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Potsdam Die Dame mit der Mundharmonika
Lokales Potsdam Die Dame mit der Mundharmonika
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09:03 13.07.2019
Nach dem Tod ihres Mannes fühlte sich Rosemarie Hausicke sehr allein – sie schloss sich dem Nette-Leute-Kennenlern-Club an und lernte dort Mundharmonika spielen. Quelle: Friedrich Bungert
Brandenburger Vorstadt

Auf der kleinen Bank am Ufer, gar nicht weit weg von ihrem Haus, da wird Rosemarie Hausicke (86) zur Seemannsbraut. „Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn, to my hooday, to my hooday!“ Rosemarie Hausicke schließt die Augen, die Mundharmonika jauchzt. Beinahe jeden Tag sitzt die alte Dame hier. Sie spielt für die Menschen, die auf dem Kiewitt unterwegs sind und von denen viele einen Moment an der kleinen Bank verweilen. Sie spielt, weil die Musik ihr Freude macht. Aber auch, um die Leere zu füllen, die sich oben in ihrer Wohnung eingenistet hat, seit ihr Mann vor acht Jahren gestorben ist.

Sie geht auf Menschen zu – nicht allzu forsch, aber mit Interesse

„Plötzlich war da diese Stille“, sagt Rosemarie Hausicke. „Plötzlich war ich allein und hab mich gefragt: Was machst du nun?“ – Rosemarie Hausicke macht, was sie ihr Leben lang gemacht hat: Sie geht auf Menschen zu. Nicht allzu forsch, aber mit Interesse und mit einer so höflichen Aufrichtigkeit, wie sie heute nur noch selten zu erleben ist. Auf jener Bank, die heute „ihre“ Bank ist, trifft die verwitwete Seniorin ein Ehepaar – er spielt Mundharmonika, sie schaut den Booten nach und genießt. Man kommt miteinander ins Gespräch, schließt Bekanntschaft. So kam die Mundharmonika in Rosemarie Hausickes Leben.

Mehr als 60 Lieder hat Rosemarie Hausicke auf ihrer Hitliste. Auch wenn das Notenheft dick ist – die meisten spielt sie aus dem Kopf. Quelle: Friedrich Bungert

Es begann im Nette-Leute-Kennenlern-Club im „Schicken Altern“

Das kleine, von vielen verkannte, von Liebhabern indes ergebenst „Hosentaschenorchester“ genannte Instrument zu spielen, lernt Rosemarie Hausicke allerdings anderswo. Sie hatte sich dem Nette-Leute-Kennenlern-Club im „Schicken Altern“ angeschlossen. Vor sechs Jahren kam dort die Idee auf, ein Stabpuppentheater zu gründen. „Was haben wir dumm geguckt!“, erzählt Rosemarie Hausicke: „Die Puppen sind doch viel zu schwer – uns tut der Rücken ja so schon weh!“ Man einigt sich auf etwas Leichteres – auf eine Mundharmonika-Gruppe, die heute „Späte Liebe“ heißt, immer Dienstagnachmittag übt und mit der Mission „Senioren spielen für Senioren und singen mit ihnen“ in Pflegeheimen auftritt.

Seit 1972 ist sie in einem der Hochhäuser auf dem Kiewitt zu Hause

Rosemarie Hausicke ist mit 86 die älteste der Spätverliebten. Auch wenn ihr inzwischen ab und an die Luft knapp wird, ans Aufhören denkt sie nicht. Auch nicht daran, ins Seniorenheim zu ziehen. Rosemarie Hausicke wohnt in einem der drei Punkthochhäuser auf dem Kiewitt. Seit 1972 ist sie auf dem weit in die Havel hineinragenden Landbogen zu Hause. „Erstbezug. Es ist ruhig, es ist grün, das Wasser ist nah und es ist zu bezahlen“, sagt sie – es klingt, als würde sie um Entschuldigung dafür bitten, dass sie so lange geblieben ist. Rosemarie Hausicke zuckt mit den Schultern: „So etwas finde ich in Potsdam doch nie wieder!“ – So eine wie Rosemarie Hausicke findet auch Potsdam so schnell nicht noch mal.

