Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Ab 2020 gibt es keinen Wetterwart mehr auf dem Telegrafenberg
Lokales Potsdam Ab 2020 gibt es keinen Wetterwart mehr auf dem Telegrafenberg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 03.01.2019
Seit 1974 arbeitet Ralf Schmidt als Wetterwart auf dem Telegrafenberg, seit 1989 leitet er die Station. Auf dem „Wolkendach“ misst er mit Sonnenbrille die Wolkenbedeckung und die Sichtweite am Horizont. Quelle:  
Anzeige
Teltower Vorstadt

Seit frühester Kindheit war Ralf Schmidt von schnell ziehenden Wolken und Wetterphänomen fasziniert. „Ralf, wie wird‘s Wetter?“ hat ihn schon seine Klassenlehrerin gefragt, und bis heute warnt er die Verwandtschaft, wenn besonderes Wetter aufzieht. Der 62-jährige Teltower arbeitet seit 1974 auf dem Telegrafenberg. Seit 1989 ist er Leiter der dortigen „Säkularstation“, einer ganz besonderen Wetterwarte des Deutschen Wetterdiensts (DWD), die in diesem Jahr 125 Jahre alt wurde.

1893 begann die Wetterbeobachtung auf dem Telegrafenberg

Anzeige

„1893 begann hier die Wetterbeobachtung und es sollte mindestens 100 Jahre lang gemessen werden“, sagt Schmidt. Das erklärt den lateinischen Namen der Säkularstation, der mit „Zeitalter“ oder „Jahrhundert“ übersetzt werden kann. „Es gibt weltweit nur wenige solcher langen Messreihen ohne Veränderungen an den Methoden oder Unterbrechungen. Bei manchen Werten ist die Potsdamer Reihe einmalig“, sagt Ralf Schmidt.

Seit 1893 wird auf dem Telegrafenberg in Potsdam das Wetter beobachtet und gemessen. Wie das gemacht wird, zeigt unsere Bildergalerie.

Zahlreiche Wetter-Rekorde hat Schmidt in den vergangenen Jahrzehnten auf der Station miterlebt – so hatte er am wärmsten Heiligabend der Geschichte im Jahr 1977 Dienst bei frühlingshaften 15,5 Grad. Auch 2018 sind etliche Extremwerte aufgestellt worden (siehe Infokasten). Doch bald werden nur noch Sensoren die Temperatur, Regenmenge oder Sonnenscheindauer registrieren. Die Station wird im Laufe des Jahres 2020 vollständig auf sensorische Messungen umgestellt.

Neue Wetter-Rekorde vom Telegrafenberg

Das Jahr 2018 war das sonnigste, heißeste und trockenste Jahr, das Potsdam seit Beginn der Klimareihe auf dem Telegrafenberg vor 125 Jahren erlebt hat. Eine Übersicht über neu aufgestellte Wetter-Extremwerte:

2244 Stundenlang schien in diesem Jahr die Sonne – so häufig wie nie zuvor! Der alte Rekord von 2117 Sonnenstunden stammt von 1947.

11,1
Grad Celsius hatte die Luft im gesamten Jahr 2018 im Durchschnitt. Damit ist es auch das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen. Vorher lag der Rekord bei 10,9 Grad (2014). Das kälteste Jahr, das Potsdamer seit Messbeginn bisher durchstehen mussten, war 1940, wo es im Schnitt nur 6,6 Grad warm war.

347
Liter Regen fielen pro Quadratmeter in diesem Jahr. Ein Negativ-Rekord. Bislang galt 1976 mit 374 Liter Niederschlag pro Quadratmeter als das trockenste Jahr in Potsdam. 2017 fielen noch 785 Liter und 2007, im regenreichsten Jahr der Potsdamer Messreihe, sogar 825 Liter.

89 Sommertagegab es 2018. Damit sind Tage gemeint, an denen es mindestens 25 Grad Celsius heiß wurde. Bislang war der Rekordsommer das Jahr 1947 mit 71 Sommertagen.

30
Hitzetage gab es in diesem Jahr. Hier war die Temperatur mindestens 30 Grad Celsius. Auch in dieser Messreihe war der Sommer 1947 mit 26 Hitzetagen bislang führend.

7
Tropennächte hat es 2018 gegeben. Dazu zählen Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius fällt. Auch hier war 1947 mit vier Tropennächten bislang Spitzenreiter.

