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Ziesar Martina Hammond – Autorin und beständige Neustarterin
Lokales Potsdam-Mittelmark Ziesar Martina Hammond – Autorin und beständige Neustarterin
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16:13 25.09.2018
Landleben mit Hund: Martina Hammond lebt in Buckau und hat gemeinsam mit ihrer Familie aus einem sanierungsbedürftigen Haus mit viel Liebe ein Kleinod geschaffen. Quelle: Rüdiger Böhme
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Buckau

Immer wieder hat sie sich neu erfunden und von vorne begonnen, einen Neustart nach dem anderen hingelegt. Martina Hammond aus Buckau sagt: „Mein Leben passt in kein Buch.“ Und doch hat sie eines geschrieben darüber und nun soll ein Zweites folgen. In Buckau, fast am Ende der Welt, in einem Ort, der schon beim Kennenlernen so besonders ist, dort lebt die 52-Jährige nun so lange schon, wie an keinem anderen Ort – ausgenommen Berlin, wo sie geboren ist.

Als sie und ihr Mann das Haus in Buckau kauften, kamen sie aus England. Robert Hammond hat das altehrwürdige, völlig verfallene Gebäude erst eine Stunde vor dem Notartermin zum ersten Mal betreten. Es war ein Abenteuer.

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Robert Hammond im Treppenhaus des Mehrgenerationenhauses in Buckau. Quelle: Rüdiger Böhme

Martina Hammond war mit 17 Jahren Auszubildende im Kempinski in Berlin, sie ging ein paar Jahre später als Hotelfachfrau ans Luxushotel Adlon am Brandenburger Tor. Sie liebte in Athen und lebte eine Zeit lang dort, kam zurück, wurde Angestellte einer Fluglinie. Sie taktete die Dienstpläne der Stewardessen. „Ein toller Job mit Freitickets.“ Dann fiel die Mauer. „Es war die Raubritterzeit.“ Sie wurde Versicherungskauffrau, weil ihr Bruder sie dazu überredete. Der große Bruder, der immer wieder Einfluss auf ihr Leben nahm. Martina Hammond baute ein Team auf, tourte jeden Tag lange Strecken zu den Kunden. Im Monat kamen 5000 Kilometer zusammen. 7000 Kundenverträge ihres Teams kontrollierte sie. „Ich ging Plattenbauten hoch und runter und saß abends mit einem Koffer voll Geld im Hotel.“ Ein Burn-out warf sie zurück. Es war 1995, „als ich vor meinem Team die Abschiedsrede hielt“.

Das neue Zuhause der Familie Hammond in Buckau bei Ziesar. Quelle: Rüdiger Böhme

Sie verkaufte ihr schickes Cabrio, alle Möbel, gab ihre Wohnung an der Deutschen Oper auf und ging nach Lanzarote; diese Insel wurde immer wieder zum Lebensquell für sie. „Ich wurde Radioreporterin auf der Insel, verloste Eisbecher über den Sender.“ Später baute sie ein kleines Restaurant für Kartoffelpuffer auf. Nur einen Tag die Woche musste sie öffnen, um finanziell über die Runden zu kommen. Kartoffelpuffer gehen gut auf Lanzarote. Schlange standen Touristen und Einheimische für dieses typisch deutsche Gericht.

Selbstgemachte Marmelade unter dem Dach gelagert. Quelle: Rüdiger Böhme

Drei Jahre später kam sie zurück nach Berlin, wurde Handelsvertreterin für ein Wellnessprodukt, schuftete und fuhr wieder weite Strecken für ein paar Jahre. Sie war wieder wer. Ihr Sohn kam auf die Welt. Mit Baby ging dieser Job nicht mehr. Erneut ließ sie ein Team zurück, das sie aufgebaut hatte. Wieder musste sie sich neu erfinden. Und dafür war ja Lanzarote so gut. Dort lebte sie mit ihrem Kind, bis Albträume von Tsunami-Brechern sie ins heimische Berlin zurückkehren ließen. Die Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 mit 231.000 Toten in Asien hatte sich in ihr eingebrannt. In ihren Träumen fühlte sie sich auf einer Insel nicht mehr sicher.

Die Familienküche im zweiten Geschoss mit rotem Holzofen für kalte Herbsttage. Quelle: Rüdiger Böhme

Kein einfacher Schritt: „Mit 38 und Kind zurück zu den Eltern mit einigen Blessuren. Und zum ersten Mal ging ich zum Jobcenter.“ Sie begann ihr Buch zu schreiben: „Wir nennen es leben“, heißt es, erschienen unter ihrem Mädchennamen Martina Bund. Ein an ihre Biografie angelehnter Roman. 2007 erschien es.

Die Suche auch nach einer großen Liebe

Sie suchte wieder. Diesmal nicht nur einen Job, sondern einen Mann. Nach der großen Liebe, nach Beständigkeit. Sie suchte in Berlin. Vergeblich. „Dann drückte ich den Weltweit-Knopf.“ So fand sie ihre Liebe in Leeds in Großbritannien und lernte Robert Hammond kennen. Sie zog zu ihm, wurde Sekretärin eines Pfarrers. Doch richtig heimisch fühlten sich Martina Hammond und ihr Sohn nicht in England. So kam 2011 der Beschluss zurückzukehren. In ganz Deutschland suchten sie nach einem Haus, um eine Pension für Bed und Breakfast eröffnen zu können. Sie fanden nichts. „Die Banken machten uns einen Strich durch die Rechnung. So suchten wir etwas, was wir bar bezahlen konnten.“ Sie fanden es in Buckau.

Das Haus aus den 30-er Jahren mit 300 Quadratmetern Wohnfläche und 4000 Quadratmeter Land ist ein besonderes. Die Revierpolizistenstube war dort im einstigen Gemeindehaus einmal. Mehrere Jahre stand es leer. Die Geschichte des Bauwerks liegt ein wenig im Nebel. Die einstigen Besitzer sollen eines Nachts in den Westen geflohen sein.

Die Hammonds renovierten das Gebäude, bekamen Fördermittel, „viele Nachbarn und Freunde aus Berlin halfen, das Haus zu retten. Es wimmelte von hilfsbereiten Heinzelmännchen. In der Not hält man auf dem Dorf zusammen“. Pferde kamen auf den Hof und Ziegen.

Die Sehnsucht nach Berlin ist geblieben

Doch so wohl sie sich fühlten, so fühlt sich manchmal Martina Hammond auch ein wenig fremd an diesem Ort. Dieses Dorf, so herausgefallen aus dieser Welt, ist weit weg von ihrem alten Leben. Robert Hammond, früher beschäftigt als Verwaltungsmitarbeiter an der Universität Leeds, verkauft nun an einer Raststätte Wiener Würstchen. Der Sohn macht in Bad Belzig bald Abitur.

Das Haus, ein Traum aus märchenhaft und eingeweckter Marmelade, die fotogen unter dem Dach gestapelt steht in liebevoll dekorierten Gläsern. Unten lebt der Vater von Martina Hammond, Stephan Bund, 82 Jahre alt. Ein Maler, in seiner Galerie zu Hause.

Monatliche Flohmärkte ziehen Besucher in das Haus. Die Tiere sind abgegeben. Die Kraft, sie zu versorgen, reichte nicht mehr. „Nun möchte ich mein zweites Buch schreiben“, verkündet Martina Hammond. Es wird von ihren Buckauer Jahren handeln.

Von Marion von Imhoff