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Potsdam 180.000 Potsdamer gibt es jetzt – diese sechs gehören dazu
Lokales Potsdam 180.000 Potsdamer gibt es jetzt – diese sechs gehören dazu
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15:58 31.12.2019
Seit dem Frühjahr lebt die deutsch-amerikanische Familie Cook in Potsdam. Sie zog aus Berlin hierher. Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

Die Stadt Potsdam wächst und hat Anfang November die Marke von 180.000 Einwohnern übersprungen. Wer genau der oder die 180.000 Einwohnerin war, verriet die Verwaltung allerdings nicht. Die MAZ hat deshalb verschiedene Menschen ausfindig gemacht, die in den letzten zwölf Monaten ihren Hauptwohnsitz nach Potsdam verlegt haben – und sie gefragt, warum sie sich gerade für Potsdam entschieden haben.

Für sie ist Potsdam „die letzte Station“

Der Kinder wegen ist Gisela Kronshage-Nürck (77) von Bielefeld dieses Jahr nach Potsdam gezogen, in ein Heim in der Waldstadt II. Sie hat Parkinson, der ihr zu schaffen macht; auch wenn man ihr das nicht ansieht. Aber in einer eigenen Wohnung und ohne Hilfe wäre das Leben viel zu schwer geworden, musste sie feststellen.

Gisela Kronshage-Nürck (77) zog von Bielefeld nach Potsdam.        Quelle: Rainer Schüler

So stand nach 20 Jahren Bielefeld ein Umzug an, „die letzte Station“, sagt sie. Ihr Kinder hatten in Berlin eine Wohnung für sie und ihren Mann gesucht: „Doch das war viel zu teuer: Für 50 Quadratmeter hätten wir 1500 Euro bezahlt“, sagt sie: „Ich hab nur eine ganz kleine Rente, mein Mann auch.“ Der liegt mit einer Krebserkrankung noch im Krankenhaus, hat aber in der Nähe des Heims eine eigene kleine betreute Wohnung gefunden.

Die frühere Grundschul-Lehrerin hat vier Kinder: zwei Jungs, zwei Mädchen. Sie leben alle in Berlin und kommen sie reihum besuchen. „Ich bin sehr angetan“, sagt sie vom Heim und von der Stadt Potsdam.

„Hier spreche ich plötzlich wieder mit meinem Dialekt“

Die deutsch-amerikanische Familie Cook wollte raus aus Berlin und lebt nun mitten in Potsdam. Was Maxi Cook und ihrer Familie in Berlin missfiel, kann einem auch aus Potsdam bekannt vorkommen. „Die Stadt hat die Rummelsburger Bucht bebaut, bis sie voll war, aber versäumt dort Grundschulen zu schaffen“, sagt sie. Ihre Kinder waren auf riesigen, fünfzügigen Einrichtungen untergebracht.

So war dann nicht nur ihr Wohnviertel im Bezirk Lichtenberg und die ganze Stadt Berlin, sondern sogar die Schule zu voll und anonym geworden für die Cooks.

Ihr Eindruck: Potsdam ist entschleunigter

Seit dem Frühjahr lebt Maxi Cook mit Ehemann Steven und den Kindern Peter und Eva in der „Mausefalle“ an der Jägerallee. „Potsdam ist entschleunigter, das kann man auch viel zu Fuß oder mit dem Fahrrad entdecken. Ich sehe hier nur Vorteile“, sagt sie fast ein Jahr nach dem Umzug.

Hässliche Ecken habe sie noch nicht entdeckt. „Die Potsdamer achten auf ihre Stadt. Das ist sehr schön zu sehen“, sagt sie mit den Berliner Eindrücken im Sinn.

Beim Shopping gebe es noch Luft nach oben. „Ich würde nicht mehr freiwillig nach Berlin fahren, weil mich das jedes Mal unendlich stresst, aber für einige Dinge muss man es eben doch. Da kann Potsdam noch eine Schippe drauf legen“, sagt sie.

Kulinarisch und kulturell ist das Ehepaar noch auf der Suche und denkt häufiger an die gewohnte Berliner Vielfalt zurück. Anders sieht es beim Stau aus. Der Verkehr, über den in beiden Städte alle schimpfen, sei „nicht mit Berlin vergleichbar, auch nicht mit den Baustellen“.

Familie Cook: Maxi und Steven, sowie die Kinder Eva und Peter in ihrem neuen Zuhause. Quelle: Varvara Smirnova

Nur ein Problem hat sie in Potsdam sehr spät wahrgenommen. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es sehr wenige Taxis gibt und einige es wohl nicht nötig haben“, sagt sie. Im Sommer musste die ganze Familie an einem Samstagabend von der Pfaueninsel bis in die heimische Mausefalle komplett zu Fuß laufen.

„Ich höre heute noch die Stimme als ich in der Taxizentrale anrief: ,Wo sind Sie? Pfaueninsel? Warten se mal, ick frag mal ob noch eener Lust hat, da raus zufahren…Nee, hat keener Lust. Tschüs´.“ Doch was solls, findet sie: „Potsdam ist auch ohne Taxis so schön.“

„Einfluss von außen tut einer Stadt gut“

Ob die deutsch-amerikanische Familie mit dem Umzug nach Potsdam zum Problem der wachsenden Stadt beitrage, verneint Maxi Cook. „Wir bereichern diese Stadt. Ich habe als Grafikdesignerin schon meine Spuren hinterlassen. Einfluss von außen tut einer Stadt gut. Belastend ist es nur, wenn die Leute von außen anfangen Vorschriften zu machen. Ich möchte die Stadt aber mitformen, im positiven Sinne“, sagt Maxi Cook.