Ab und zu mit von der Partie: Pflegehund Peggy. Quelle: Friedrich Bungert

Als Kind lernt sie Klavier spielen

Rosemarie Hausicke ist in Halle an der Saale geboren und hat dort ihre Kleinmädchenjahre verbracht – das ist noch ein bisschen zu hören. Der Ort ihrer Jugend ist Senftenberg. Dort hat sie auch das Klavierspielen gelernt – ein Traum der Mutter, der sich für sie nie erfüllte. „Aber ihr sollt das haben“, sagt sie ihren Töchtern und ermöglicht Rosemarie und der nur ein Jahr jüngeren Sieglinde (auch sie gehört heute zur „Späten Liebe“), was ihr verwehrt geblieben war. Um den Schulanfang herum beginnt Rosemarie Hausicke ihre ersten Fingerübungen – die Mutter hat ein Piano samt Privatlehrer organisiert: „Unser kleines Glück zu Kriegszeiten.“

Lehrausbilderin für die Apothekenfacharbeiter im Bezirk Potsdam

Ein paar Jahre später soll sich auch für Rosemarie Hausicke ein Traum nicht erfüllen. Nach der Schule möchte sie Pharmazie studieren. Aber in der noch jungen DDR, die sich ab 1952 offiziell Arbeiter-und-Bauern-Staat nennt, ist für eine Abiturientin, deren Eltern weder Arbeiter noch Bauern sind, kein Studienplatz zu haben. Dass Rosemarie Hausicke am Ende eines langen, gewundenen Wegs die Lehrausbilderin für die Apothekenfacharbeiter im gesamten Bezirk Potsdam wird, hat mit ihrer Langmut und ihrer Geduld zu tun.

Vor zehn Jahren mit dem Potsdamer Ehrenamtspreis ausgezeichnet

Auch im Ruhestand ist Rosemarie Hausicke eine, mit der man rechnen kann – und rechnen muss. Sich für eine Sache einzusetzen, nicht locker zu lassen, das hat ihr vor zehn Jahren den Potsdamer Ehrenamtspreis beschert. Ausgezeichnet wurde sie für ihr Engagement in der Nachbarschaft – dafür, dass sie eine Vertrauensperson und Ansprechpartnerin bei Sorgen und Nöten ist. Und dafür dass sie den einstigen Trockenraum im Erdgeschoss des Hochhauses als Ort der Begegnung reklamiert und gewonnen hat. Hier setzen sich Nachbarn zum Klönen und zum Feiern zusammen – wer den Raum nutzen will, klingelt bei Rosemarie Hausicke. Auch wenn ihr heute vieles nicht mehr so leicht fällt – den Schlüssel für den schmucken, mit Küche und Toilette, Computer und Kopierer ausgestatteten Treffpunkt verwahrt sie noch immer. Rosemarie Hausicke ist, wenn man das so sagen darf, in ihrem Vierzehnstöcker die Herbergsgroßmutter.

„Wenn ich Lust auf ein bisschen Kommunikation hab, geh ich runter“

Dazu passt die Mundharmonika. Mehr als 60 Lieder hat Rosemarie Hausicke auf der Hitliste – heitere wie „Im Frühtau zu Berge“, getragene wie „Irgendwo auf der Welt“ und knifflige wie „Jetzt fahr’n wir über’n See“. Wann und was sie spielt, entscheidet sie nach Tagesform. „Ich schau einfach, wie’s mir geht. Wenn ich Lust auf ein bisschen Kommunikation hab, geh ich runter – angesprochen werde ich eigentlich immer.“ Einmal hat ein junger Mann mit dem Rad Halt gemacht und 50 Cent aus dem Portemonnaie gekramt. Die Münze hat Rosemarie Hausicke lachend zurückgegeben: „Ich spiele doch nicht für Geld!“

Von Nadine Fabian

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