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Potsdam Potsdamer wohnen in Zukunft auf einem Friedhof
Lokales Potsdam Potsdamer wohnen in Zukunft auf einem Friedhof
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10:17 25.09.2019
Grausiger Fund bei den Grabungen auf dem Areal der ehemaligen Fachhochschule in der Potsdamer Mitte: Mehr als 20 Skelette wurden aus dem ehemaligen Friedhof freigelegt. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Am Montagmittag ragt in der Baugrube am Alten Markt ein Oberschenkelknochen aus der sandigen Seitenwand, Sargnägel und Menschenschädel mit aufgeklappten Kiefern sind freigelegt. Dort, wo die ehemalige Fachhochschule einst stand, entstehen in den nächsten Jahren neue Bars, Cafés und Wohnungen – eine urbane Stadtoase mitten auf einem Friedhof.

Die ehemalige Nutzung des geöffneten 150 Quadratmeter großen Areals ist für die Potsdamer Stadtarchäologin Gundula Christl aber keine Überraschung: „Dass hier ein spätestens um die Wende vom zwölften zum 13. Jahrhundert angelegter Friedhof um die ehemalige Stadtkirche liegt, ist durch historische Quellen und frühere Ausgrabungen bekannt.“ Dort wurden Anfang September auch die Überreste der historischen Kaiserstraße entdeckt.

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Menschen in drei Schichten

Erdschicht um Erdschicht wurde unter der Kaiserstraße vorsichtig abgetragen, bis die Grube schließlich fast vier Meter tief ist. Bis zu ihrem tiefsten Punkt liegen die bestatteten Menschenknochen in bis zu drei Lagen. 20 Skelette wurden in diesem einen Abschnitt gefunden. Dabei sind die Funde nicht immer klar voneinander getrennt, berichtet Grabungsleiterin Nicola Hensel: „Es war damals wie heute. Nach 20 bis 25 Jahren wurde das Grab aufgegeben und neu genutzt. Dabei haben die jüngeren Gräber die alten beschädigt“, erklärt sie das für Außenstehende makabere Durcheinander, „es ist für uns ein Puzzlespiel, herauszufinden, welche Knochen zu welchem Menschen gehören“, sagt sie.

Am Alten Markt soll ein neues Stadtquartier mit Cafés und Wohnungen entstehen. Archäologen haben unter der ehemaligen Fachhochschule nun einen Friedhof gefunden und rund 20 Skelette ausgegraben.

Genau das ist die Aufgabe der Archäologie Manufaktur, für welche Hensel arbeitet. Alle Funde müssen geborgen, katalogisiert und verpackt werden. In dem Knochengedränge das jüngste und älteste Grab zu bestimmen ist schwierig. Seit August wird bei der Bauvorbereitung des neuen Stadtquartiers ein Menschenschädel nach dem anderen freigelegt. Viele Körperteile verschwinden in den glatten Seitenwänden der Grube. Während Hensel am Montag das erste komplette Skelett der bisher 20 Funde präsentiert hat, wird nur wenige Meter weiter schon nach dem nächsten gegraben.

Kleine Menschen sind große Funde

Bei dem ersten vollständigen und gleichzeitig ältesten Skelett aus dem 13. Jahrhundert fällt vor allem auf, dass es recht kurz ist. „Männer wurden im Mittelalter höchstens 1,65 Meter groß“, erklärt Hensel. Die 50-Jährige erinnert sich auch an ein Frauenskelett aus Cottbus, das nur 1,45 Meter lang war.

Viel ist über der Funde in der Grube noch nicht bekannt. Es wurden keine Grabbeigaben gefunden, die mehr über die Bestatteten verraten – das sei im Mittelalter nicht üblich gewesen. Es handelt sich laut Hensel um gewöhnliche Potsdamer in einfachen Holzsärgen. Reichere Menschen wurden meist in Grüften beigesetzt und an Pest Gestorbene hatten eigene Friedhöfe außerhalb des Stadtzentrums, erklärt Hensel.

Anthropologin liest Knochen

Auch Alter und Geschlecht der Bestatteten müssen erst noch von einer Anthropologin analysiert werden. Die Daten lassen dann Schlüsse über die Ernährungsgewohnheiten, Krankheiten und Altersstrukturen in den jeweiligen Epochen zu. Sicher ist, dass schon unter den ersten Skeletten aus dem 13. bis zum 18. Jahrhundert vier Kinder sind. Der Fund verdeutliche die hohe Kindersterblichkeit im Mittelalter.

Neben Skeletten wurden auch Mauerreste und ein Keller in der Baugrube gefunden. Besonders Letzterer verdeutlicht, dass auch schon im 16. und 17. Jahrhundert in Potsdam dringend Bauflächen gesucht wurde. Das unterkellerte Gebäude stand nämlich auf dem Friedhof und bedeutet eine Verschiebung der Friedhofsgrenze. Die mittelalterliche Kirche wurde für den 1721 begonnenen Neubau einer Barockkirche, die als ein Vorgänger der Nikolaikirche gilt, abgerissen. Der Friedhof wurde mit dem Neubau geschlossen.

Mehr historische Funde unter der ehemaligen Fachhochschule:

Von Jan Russezki