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Potsdam Ordnungsamt bringt verirrten Hund ins Heim – Besitzerin ist entsetzt
Lokales Potsdam Ordnungsamt bringt verirrten Hund ins Heim – Besitzerin ist entsetzt
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01:17 22.06.2019
Hund Lizzy war in der City entlaufen, das Ordnungsamt griff durch, obwohl Besitzerin Julia Chevallerie sich schnell gemeldet hat. Quelle: Rainer Schüler
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Innenstadt

Wenn Julia Chevallerie (45) einen Kaffee trinken geht, ist Lizzy immer dicht dabei. Die etwa zwölf Jahre alte Mischlingshündin weicht ihrem Frauchen nicht von der Seite und legt sich im Caféhaus stets unter die Bank oder den Stuhl, auf den sich Julia niederlässt. An diesem Dienstag aber im Holländischen Viertel war irgendetwas anders: Die Hündin passte einen Moment nicht auf, als Frauchen mal für „kleine Mädchen“ um die Ecke huschte. Plötzlich war Frauchen weg. Aufgeschreckt ging Lizzy auf die Suche und klapperte in wachsender Panik die Straßen ab, ehe sie einer Frau an der Kurfürstenstraße auffiel, weil sie so ziellos suchend Zickzack lief. Die Frau sprach Lizzy an, lockte sie in einen Laden und rief an beim Ordnungsamt.

Gefunden schon vor der Vermisst-Meldung

Auch Julia Chevallerie wurde nervös, als Lizzy nicht mehr da war und keiner der Passanten, die sie ansprach, das Tier gesehen hatte. 14.14 Uhr griff sie zum Telefon, rief erst ihren Freund an, dann die Polizei: „Die nahmen das auf, wollten es weitergeben. Ich bekam das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.“ Sie postete auf facebook, dass Lizzy weg ist und bekam prompt Antworten. Eine Linda hatte sich sogar schon kurz vor dem Hilferuf gemeldet; sie hatte Lizzy gefunden und das um 14.08 Uhr dem Ordnungsamt mitgeteilt. 14.20 Uhr übernahm eine Amts-Streife das Tier; eine Odyssee begann, die die Hundehalterin zur Verzweiflung trieb.

Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern hatte an diesem vorletzten Schultag alle Hände voll zu tun und nun noch ein ganz anderes Problem, das sie nicht lösen konnte, schon gar nicht telefonisch. Eine halbe Stunde nach Lizzys Verschwinden erfuhr sie beim Ordnungsamt, die Mitarbeiter seien mit dem Hund schon los gefahren zum Tierheim Zossen, dorthin bringt Potsdam Fundtiere wie Lizzy. Sie wollte ihren Hund wiederhaben, flehte, die Männer mögen umdrehen. Ein Ordnungsgeld würde sie ja zahlen, weil Lizzy nicht angeleint gewesen war.

Der Park Sanssouci ist Lizzys liebstes Auslauf-Revier. Quelle: Rainer Schüler

Der Mitarbeiterin im Amt schien ein Abbruch der Aktion wohl machbar, denn sie rief die Männer nochmal an im Auto, doch die weigerten sich umzukehren; sie seien gerade auf die Autobahn geschwenkt. Julia Chevallerie konnte es nicht fassen. 16 Uhr würde das Heim schließen, erfuhr sie im Heim und dass es „mitten im Wald“ liege, schwer oder gar nicht erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Selbst wenn sie selbst ein Auto gehabt hätte, hätte es sie so schnell nicht mehr geschafft. Lizzy –alt, klein und fast schon zahnlos – würde in der Fremde übernachten müssen, allein in einer Zelle, umgeben vom Bellen und Miauen anderer Fundtiere, panisch ohne das Frauchen, dass sie niemals verlassen hätte. Wenigstens konnte Julia die Heimmitarbeiter informieren, dass der zahnlose Hund, den sie einst selbst aus einem Heim geholt hatte, kein Trockenfutter verträgt; er würde es verschlingen und wieder auswürgen.

Hilfsangebote von fremden Menschen

Wildfremde Menschen boten ihr auf Facebook Hilfe an, wollten ihr ein Auto borgen oder sie hinbringen. Die Tierrettung stellte sich für den Transport bereit. „Ich bin ganz sicher nicht die einzige Tierhalterin in Potsdam, die kein Auto hat“, sagt Chevallerie. Letztlich fuhr eine Freundin sie am Mittwochvormittag nach Zossen. „Was war Lizzy froh, als sie mich sah“, berichtet die Besitzerin der MAZ am Mittwochmittag bei der Rückkehr: „Aber die Kleine ist völlig fertig, völlig durch den Wind. Die ist noch niemals weggelaufen, und nun das!“

Julia Chevallerie kann nicht begreifen, warum die Männer zwei Stunden Fahrt in Kauf genommen haben, statt umzukehren: „Sie haben sich Probleme gemacht, dem Hund, dem Heim, dem Amt und mir.“ Ob das nun etwas kostet, weiß sie nicht, aber diese Kosten wären vermeidbar gewesen, findet sie. Das Presseamt der Stadt erklärte am Mittwoch auf MAZ-Nachfrage, der Hund habe kein Halsband mit Namen und Adresse des Besitzers getragen und keine Steuermarke, wie das vorgeschrieben sei.

