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Wusterwitz Streit um DDR-Kunst: Das Friedensmal in Wusterwitz ist in Gefahr
Lokales Potsdam-Mittelmark Wusterwitz Streit um DDR-Kunst: Das Friedensmal in Wusterwitz ist in Gefahr
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12:45 25.04.2019
Das Friedensmal in Wusterwitz wurde 1987 mit viel Pomp eingeweiht. Langsam holt sich die Natur den Platz zurück. Was aus der Anlage in Zukunft wird, ist noch unklar. Quelle: Frank Bürstenbinder
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Wusterwitz

 Fast 30 Jahre war es aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Es blieb der Natur überlassen. Plötzlich sorgt das 1987 auf dem Schulgrundstück in der Ernst-Thälmann-Straße aufgestellte Friedensmal für Diskussionsstoff. Grund: Die von dem bedeutenden Magdeburger Metallgestalter Wilfried Heider (1939–1999) in Form einer stilisierten Flamme entworfene Skulptur steht einem Neubauvorhaben im Wege.

Das Signum von Wilfried Heider auf der stilisierten Flamme des Friedensmals. Quelle: Frank Bürstenbinder

Ein Investor will auf dem mit Kiefern bewachsenen Areal eine Seniorenwohnanlage errichten. Bislang kam es nicht zum Verkauf einer rund 5000 Quadratmeter großen Teilfläche. Auch ein Bauantrag steht aus. Doch soll nach den Vorstellungen des Vorhabenträgers im Herbst Baubeginn sein. Was passiert bis dahin mit der nicht unter Denkmalschutz stehenden Anlage?

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Sehnsucht nach Wärme

Das Friedensmal wurde am Vorabend des 7. Oktober 1987 mit einer Kundgebung, auf der es Ehrungen und Auszeichnungen gab, eingeweiht. Wusterwitz erhielt bei der Gelegenheit die Anerkennung zum „Bereich der vorbildlichen Ordnung, Disziplin und Sicherheit.“

Nach damaliger Lesart des Künstlers stellt die stilisierte Flamme die Sehnsucht der Menschen nach Wärme, Geborgenheit und Menschenwürde dar. Die Skulptur wird an seiner Rückfront von einer Aufmauerung abgegrenzt, auf der Schriftzeichen mit einem Thälmann-Zitat angebracht sind.

Wilfried Heider lernte in der väterlichen Werkstatt den Schlosserberuf. Es schloss sich ein Studium in der Kunstschmiedeabteilung der Fachschule für Angewandte Kunst in Magdeburg an. Außerdem machte er seinen Schlossermeister. Künftig arbeitete er freischaffend, war auf den Kunstausstellungen der DDR in Dresden regelmäßig vertreten.

Nach einer ersten und internen Überlegung in der Gemeindevertretung war die Versteigerung des Friedensmals über das Zoll-Auktionshaus von Bund, Ländern und Gemeinden geplant. In dem virtuellen Kaufhaus bieten Behörden und öffentliche Körperschaften unter anderem auch Etagenbetten, Rettungsdiensthosen und Multicar-Kehrbesen an.

Manfred Trauselt setzt sich für den Erhalt des DDR-Friedensmals ein. Quelle: Frank Bürstenbinder

Für Wusterwitzer wie Manfred Trauselt ein Unding. Seine Anfrage bei der jüngsten Gemeindevertretersitzung brachte die Absicht der Kommune ans Tageslicht, sich kurz und schmerzlos von dem übermannsgroßen DDR-Erbe aus Edelstahl zu trennen. „Die Gemeinde hat wohl keine Ahnung, welcher bekannter Name hinter dem Friedensmal steckt. Außerdem gehört es zur Wusterwitzer Geschichte“, sagte Trauselt der MAZ.

Tatsächlich war Heider ein vor und nach der Wende hoch geschätzter Künstler. In der DDR gehörte er der Akademie der Künste an. Seine geschmiedeten und architekturbezogenen Arbeiten gelten unter Fachleuten als bleibendes Kulturgut. Während in Wusterwitz Demontagepläne die Runde machen, wird Heiders Lebenswerk in seiner Heimatstadt Magdeburg in diesen Tagen mit einer Personalausstellung in der Galerie Himmelreich gewürdigt. Heider ist unter anderem Vater des Magdeburger Fischbrunnens an der Elbuferpromenade.

Fraktionen sollen überlegen

Aufgeschreckt von der öffentlichen Debatte, ist Bürgermeister Ronald Melchert (CDU) bemüht, die Wogen zu glätten. „Viele Jahre hat sich niemand um das Friedensmal gekümmert. Ich bin davon ausgegangen, dass an der Anlage kein Bedarf mehr besteht. Ein konkreter Beschluss wurde aber noch nicht gefasst.“ Jetzt sind die Fraktionen aufgefordert, sich Gedanken über die Zukunft des Kunstwerkes zu machen. Auch eine Umsetzung sei denkbar, so Melchert.

Das vom Metallgestalter Wilfried Heider geschaffene Friedensmal in der Wusterwitzer Ernst-Thälmann-Straße kurz nach seiner Vollendung 1987. Quelle: privat

Lothar Ohge schlug vor, die Skulptur vor die Schule zu stellen. Jürgen Engel kann sich vorstellen, das Friedensmal dem Freundeskreis in der Magdeburger Galerie Himmelreich anzubieten. Entschieden ist noch nichts. Auf keinen Fall will der Investor kurzen Prozess mit dem Friedensmal machen. „Zunächst liegt der Ball natürlich bei der Kommune. Denn ihr gehört die Anlage. Sollte die Gemeinde zu keiner Lösung kommen, sind wir für andere Varianten offen. Eine Einbeziehung der Skulptur in den Außenbereich der Seniorenwohnanlage ist vorstellbar, müsste aber konkret durchdacht werden“, sagte Peter Würgatsch von der Investorengemeinschaft der MAZ.

Thema im Freundeskreis

Das Tauziehen um Heiders Agitprop-Werk in Wusterwitz ist bis nach Magdeburg gedrungen. Wie der Verein „Freunde des Himmelsreichs“, der sich um den Nachlass des Künstlers kümmert, auf Nachfrage ankündigte, will sich der Vorstand auf seiner nächsten Sitzung mit dem Thema beschäftigen.

 

Von Frank Bürstenbinder