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Potsdam-Mittelmark „Nie sowas gesehen“: So kämpfen die Menschen gegen das Feuer
Lokales Potsdam-Mittelmark „Nie sowas gesehen“: So kämpfen die Menschen gegen das Feuer
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00:24 27.08.2018
Ein Feuerwehrmann kämpft gegen die Flammen. Quelle: Julian Stähle
Treuenbrietzen

Es steht schlecht um Klausdorf, als in der Nacht zu Freitag die Feuerwalze auf das Örtchen bei Treuenbrietzen (Potsdam-Mittelmark) zurollt. „Wir wissen nicht, ob wir Klausdorf halten können“, sagt Einsatzleiter Peter Meyritz, Chef der Polizeidirektion West, ins Handy. Der Brand ist so heftig, dass sich noch im 50 Kilometer entfernten Berlin die Straßen mit beißendem Qualm füllen. Doch im evakuierten Dorf geschieht ein kleines Wunder: Die Flammen machen vor den Gartenzäunen halt – 600 Feuerwehrleute und eine Hubschraubercrew haben den Weiler und die ebenfalls evakuierten Ortschaften Tiefenbrunnen und Frohnsdorf verteidigt.

Tags drauf ist Klausdorf Hauptquartier der Wehren. Der Ort hat die Katastrophe überstanden. Zwar können Einwohner noch nicht endgültig zurück in die Häuser. Doch die Hoffnung keimt auf. Die Frohnsdorfer dürfen schon wieder nach Hause. In Klausdorf sitzen Feuerwehrleute mit geschwärzten Gesichtern auf den Treppen der verlassenen Häuser. Sie sind k.o. Auf der Straße ein Gewirr an Schläuchen, das in einer Art großem Swimmingpool mündet. Dort holen die Trupps Wasser.

Jens Heinze ist erst seit einem Monat Kreisbrandmeister von Potsdam-Mittelmark. Er hatte einen harten Start in den neuen Job: Erst Ende Juli kämpften seine Wehren in Fichtenwalde vor Potsdam einen Waldbrand nieder, der bis zur Autobahn A9 loderte. Heinze ist ein erfahrener Feuerwehrmann. Doch angesichts der Dimensionen des Treuenbrietzener Feuers wird er demütig: „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Bei dem Bild, das sich mir in der Nacht zu Freitag geboten hat, hatte ich Gänsehaut“, so der Kreisbrandmeister.

Brand auf 500 Fußballfeldern

Das Feuer, das seit Donnerstagmittag an der Kreisgrenze zwischen Teltow-Fläming und Potsdam-Mittelmark südlich von Berlin wütete, hat sich mittlerweile zum größten Waldbrand seit 1983 ausgeweitet. Damals standen 478 Hektar in Flammen. Jetzt sind es gut 430 – umgerechnet gut 500 Fußballfelder. Kiefern, Nadeln, ätherische Öle – das volle Programm.

Am Freitagnachmittag hat sich die Lage noch nicht flächendeckend entspannt. Der Waldbrandbeauftragte des Landes, Raimund Engel, ist im Stress. „Das Feuer dehnt sich leider weiter aus“, der Wind frischt wieder auf, Regen ist nicht in Sicht – und es ist ein weiteres Feuer ganz in der Nähe hinzugekommen. Auf dem benachbarten Truppenübungsplatz, wo schon die Wehrmacht ihre Geschütze testete, brennen 120 Hektar. Ein paar Feuerwehrleute beobachten den neuen Krisenherd. Einschreiten können sie nicht. Überall liegt Munition im Boden. In der Brandhitze sind schon etliche Chargen hochgegangen. Doch was sind 120 Hektar qualmende Brache schon im Hitzesommer 2018? Eine Randnotiz.

„Wir schlafen nicht“

Die Stadthalle Treuenbrietzen ist zu einer Notunterkunft umgewandelt worden. Anita Biedermann muss am Donnerstag mit den anderen knapp 500 Frohnsdorfern raus aus dem Dorf, als der Himmel schwarz wird. „Sowas haben wir noch nicht einmal im Krieg erlebt“, sagt die 76-Jährige. Ein Sonderbus in Richtung Notquartier wartet. Medikamente, Ausweise und eine Jacke – das muss reichen.

