Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam-Mittelmark Zweiter Weltkrieg: Die Geschichte eines abgestürzten Bombers
Lokales Potsdam-Mittelmark Zweiter Weltkrieg: Die Geschichte eines abgestürzten Bombers
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:49 05.04.2018
Bevor die Crew in den US-Bomber mit dem Namen „Hellgate“ stieg, ließ sie sich noch einmal ablichten. Quelle: Privat
Anzeige
Glindow/Werder

Lange Zeit hütete der Glindower See ein Geheimnis. Vor 74 Jahren, am 6. März 1944, explodierte über ihm ein getroffener US-Bomber des Typs B-24 „Liberator“, stürzte in die Tiefe und zog in seinem Rumpf acht Männer in den Tod.

Zwei überlebten, schwer verletzt. Es waren der Pilot Guy Rogers und sein Copilot Francis Proteau, befreundet seit der Schulzeit aus der Stadt Missoula (Montana). An diesem Frühlingstag wurden sie auf dem Weg zum Angriff auf die Genshagener Flugmotorenwerke der Daimler Benz AG aus dem Kampfflieger geschleudert und landeten an ihren Fallschirmen nahe dem Glindower See. 55 Jahre später werden drei Flugmotoren des Bombers aus dem Wasser geborgen – der Beginn einer langen Spurensuche.

Anzeige

Udo Müller und Rosemarie Jordan zögerten damals nicht und nahmen einen der drei aufwendig restaurierten Motoren in ihrem Zweirad- und Technikmuseum als ein Teil Luftkriegsgeschichte auf. Udo Müller kannte selbst Berichte von Augenzeugen aus Werder und Petzow, die den Absturz des Bombers 1944 beobachtet hatten und initiierte die Suche nach Überresten im See. Als das Museum 2012 geschlossen werden musste, blieb unklar, was mit dem Motor passieren würde. Seitdem liegt er in einer Garage. Für den Historiker und Mit-Entwickler der Havelauen in Werder, Klaus-Peter Meißner, kann dies nur ein Zwischenlager sein. „So eine Geschichte darf nicht verloren gehen“, sagt er. Was er damit meint, sind viele fesselnde Anekdoten rund um den Motor, den Bomber, die Besatzung und ihre Nachfahren.

Tief berührende Geschichten

Zuerst machten sich Udo Müller, Rosemarie Jordan und ihr Sohn Michael Jordan gemeinsam mit Freunden auf die Suche nach Relikten der Überlebenden und des Bombers. Michael Jordan kontaktierte das Militärhistorische Archiv der US-Luftwaffe und kam so an Vermisstenmeldungen, was ohne die engagierte Archivarin kaum möglich gewesen wäre, wie Klaus-Peter Meißner erzählt. „Die Maschinen und Besatzungen wurden nicht ordnungsgemäß registriert. Das hat von Anfang an große Probleme gemacht“, berichtet er. Aber es gelang. „Da mich das ganze Material so berührt hat, habe ich weiter recherchiert“, sagt er. Die Spurensuche kostete einige schlaflose Nächte und brachte spannende Details ans Tageslicht. Geschichten über Männer, die Mitte 20 in den Krieg zogen, und Geschichten über Menschen, die sie dabei und danach begleiteten. Er nahm über eine Mail­adresse Kontakt zu einem Enkel des Piloten auf, berichtete ihm von seinem Buchprojekt und erhielt mehr Material und neue Einblicke.

Klaus-Peter Meißner hat diese Geschichten in den vergangenen Monaten in einem Buch zusammengeschrieben und ist noch immer tief berührt, wenn er über Guy Rogers oder Schwester Maria spricht, die den verwundeten Piloten später im Hermann-von-Göhring-Krankenhaus in Berlin umsorgt hat. „Es ist keine Luftkriegsgeschichte, es ist eine Menschengeschichte“, erklärt der Autor.

