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Potsdam Asyl für die Tauben vom Hauptbahnhof
Lokales Potsdam Asyl für die Tauben vom Hauptbahnhof
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16:06 14.03.2018
Christian Becker mit einem Futtereimer in der Voliere. Quelle: Volker Oelschläger
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Potsdam

Es gurrt. Zuerst nur leise und verhalten, dann lauter und voluminöser. Immer mehr Tauben tippeln und flattern durch die kleine Türöffnung des Schlags hinaus in die Voliere. Eine schwarz-weiß gemusterte mit prächtig aufgestelltem Schwanzgefieder und Federschleppen an den Füßen tänzelt auf der Stange. Christian Becker zeigt auf das Tier: „Wenn die Tauben so gurren und sich drehen, dann sind sie lebhaft und richtig gut drauf.“

Der 69-Jährige, aufgewachsen im sächsischen Mügeln, 25 Jahre als Diplom-Ingenieur im Babelsberger Schallplattenwerk, nach der Wende umgeschult zum Sozialmanager, ist ein Vogelnarr. Die ersten Tauben hielt er schon als Kind. Vor zehn Jahren begann Becker als Mitarbeiter einer „Foqus – Gesellschaft für berufliche Fortbildung, Qualifizierung und Schulung mbH“ unter Beteiligung von Langzeitarbeitslosen mit dem Aufbau von zwei Stadttaubenschlägen. Der ältere steht am Schlaatzweg auf dem Gelände der „Reisevereinigung der Brieftaubenzüchter“, der zweite in der Bruno-H.-Bürgel-Straße in Babelsberg.

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Die Taubenschläge sind ein Asyl für Tiere, die in der Stadt keine Chance mehr hätten, für verflogene, ermattete, verletzte Tauben. Die Meldungen kommen vom Ordnungsamt, vom Tierrettungsverein, von Tierärzten, von Bürgern. „Wenn sich Tauben an Orten eingenistet haben, wo sie nicht sein

Im vergangenen Jahr wurde am Schlaatzweg ein zweites Vogelhaus gebaut. Quelle: Volker Oelschläger

sollen, werde ich informiert.“ Die ersten zehn Tiere hat Becker im Sommer 2007 am Hauptbahnhof eingesammelt: „Das waren Jungtauben, sie saßen dort im Gebälk.“ Einige von ihnen sind noch heute hier, sagt er: „Die da drüben mit den weißen Flügelspitzen, die ist vom Hauptbahnhof.“

Es dauerte, bis sich die ersten Gäste an die Unterkunft gewöhnt hatten. Immer wieder seien die Tauben zum Bahnhof zurück geflattert. Immer wieder habe er sie zum Taubenschlag zurück gebracht, bis sie sich an die neue Futterstelle gewöhnt hatten. Der Trick dieser Stadttaubenschläge ist es, dass die Tiere hier nicht nur Futter, sondern auch Nistmöglichkeiten finden.

Selbstverständlich könne man Tauben auch in der Innenstadt füttern, sagt Becker: „Aber man muss sich darüber im klaren sein, dass sie dann auch in

Eine Taube spaziert durch den mit Fanggabeln geschützten Ausstieg. Quelle: Volker Oelschläger

der Nähe nisten. Sie bekommen bei sechs erfolgreichen Bruten im Jahr vielleicht zwölf Junge, die in der Regel da bleiben, wo sie aufgewachsen sind.“ Auch in Beckers Taubenschlägen legen die Vögel Eier. Doch die werden meist gegen Holzimitate ausgetauscht.

Im Taubenschlag herrschen feste Regeln. Gegen 7.30 Uhr wird erstmals geöffnet: „Dann kommen alle zum ersten Ausflug raus. Gegen 10 Uhr ist die Fütterung und gegen 17 Uhr wird der Schlag geschlossen.“ Nach räuberischen Übergriffen sind die Behausungen mittlerweile gewappnet wie mittelalterliche Burgen. Vor Jahren kroch eine Krähe in den Schlag, hackte sämtliche Eier auf und tötete die Jungvögel. Einmal sauste ein Habicht durch die offene Tür und richtete ein Blutbad an.

Gegen kleinere Räuber wie Ratten und Futterdiebe wie den Sperling schützt Maschendraht, gegen den Fuchs tief ins Erdreich eingegrabenes Gitter. In den Ausflugsluken hängen nun bewegliche Metallstäbe, Becker nennt sie Fanggabeln, die von den Tauben einfach beiseite geschoben, von den Krähen aber als Barriere akzeptiert würden. „Mit Waschbären haben wir noch keine Probleme. Aber wenn die kommen, haben wir hier gar keine Chance mehr.“

Federfüßige Zwerghühner im Taubenschlag. Quelle: Volker Oelschläger

Seit einiger Zeit schon mischt sich in das Gurren des Taubenschlags am Schlaatzweg gelegentliches Gackern und ein spitzer Hahnenschrei. „Vor drei Jahren fanden wir auf unseren Grundstück einen Pappkarton mit vier federfüßigen Zwerghühnern, bei denen wir bis heute nicht wissen, von wem die sind“, erzählt Becker lachend: „Wir haben sie aufgenommen und versorgt, und praktisch sind sie nun immer noch da.“ Und es wurden noch mehr: „Eines Tages habe ich die Hühner gefüttert, und dann waren plötzlich die Küken da.“

62 Tauben sind es jetzt am Schlaatzweg, dazu rund 50 in Babelsberg und die kleine Hühnerschar, die wegen der Vogelgrippe aktuell im Stall verharren muss. Der erste, für zehn Jahre abgeschlossene Nutzungsvertrag für die Grundstücke endet laut Becker am 28. Februar. Doch die Verlängerung nun mit jährlicher Befristung sei bereits geklärt: „Das ist alles schon geregelt.“ Im Schlag nebenan gurrt es leise, als er das sagt.

Immer mehr Stadttaubenschläge

Stadttaubenschläge zur Kontrolle der Population gibt es mittlerweile in vielen Städten. In Berlin hat man Nist- und Futterplätze unter anderem in Reinickendorf, in Spandau, in Schöneberg und am Potsdamer Platz eingerichtet.

Die Potsdamer Stadttaubenschläge sind seit dem vergangenen Jahr kombiniert mit einem von Langzeitarbeitslosen gepflegten Garten am Pfingstberg, der mit Taubenkot gedüngt wird.

Die Ernte des Gartens, der laut Stadttaubenpfleger Christian Becker mittlerweile ebenfalls von der Foqus-Gesellschaft koordiniert wird, kommt gemeinnützigen Projekten wie der Suppenküche oder der Tafel zugute.

Gefüttert werden die Potsdamer Tauben mit einem Gemisch aus Mais, Weizen, Erbsen, Sonnenblumenkernen und Mineralstoffen.

Zu den Angeboten des Potsdamer Stadttaubenschlages zählt, zu Hochzeitsgesellschaften weiße Tauben aufsteigen zu lassen. Bei Taubenfreunden ist das nicht unumstritten, denn nicht immer finden alle Tiere zum heimischen Schlag zurück.

Info: Mehr unter anderem auf www.strassentaube-und-stadtleben.de

Von Volker Oelschläger

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