haus, in dem er noch heute mit seiner Frau lebt, und das sich seit jeher in Familienbesitz befindet.

Der Anfang einer Leidenschaft

„Nach dem Ruhestand besuchte ich Seniorenveranstaltungen, denn irgendwie muss man sich einbringen.“ Hier entstand die Idee, sich näher mit der Geschichte Rogäsens zu beschäftigen. Ursprünglich besaß Miller Geburtsurkunden seiner Familie, die sich bis 1850 zurückverfolgen ließen. Doch er wollte tiefer in die Historie seiner Familie und damit zwangsläufig in die Geschichte des Ortes abtauchen – und wurde im Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde fündig.

In den Aufzeichnungen von 1759 stand geschrieben, dass das „Hurenkind Johann Jakob Toepke“ (der Nachname der Vorfahren Millers mütterlicherseits) geboren wurde, eine Bezeichnung, die seinerzeit unehelich geborene Kinder erhielten. „Die Funde waren wie eine Einstiegsdroge, ich war in einem goldenen Käfig gefangen“, gesteht Miller. „Eine absolut angenehme Gefangenschaft.“

Der Runenstein von Rogäsen Mittelmark vor dem Kreismuseum in Genthin. Quelle: Heiko Hesse

Beim Lesen der Kirchenbücher tauchten unter anderem immer wieder Namen von Bauernfamilien auf, die es zwar nicht mehr gebe, jedoch immer noch in Rogäsen präsent seien. „Da will man dann immer mehr wissen“, so der Hobby-Historiker. Seitdem sind diese Bücher nicht nur hauptsächliche Recherchequellen Millers, der Rentner eignet sich sein Wissen zusätzlich in den Aufzeichnungen der Archive Magdeburgs und Genthins an und spricht mit Zeitzeugen, die allerdings immer weniger werden.

Da Rogäsen bis Gebietsreform im Jahre 1952 zur Provinz Sachsen gehörte und Genthin die zuständige Kreisstadt war, findet man viel Historisches in Sachsen-Anhalt.

Harte Arbeit zahlt sich aus

Miller legt sich nicht auf ein Thema fest. Er sammelt Ideen, die er in einer Recherchemappe steckt, um diese nach und nach zu bearbeiten. „Es ist natürlich schwierig, als Alleinunterhalter auf breiter Front zu recherchieren.“ Doch die harte Arbeit zahle sich oftmals aus: „Ich habe Dinge gefunden, die selbst alte Rogäsener nicht wussten.“ Manchmal klappe da dem einen oder anderen die Kinnlade herunter.

So sei vielen Alteingesessenen gar nicht bewusst gewesen, dass im Ort nicht nur eine Ziegelei (etwa zwischen 1863 und 1886), sondern von ungefähr 1770 bis 1847 auch eine Brauerei und Branntweinbrennerei existierte. Er war zufällig auf diese Thematik gestoßen, als er unter anderem in Materialien des Kreismuseums Genthin von einer „früheren Brauerei“ las, und dann zielgerichteter in den Archiven nach diesen Unternehmen suchte.

Auf diese Weise konnte der Chronist bisher einige Themen wie die Geschichte zur Ziegelei und zum ältesten Gebäude Rogäsens, der Kirche, abschließen, weitere Inhalte werden ihn jedoch wohl noch eine Weile beschäftigen. Momentan arbeitet Miller unter anderem an der Geschichte des Backwesens in Rogäsen.

Steine im Weg eines Chronisten

Dabei treffe er oft auf unvermutete Hürden: „ Von Dingen, die 200 Jahre und länger zurückliegen, findet man Aufzeichnungen, aber alles was vor 100 Jahren und später geschehen ist, da fehlen vielfach Informationen“, berichtet Miller. „Das kann doch nicht sein.“

Es sei gesichert, dass der letzte Bäckermeister Rogäsens sein Handwerk 1988 aufgrund einer Mehlstaublunge aufgeben musste und keiner seiner Nachkommen den Betrieb übernehmen wollte. Die Information, wann der Vorgänger die Bäckerei gründete, sei jedoch bisher nirgends auffindbar.

Rogäsen auf einer Ansichtskarte Ende des 19. Jahrhunderts Quelle: Sammlung Hesse

„Da muss man sich dann behelfen und um die Ecke denken“, sagt Miller. „Man kann sich beispielsweise anhand verschiedener Indizien vieles selbst zusammenbasteln.“ So fand der Ortschronist beispielsweise in den Archiven historische Dokumente zum Verkauf von Schafswolle. Hier erregte die bisher unbekannte Gewichtsbezeichnung „der große Stein“ seine Aufmerksamkeit.

„Ich habe dann selber mal durchgerechnet, wie viele dieser „Steine“ Schafswolle verkauft, und wie viele Taler und Silberstücke dafür eingenommen wurden.“ Dabei sei herausgekommen, dass ein großer Stein 20 Pfund entspricht. Schließlich solle ein Chronist auf Vermutungen verzichten, und möglichst Nachweise erbringen.

Chronist ohne Aufzeichnungen

Die Ergebnisse der Arbeit zu Millers Themen in Aufzeichnungen wie Ortschroniken oder Artikeln sucht man allerdings vergebens, eine ungewöhnliche Vorgehensweise für einen ehrenamtlich tätigen Hobby-Historiker. Dies habe zwei Gründe: „Zum einen ist eine Chronik immer unvollständig, da stets neue Informationen und Erkenntnisse auftauchen können“, sagt er. „Zum anderen sollten immer Quellenangaben erscheinen – da habe ich einfach keine Lust drauf.“

Seine Ergebnisse stellt er an Heimatabenden bei Vorträgen vor. „Für die, die es wirklich interessiert“, sagt er. Veranstaltungen seien bereits für den Herbst diesen Jahres oder für Anfang 2020 im Gespräch. „Je nachdem wie meine Themen fertig werden – denn Zeit spielt keine Rolle, wenn man sich der Historie mit Leidenschaft widmet“.

Und schließlich habe Miller von beidem eine Menge.

Von Tobias Wagner

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