Womit sich das Buch befassen wird

Aufgeteilt ist das Buch in zwei Dimensionen. Zunächst handelt es von der Maschine, ihrer Besatzung und deren Vorgeschichte. Was führte die Männer ausgerechnet zum Glindower See? Warum waren drei Freunde aus der gleichen Stadt an Bord, obwohl die US-Luftwaffe das eigentlich untersagte? Wer war Guy Rogers? „Morgens um 3 Uhr wurden die Soldaten am 6. März 1944 auf einem Stützpunkt in England geweckt“, erzählt Klaus-Peter Meißner. Dies war der erste Tag, an dem die amerikanische Streitmacht am Tage Angriffe gegen Berlin flog. „Den Jungs war klar, dass sie viele verlieren würden.“ Von 105 vorgeschriebenen Stunden für die Ausbildung auf einer viermotorigen Maschine absolvierte Guy Rogers acht. Er war unerfahren, wie seine ganze Crew und unzählige andere Flieger. 815 Bomber stiegen in die Luft, formierten sich und flogen Richtung Nazi-Deutschland. 1987 sprach Guy Rogers in einem Interview mit dem „Montana Journal“ über diese Erfahrung und lieferte damit wertvolles Material für Meißners Buch.

Die zweite Ebene der Geschichte beginnt mit dem Berliner Krankenhaus, in dem Rogers Bein amputiert werden muss. Im Flugzeug hatte es angefangen zu brennen, das Feuer verwundete ihn stark. Er brauchte zwei Bluttransfusionen, eine kam von einem Kameraden und die zweite in der Nacht direkt von einem Arzt. „Das war eigentlich nicht erlaubt“, sagt Klaus-Peter Meißner. „Schwester Maria pflegt ihn dort und ist wie eine Mutter zu ihm. Sie hat keinen Unterschied gemacht zwischen Freund und Feind.“ Guy Rogers war sich dessen bewusst und fing nach seiner Heimkehr an, Schwester Maria zu suchen. Über einen Kollegen kommt er schließlich an ihre Adresse. Sie kehrte ebenfalls zurück in ihre alte Heimat – eine Hallig im nordfriesischen Wattenmeer. Sie schrieben mehrere Briefe hin und her.

Für den Motor soll ein neuer Platz gefunden werden

Auch Klaus-Peter Meißner machte sich auf die Suche nach Maria und sprach mit dem Bürgermeister von Langeneß, der zufällig ihr direkter Nachbar war. „Es sind viele solche kleinen Episoden, die ein Bild ergeben“, erzählt der Buchautor.

Er wünscht sich, dass der Motor als Erinnerung an die Fatalität des Krieges, an Trauer und Dankbarkeit wieder einen würdigen Platz in Werder bekommt. Er soll raus aus der Garage und sichtbar werden, möglicherweise sogar in den Havel­auen. Denn die Werderschen Wiesen bieten mit der in den 1930er Jahren gebauten Luftkriegsschule mit Fliegerhorst einen historisch adäquaten Hintergrund für das Ausstellungsstück. „Werder ist viel stärker mit der Fliegerei verbunden als man zunächst denkt“, so Meißner. Nach all an den Geschichten bleibt ihm vor allem eins im Kopf: „Um Himmels Willen nie wieder Krieg.“

Am Dienstag gibt es erste Einblicke

Das Buch mit dem Titel „Luftkrieg über Glindow – was ein Flugmotor zu erzählen weiß“ erscheint im März im Knotenpunkt-Verlag. Herausgeber ist der Heimatverein Werder. Klaus-Peter Meißner rechnet mit 140 bis 150 Seiten.

Der Druck wird von verschiedenen Investoren unterstützt, die in den vergangenen Jahren aus dem ehemaligen Militärgelände ein modernes Stadtquartier entwickelt haben.

Im „Werderaner Gespräch“ des Heimatvereins am Dienstag, 23. Januar, um 19 Uhr im Schützenhaus wird der Autor erste Einblicke in seine Rechercheergebnisse geben. Die Teilnahme kostet für Nicht-Mitglieder 3 Euro.

Von Luise Fröhlich