Viele der Evakuierten haben bei Verwandten oder Bekannten ein Bett für die Nacht gefunden. Wer auf sich allein gestellt war, findet sich an den Tischen in der Halle wieder. „Wir schlafen nicht, wir machen einen drauf“, macht sich Rentnerin Biedermann Mut – und stößt mit ihren Tischnachbarn mit Mineralwasser an. Am Freitagmorgen allerdings ist die Stimmung gedrückt. „Ich habe kein Auge zugemacht“, sagt Biedermann.

In den finstersten Nachtstunden zum Freitag kommt die Bundeswehr zur Hilfe: Zwischen Mitternacht und 4 Uhr fliegt der betagte CH-53-Transporthubschrauber als einziger unbeirrt weiter Löscheinsätze, leert seine Kunststofftonne voll mit Wasser über dem qualmenden Wald aus. Nachtsichttechnik macht es möglich. Die Crew des CH-53-Hubschraubers müsste eigentlich längst wieder am Boden sein. „Aufgrund der außergewöhnlichen Notsituation und der Gefahr für die Ortschaften habe ich eine Verlängerung der Flugzeit genehmigt“, sagt Generalleutnant Ingo Gerhartz. Der Inspekteur der Luftwaffe musste es genehmigen.

An der B102 zwischen Treuenbrietzen und Jüterbog ist das passiert, was Brandmeister Jens Heinze so beschreibt: „Hier haben wir zum ersten Mal verloren“. Mit geschätzten 80 Kilometer pro Stunde ist die Feuerwand über die Bundesstraße und die Bahngleise gefegt. Der Boden qualmt noch, es gibt überall Glutnester. Wasserwerfer der Polizei wässern das Unterholz von der Straße aus.

Politiker kommen ins Krisengebiet

Tag zwei des Brandes ist auch ein Tag für Politiker. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) reist am Morgen in das Krisengebiet, sieht sich eine Stelle an, wo das Feuer sich bis auf 100 Meter an Gebäude herangefressen hat. „Ich halte es für ein kleines, wenn nicht großes Wunder, wie es den Einsatzkräften gelungen ist, mit fast übermenschlichen Kräften Gebäude und Menschenleben zu schützen“, sagt der Ministerpräsident.

Es hätten sich dramatische Szenen abgespielt, der Kampf gegen das Feuer sei für die meisten Beteiligten sicher der schwerste Einsatz ihrer Karriere gewesen, so Woidke. 300 Hektar stehen am Freitagabend um 18 Uhr noch in Flammen – der Regierungschef beschreibt die Situation so: „Die Lage ist nach wie vor angespannt, aber nicht mehr so dramatisch.“ Es sei „gelungen, das Feuer einzudämmen“. Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) schaut ebenfalls vorbei, die Linksfraktions-Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg verteilt Äpfel und Merci-Schokoriegel.

Schröter bekräftigt einen Verdacht, den Potsdam-Mittelmarks Vize-Landrat Christian Stein ins Spiel bringt: Das Feuer sei an drei Stellen nahezu zeitgleich ausgebrochen. Schröter gegenüber dem RBB: „Das lässt die Vermutung zu, dass es sich um Brandstiftung handeln könnte. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Allerdings: Der Verdacht liegt nahe, dass es Brandstiftung war“.

Bundeswehr will Klausdorf gerettet haben

Am Abend reklamiert die Bundeswehr für sich, mit ihrem nächtlichen Helikoptereinsatz Klausdorf gerettet zu haben. Der Erfolg hat viele Väter, aber es ist schon etwas dran, sagt Treuenbrietzens Bürgermeister Michael Knape. Er ist erleichtert und dankt den Besatzungen: „Das Feuer war nicht einmal 100 Meter vom Ortsrand entfernt und breitete sich rasend schnell aus. Ohne den Luftwaffenhubschrauber hätten wir Klausdorf nicht halten können. Respekt und Hut ab!“

Doch der Einsatz ist noch keineswegs beendet. „Das wird noch Tage dauern“, schätzt Ministerpräsident Woidke. Die Glut reiche 40 bis 50 Zentimeter tief in den Waldboden, sagt eine Sprecherin des Landkreises Potsdam-Mittelmark. Und nun? Das Bangen in Klausdorf und Tiefenbrunnen hält an: Erst am Sonnabendvormittag soll sich entscheiden, ob die Bürger zurückkehren können. Doch die Feuerwehr wird weiter im Einsatz bleiben müssen. Es wird diesen Sommer wohl nicht der letzte bleiben.

Von Victoria Barnack

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