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Ziesar Wölfe erobern das Fiener Bruch
Lokales Potsdam-Mittelmark Ziesar Wölfe erobern das Fiener Bruch
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17:54 16.08.2018
Otto Schmücker vor den Resten eines Schafskadavers.
Otto Schmücker vor den Resten eines Schafskadavers. Quelle: Frank Bürstenbinder
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Glienecke

 Sie tollen unbekümmert auf einem Stoppelfeld. Auf dem Video sind drei Wolfswelpen zu sehen, die sich des Lebens freuen. Mit den Aufnahmen, die einem Weidmann aus Ziesar bei einer Revierfahrt gelangen, dürfte der Beweis erbracht sein, dass auch das Fiener Bruch dauerhaft zum Wolfsland geworden ist.

Andere Jäger, wie der Glienecker Uwe Jenthur berichten, dass sich die beiden Altwölfe sogar um vier Junge kümmern. „Wölfe sind inzwischen überall. Und zwar viel mehr, als es offizielle Statistiken der Öffentlichkeit glauben machen wollen“, ist Jenthur überzeugt.

Mit der Geduld am Ende

Die Rückkehr der Wölfe geht nicht ohne Konflikte mit den Weidetierhaltern ab. Erst vor wenigen Tagen überlebte erneut ein Kalb der Fiener Agrargenossenschaft Ziesar einen Angriff nicht.

Ein verzweifelter Agrar-Chef Elard von Gottberg sorgte für Schlagzeilen, als er vor dem Landtag in Potsdam ein massakriertes Jungrind präsentierte. Mit der Geduld am Ende ist auch der Besitzer der Eulenmühle bei Glienecke, Otto Schmücker. Erst am Mittwoch fiel sein vorletztes Kamerun-Schaf einer mutmaßlichen Wolfsattacke zum Opfer.

Ein Wolf bei Glienecke: Für Jäger gehören solche Anblicke rund um Ziesar längst zum Alltag. Quelle: Privat

„Ich bin entsetzt darüber, dass die Politik nicht auf die ungehemmte Ausbreitung des Wolfsbestandes reagiert“, sagte Eulenmüller Schmücker der MAZ. Er hat bei drei Attacken in den letzten Wochen acht von neun Schafen verloren. Bis auf ein letztes Exemplar und vier Ziegen ist sein Streichelzoo fast ausgelöscht. Die Serie mutmaßlicher Wolfsangriffe begann am 5. Juli. Gutachter Uwe Schanz protokollierte in der Nutztierrissmeldung „eindeutige Kehlbisse“ bei zwei männlichen und drei weiblichen Tieren. Ein Wolf als Verursacher kann nicht ausgeschlossen werden, heißt es in der Diplomatensprache der Gutachter. Gewissheit kann nur die Auswertung der DNA-Probe geben. Doch das dauert.

Esel als Alarmanlage

Dass die Wölfe die fünf Schafe nicht gefressen haben, kann den lebenden Alarmanlagen zugeschrieben werden. Schmücker besitzt noch zwei Esel. „Diese haben entsetzlich laut geschrien. Doch bis ich die Koppel erreichte, war es um die Schafe geschehen“, erinnert sich der Eulenmüller. Vergangene Woche der nächste Vorfall. Zwei Tiere kamen ums Leben. Wieder war ein Rissgutachter vor Ort.

Die Eulenmühle war in den letzten Wochen mehrfach Schauplatz von mutmaßlichen Wolfsattacken. Quelle: Frank Bürstenbinder

Schanz kritisierte wiederholt die seiner Ansicht nach nicht wolfssichere Umzäunung. Der Zaun sei teilweise defekt und am unteren Ende nicht eingegraben. Vorwürfe fallen. Es kam zu einem unschönen Wortwechsel. Am Ende erteilte Schmücker Gutachter Schanz, der sich ehrenamtlich als Nabu-Wolfsbotschafter engagiert, Hausverbot. Schmücker: „Ich bin stinksauer über den Mann. Die Tierhalter werden an den Pranger gestellt. Jeder weiß, dass es keinen hundertprozentigen Wolfsschutz gibt.“ Ein Rissprotokoll hat er bis heute nicht bekommen.

Zweites Rudel möglich

Dann an diesem Mittwoch die dritte Attacke am helllichten Tag. Schmücker war für zwei Stunden in Ziesar auf dem Markt. Als er nach Hause kam, fand er ein in Panik umherirrendes Schaf vor. Ein zweites Tier lebt nicht mehr - Kehlbiss. Schmücker schaltete Brandenburgs Wolfsbeauftragte Valeska de Pellegrini ein. Diese verwies auf den zuständigen Gutachter Schanz. Doch den hatte der Eulenmüller vom Hof gejagt. Der Fall wird deshalb wohl keinen Weg in die offizielle Statistik finden.

Die Ziesaraner Jägerschaft geht davon aus, dass sich die Konflikte weiter verschärfen werden. Nach zahlreichen Wolfssichtungen glaubt zum Beispiel Hubertus Kriesel, dass sich im Fiener Bruch bereits ein zweites Rudel etabliert hat. Und zwar zwischen Ziesar und Paplitz. „Eine Entscheidung zur Reduzierung der Wolfspopulation ist längst überfällig“, ist der Brandenburger Alt-Landrat überzeugt.

Von Frank Bürstenbinder