20,7
Grad Celsius betrug die Durchschnittstemperatur im Juni, Juli und August 2018. Damit war das auch der wärmste Sommer, den Potsdam bislang erlebt hat. Die Sommer 1992 und 2003 teilten sich bislang mit einer Temperatur von 20,1 Grad den Rekord.

2
besonders warme Monate hatte 2018 aufzuweisen. Der April war im Schnitt 13,5 Grad Celsius warm. Das liegt 0,3 Grad über dem alten Rekord von 2009 und ganze 5,5 Grad über dem langjährigen Mittelwert. Auch der Mai wies mit 17,7 Grad eine extreme Durchschnittstemperatur auf. Der alte Rekord von 16,7 Grad stammt noch von 1931.

„Die Automatisierung erfolgt für das gesamte Messnetz des Wetterdienstes“, sagt Schmidt. 155 von 182 hauptamtlichen Stationen wurden schon umgestellt. Potsdam ist – abgesehen von den Flugwetterwarten der Verkehrsflughäfen – eine der letzten acht Wetterwarten, die noch täglich rund um die Uhr bemannt sind. „Amüsiert bin ich nicht“, sagt Schmidt. „Ich bedaure es, aber wir kommen um die Automatisierung nicht herum“, räumt er ein.

Tatsächlich ist eine Zwölf-Stunden-Schicht von Schmidt alles andere als ein geruhsamer Tag mit Blick aus dem Fenster. Ohne seine Hände und Augen geht es nicht. 105 Stufen führen in sein Büro im Süring-Haus auf dem Telegrafenberg, das nach seinem Vorgänger Reinhard Süring benannt ist. Weitere 72 Stufen muss er hinaufsteigen, um auf die Turmplattform zu gelangen, wo die Spitze der Windmesser in 123 Meter Höhe über dem Meeresspiegel den weithin sichtbaren höchsten Punkt des Telegrafenbergs bilden. Auf der Brüstung ist eine Glaskugel montiert, in die jeden Tag von Hand ein Papierstreifen eingelegt wird. Wenn die Sonne scheint und sich ihr Licht in der Kugel bündelt, hinterlässt sie eine dünne verbrannte Linie im Streifen. Im Winter gehört es zu Schmidts ersten Aufgaben, die Sonnenscheinkugel von Schnee und Eis zu befreien.

Ein Thermometer reicht sechs Meter in die Tiefe

Unten auf dem Messfeld muss er zahlreiche Werte notieren, etwa die morgendliche „Temperatur in Bodennähe“. Das Thermometer liegt noch immer auf einer Metallhalterung von 1893 direkt über dem Boden. Schmidt bückt sich, schreibt in seine Tabelle. Direkt daneben sind moderne Thermometer, die ihre Werte automatisch weitergeben. Auch die Temperatur in der Tiefe wird registriert. Nacheinander zieht der Meteorologe immer länger werdende Stäbe aus der Erde. Ein sechs Meter langes Thermometer holt er täglich heraus und lehnt es zum Ablesen an einen eigens errichteten Mast.

Mit dieser Glaskugel wird die tägliche Sonnenscheindauer gemessen. Quelle: Peter Degener

Aus einer Kanne gießt er den gefallenen Niederschlag in ein Messröhrchen. Dann geht es wieder 105 Stufen nach oben. Dort liest er mit Hilfe einer Lupe den Luftdruckmesser ab. Spätestens zwei Minuten vor der vollen Stunde muss die Wettermeldung an die DWD-Zentrale nach Offenbach übermittelt werden. Alle halbe Stunde tritt er zudem aus seinem Büro auf das „Wolkendach“ hinaus. Mit der Sonnenbrille kontrolliert er die Bedeckung des Himmels und die Sichtweite am Horizont. Weit über 1000 Treppenstufen kommen so bei jedem Dienst zusammen. Fast jede dieser Messungen erfolgt schon heute zusätzlich mit Sensoren.

An Silvester hat Schmidt ebenfalls Dienst. Zwei Minuten vor Mitternacht gibt er eine Wettermeldung ab, dann wird er kurz das Feuerwerk über der ganzen Stadt vom Turm genießen, bevor es wieder hinab geht. Um 0.30 Uhr muss er bereits die aktuellen Werte auf dem Messfeld notieren.

Von Peter Degener