Ehemann Steven stammt aus den Vereinigten Staaten, ist in Kalifornien aufgewachsen, hat später in New York gelebt. Vor 13 Jahren kam er nach Berlin und arbeitet bei der Markenberatung Metadesign in Berlin-Charlottenburg. Maxi arbeitet als Grafikdesignerin und hat in Potsdam einen neuen Job gefunden.

Maxi Cook spricht wieder ungeniert in ihrem Dialekt

Womit Maxi Cook nie gerechnet hätte: „Hier spreche ich plötzlich wieder mit meinem Dialekt.“ Sie wurde 1979 in Berlin-Lichtenberg geboren, wuchs daher nicht weit von der Rummelsburger Bucht entfernt auf.

„Meine Erfahrung ist, dass man sich in Berlin häufig für seinen Dialekt entschuldigen muss. Er gilt als verpönt. Hier hört man den Dialekt überall, etwa beim Bäcker. Dass ich ,berlinern‘ darf, sorgt dafür, dass ich mich hier wohl fühle“, sagt Maxi Cook. Die ganze Familie fühlt das - „es war die richtige Entscheidung“, sagt die Mutter.

Völlig abgelegt hat sie ihre Herkunft allerdings noch nicht. „Ich habe mein Berliner Kennzeichen beibehalten und das merke ich auch im Potsdamer Verkehr“, sagt sie. Einen Fremdenbonus gibt es für die „Buletten“ beim Einfädeln nämlich nicht, „Lücken werden zugemacht und angehupt werde ich auch.“ Doch das nimmt sie – eben doch noch ganz Berlinerin – niemandem krumm.

So ist die Stadt Potsdam bisher gewachsen

Über 180 000 Menschen leben seit Anfang November in Potsdam. Es zählen dabei alle, die ihren Hauptwohnsitz in der Stadt haben. Vor 30 Jahren lebten 141 000 Menschen in Potsdam. In den folgenden zehn Jahren sank die Zahl stetig ab. 1999 hatte die Stadt nur noch etwa 127 000 Einwohner.

Seitdem wächstPotsdam wieder – in zwanzig Jahren um fast 42 Prozent. Durch die Eingemeindung der nördlichen Ortsteile im Jahr 2003, wo damals 11 800 Menschen lebten, hatte Potsdam erstmals wieder mehr Einwohner als zur Wiedervereinigung. 2008 hatte die Stadt bereits 150 000 Einwohner, fünf Jahre später gab es schon 160 000 Potsdamer. Die nächsten Zehntausend wurden in nur drei Jahren erreicht. Auch die neue Marke von 180 000 wurde nur gut drei Jahre später gebrochen.

Nach dem starken Zuwachs der letzten Jahre hat sich das Bevölkerungswachstum seit 2018 allerdings verlangsamt – von 2,4 auf etwa 1,5 Prozent pro Jahr. Der größte Wachstumsfaktor ist der Zuzug, die Stadt wächst aber auch, weil mehr Menschen in Potsdam geboren werden als sterben. Laut Prognosen werden 2035 rund 220 000 Menschen hier leben.

Von der Ostsee an die Havel

Anstelle durch Sanssouci spaziert Wibke Thiele in Potsdam lieber durch den Volkspark. Sie ist Discgolferin und genießt den Park, der auch einen Spaziergang über die Wiese erlaubt. Über viele Jahre hat sie die Stadt bereits kennen gelernt, seit September wohnt sie auch hier in einer Wohnung in der Hermann-Elfein-Straße im Stadtzentrum.

Greifswald war mir zu klein und ich wollte eine berufliche Veränderung“, sagt die 43-Jährige. In der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) prüft Wibke Thiele, ob Fördermittel auch sachgerecht eingesetzt und die Richtlinien eingehalten worden sind.

Wibke Thiele wohnt seit dem Sommer in Potsdam und arbeitet für die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB). Quelle: Peter Degener

Wäre das richtige Job-Angebot aus Rostock oder Dresden gekommen, hätte sie auch dort Wurzeln geschlagen. „Ich brauche Kultur, eine schöne Umgebung und vor allem Wasser“, sagt sie. Doch auch die Mentalität der Brandenburger liegt ihr. „Mecklenburg-Vorpommern ist ehrlich, nicht so hip und das finde ich in Brandenburg wieder. Wenn einer sagt, etwas ist gut oder etwas ist ,scheiße‘, dann meint er das auch. Man wird ehrlich angeschnauzt, wenn es sein muss“, sagt sie.

Die Potsdamer sind engagiert, setzen sich auch für alternative Ideen ein

Was ihr aufgefallen ist: Die Potsdamer seien engagiert. „Es gibt hier alternative Ideen und Leute setzen sich für vieles ein“, findet Wibke Thiele. Sie selbst hat vor Weihnachten bei der Aktion „Help 2 Smile“ dabei geholfen Weihnachtsgeschenke für bedürftige Familien zu verpacken.

Dass nicht alles schön in Potsdam ist, sagt Thiele auch deutlich. „Ich muss aber sagen: Die Neue Mitte ist nicht mein Fall. Auch dass der Volkspark verkleinert wird, finde ich falsch“, sagt sie, „die Stadt wird doch größer.“

Einen Pluspunkt hat Potsdam bei ihr für den Bürgerhaushalt bekommen. „Das kannte ich gar nicht. Ich habe für mehr Radwege und eine Stärkung des ÖPNV gestimmt, denn nur so kann man auch eine autofreie Innenstadt umsetzen“, sagt sie.

>>>Potsdam hat jetzt 180.000 Einwohner

Von Peter Degener

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