Ordnungsamt hatte Angst vor Lizzy

Der Hund habe „sehr gestresst“ gewirkt „und erweckte den Eindruck, dass er zuschnappen könnte“, teilte die Stadt mit. Deshalb hätten die Mitarbeiter zu ihrem eigenen Schutz nicht versucht, den Chip auszulesen. Und zum Schutz des Tieres habe man es sofort zum Heim gebracht. „Angesichts der aktuellen Verkehrssituation“ habe man „zum Wohl des Hundes“ die Fahrt nicht abgebrochen. „Der Rückweg hätte länger gedauert als die restliche Fahrstrecke ins Tierheim.“

Auf Facebook ging es wegen Lizzy rund. Rund 80 Prozent Zustimmung habe sie bekommen, erzählt Julia Chevallerie, aber auch 20 Prozent Widerspruch. Der Hund sei ja nicht angeleint gewesen und habe in einem Café gar nichts zu suchen; dort sei es viel zu laut für ihn, das sei der pure Stress. Sie müsse sich nicht wundern, dass Lizzy ausbüchste.

Besitzerin und Amt keine 200 Meter entfernt

Zwischen dem Café und dem Ordnungsamt liegen etwa 200 Meter; in diesem Radius spielte sich das Drama ab. Das ist so, wie man es in Filmen oder der Werbung sieht: Der Abschlepper hat das falsch geparkte Auto aufgeladen; der Besitzer kommt dazu und will die Aktion verhindern, doch der Abschlepper kennt keine Gnade. „Was würden die vom Amt machen, wenn sie ein weinendes Kind ohne Eltern aufgreifen?“ fragt Julia Chevallerie: „Die Mutter kommt dazu und kann doch nicht verhindern, dass sie das Kind ins Heim bringen, in eine fremde Stadt.“ Auch dafür gab es Widerspruch im Netz; man könne sowas nicht vergleichen. „Doch“, sagt Julia: „Für mich ist Lizzy wie ein Kind!“

Der Hund ist gechipt; der Chip verrät dem Amt eine Tier-Nummer. Mit der kann man beim Verein Tasso anrufen oder bei findefix.com, der Webseite des Deutschen Tierschutzbundes, die das Haustierregister ersetzt. Die machen schnell den Besitzer ausfindig; der wird angerufen. „Keine zehn Minuten dauert sowas“, sagt Anke Drohla vom Tierschutzverein Potsdam. Chevallerie zufolge offenbart sogar schon Lizzys Chip die Handynummer der Besitzerin. „Wozu chippe ich den Hund, wenn das nichts nutzt?“ fragt die Besitzerin: „Das Ordnungsamt, dass solche Tiere offenbar immer zuerst aufgreift, muss doch so ein Lesegerät haben!“

Bei Tier-Verlust können Vereine helfen

Melden kann man einen Tierverlust bei Tasso; die haben eine Notrufzentrale, die rund um die Uhr unter 06190 / 93 73 00 erreichbar ist, auch an Sonn- und Feiertagen. Alternativ kann man auch ein Formular zur Meldung vermisster Tiere nutzen. Damit kann man das Tier schnell und einfach vermisst melden, auf der Tasso-Internetseite eine Suchmeldung mit Bild schalten und kostenlose Suchplakate zur Unterstützung der Suche bestellen.

Aufgrund einer möglichen Abzocke rät Tasso davon ab, eigene Suchplakate mit persönlichen Kontaktdaten im Internet zu veröffentlichen. Man möge den Suchplakate-Service nutzen, empfiehlt der Verein: „Lassen Sie sich von uns ein kostenloses Tasso-Suchplakat mit einer Beschreibung und einem Bild Ihres vermissten Tieres erstellen, um die Suche nach Ihrem geliebten Vierbeiner auszuweiten. Wenn Sie bei Ihrer Vermisstenmeldung eine E-Mail hinterlegt haben, erhalten Sie umgehend das dazugehörige Suchplakat, das Sie schnell und einfach bei sich zu Hause ausdrucken können. Zu einem späteren Zeitpunkt können wir Ihnen bereits gedruckte Plakate auch per Post zuschicken.“

Tierhaltern wird geraten, in Tierheimen der Umgebung zu fragen, ob das Tier dort bereits als Fundtier abgegeben wurde. Zudem kann man bei Ordnungsämtern, Fundbüros, Polizeistationen sowie bei Straßen- und Autobahnmeistereien anfragen.Verschwindet der Hund im Beisein seines Besitzers, sollte umgehend nach ihm gerufen werden. Beim Absuchen der näheren Umgebung sind zunächst die Straßen und Wege abzugehen, die das Tier vom täglichen Spaziergang kennt. Nach Möglichkeit sollten mehrere Familienmitglieder gleichzeitig nach dem Hund suchen, auch Freunde und Nachbarn können beteiligt werden. Letztere sollten zumindest einen Hinweis über das Verschwinden des Hundes erhalten, damit sie Bescheid geben können, falls sie ihm begegnen.

Ist der Hund auf dem Land unterwegs, stellen Maisfelder, aggressive Artgenossen und andere Tierarten die größten Gefahren für ihn dar. In der Stadt ist der Hund insbesondere durch den öffentlichen Verkehr gefährdet. Schlimmstenfalls könnte er vor ein Fahrzeug laufen. Eventuell geben Ladenbesitzer, Passanten oder andere Verkehrsteilnehmer erste Hinweise zum Verbleib des Hundes.

Von Rainer Schüler

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