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Ziesar 222 verwahrloste Tiere: Retter erleben einen Hof des Grauens
Lokales Potsdam-Mittelmark Ziesar 222 verwahrloste Tiere: Retter erleben einen Hof des Grauens
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06:22 16.08.2019
Bilder des Grauens: Unter anderem wurden zahlreiche Geflügelkadaver auf dem Hof gefunden. Darunter Küken, Hühner und Enten. Rund 60 Hühner konnten lebend gerettet werden. Quelle: Kreisverwaltung Potsdam-Mittelmark
Mittelmark

Starker Uringeruch im Haus, ein Hof voller Kot, nicht ausgemistete Ställe und verschmutzte Wassertränken. Mittendrin 200 Katzen, Hunde, Schafe, Hühner und andere Tierarten. Ein neuer Fall von krankhafter Tiersammelei, Fachleute sprechen auch von „Animal Hoarding“, erschüttert den Landkreis. Was ist passiert?

In einer konzertierten Aktion haben Tierärzte der kreislichen Veterinärbehörde, Mitglieder der Tierrettung Potsdam und Polizisten exakt 222 Tiere von einem Privatgrundstück in einem kleinen Dorf im Amt Ziesar gerettet. „Die Zustände waren unbeschreiblich. Und wir haben schon so einiges erlebt“, berichtet Kathleen Wiggert, Einsatzleiterin bei der Tierrettung Potsdam, der MAZ. So konnten zum Beispiel 60 Hühner lebend geborgen werden, 30 andere Hühner fanden die Helfer nur noch tot auf.

Überall Kadaver

„Sämtliche Tierunterkünfte befanden sich in einem erheblich unhygienischen Zustand. Der Tierhalter konnte für das Geflügel, die Schafe und Ziegen keine Futtervorräte vorzeigen“, heißt es in einem Bericht der Tierschutzüberwachung des Landkreises. Doch es kommt noch schlimmer. Mit Hilfe der Polizei wurden Nebengelasse besichtigt, wo mehrere bereits mumifizierte Geflügelkadaver gefunden wurden, insbesondere von Küken, aber auch bereits ausgewachsener Hühner und Enten.

Die auf dem Hof entdeckten Tiere befanden sich alle in einem beklagenswerten Zustand. Quelle: Kreisverwaltung Potsdam-Mittelmark

Die unangemeldete Aktion zog sich über acht Stunden in die Länge. „Unsere Leute haben die letzten Tiere in der Nacht gegen 1.30 Uhr in Sicherheit gebracht“, so Tierretterin Wiggert. Die Veterinäre der Kreisverwaltung entschieden sich für eine Fortnahme aller noch lebenden Tiere im Sofortvollzug, um zu verhindern das weitere sterben.

Tiere litten Hunger

Eile tat not, denn das Geflügel, die Ziegen und einige Schafe waren hochgradig abgemagert. In den Futterschalen und Raufen fand sich kaum noch Futter. Die Ziervögel, Wellensittiche und Finken waren in einem Wohnraum auf viel zu kleiner Fläche untergebracht. Die Katzen mussten in einem schmutzigen, stinkigen und mit massig Unrat gefülltem Raum im Obergeschoss des Hauses leben.

Tote Tiere zwischen Unrat. Quelle: Kreisverwaltung Potsdam-Mittelmark

Das Einfangen, Transportieren und Verteilen der Tiere übernahm die Tierrettung Potsdam mit Hilfe zahlreicher Vereinsmitglieder. Amtstierärztin Stephanie Koßmann vom Landkreis Potsdam-Mittelmark sprach von einer „großartigen Zusammenarbeit“. Jährlich gehen im Fachdienst Veterinärwesen bis zu 200 Anzeigen über nicht tierschutzgerechte Haltung, insbesondere von Pferden, Hunden, Katzen, Kleinnagern in privater Tierhaltung ein. Diese Zahl nannte Landrat Wolfgang Blasig (SPD) am Donnerstag in seinem Bericht an den Kreistag.

Verbot ausgesprochen

Für Amtstierärztin Koßmann zeigte das Verhalten des aktuell betroffenen Tierhalters Merkmale von „Animal Hoarding“, einer in Österreich und der Schweiz bereits anerkannten Psychose. Gegen den Mann und dessen Ehefrau, die zudem eine nicht genehmigte Katzenzucht betrieb, wurde ein generelles Tierhaltungsverbot ausgesprochen. Die Tierrettung ist auch ein Fall für das Jugendamt geworden. Denn das Kinderzimmer, in dem der Sohn lebte, wurde ebenfalls in einem katastrophalen Zustand vorgefunden.

Tote Tiere zwischen Unrat. Quelle: Kreisverwaltung Potsdam-Mittelmark

Dass der Fall im Amt Ziesar überhaupt ans Tageslicht kam, ist einem Anwohner zu verdanken. Dieser hatte sich über tote und offensichtlich hungrige Tiere im Garten seines Nachbarn beklagt. Bei einer ersten Vorortkontrolle der Veterinärbehörde zeigte sich der Tierhalter aufgebracht. Ein gerade verendetes Schaf nahmen die Tierärzte mit zur Untersuchung in das Landeslabor Berlin-Brandenburg. Der Befund war erschreckend: Mangelernährung, starker Gewichtsverlust mit Auszehrung des Körperfetts und Verwurmung. Das Schaf war elendig verhungert.

Unangemeldete Kontrolle

An den Tierhalter gab es zunächst die Auflage, sich bei einer Tierärztin mit Entwurmungsmitteln zu versorgen und für ausreichend Heu zu sorgen. Eine Nachkontrolle verlief in diesem Sinne zunächst positiv. Doch das Sterben der Tiere ging leider weiter, wie eine weitere Anzeige des Nachbarn ergab. Das ganze Ausmaß des Elends wurde schließlich erst bei der unangemeldeten Kontrolle vor wenigen Tagen deutlich. Vorgefunden wurden 222 Tiere, darunter 28 Katzen, 43 Ziervögel, fünf Hunde, elf Schafe, drei Schildkröten sowie diverses Geflügel.

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