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Potsdam Außergewöhnlich: Musikalische Zeitreise mit DDR-Hymne und Arbeiterliedern
Lokales Potsdam Außergewöhnlich: Musikalische Zeitreise mit DDR-Hymne und Arbeiterliedern
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08:21 08.09.2019
Das Collegium musicum Potsdam gab ein umjubeltes Konzert im Ex-Offizierskasino Krampnitz Quelle: Röd
Krampnitz

Es war eine musikalische Zeitreise der ganz besonderen Art: Beim Vorabendkonzert zum Tag des offenen Denkmals ließ das Sinfonieorchester Collegium musicum Potsdam eine Epoche wiederauferstehen, die in gewisser Weise erst kurz, aber dann doch wieder sehr lange zurückliegt. Und zwar jene DDR-Jahre, als das Collegium musicum regelmäßig im Offizierskasino Krampnitz konzertierte. Just an jenem Ort also, an dem das Traditionsorchester am Samstagnachmittag wieder vor vollkommen ausverkauftem Haus spielte – allerdings vor gänzlich anderem Publikum. Damals waren es die Soldaten der Sowjetarmee, die in den Stuhlreihen saßen und bei den Klängen von „Kalinka“ mitklatschten und Tränen in den Augen hatten.

Publikum klatscht mit

Auch am Sonnabend wurde unter dem Dirigat von Knut Andreas „Kalinka“ gespielt. Auch diesmal animierte das temporeiche Stück das Publikum schnell zum Mitklatschen. Der Frohsinn verband sich aber sicher bei vielen auch mit Nachdenklichkeit angesichts des Veranstaltungsortes: über die Zeit und ihre Wendungen und vielfältigen Veränderungen. Schließlich fand das Konzert im Casino nicht nur an einem erstaunlichen architektonischen Ort statt, der trotz der jahrelangen Vernachlässigung und der zahllosen Graffiti an den Wänden immer noch die Grandezza vergangener Tage atmet.

Es handelte es sich auch gleichsam um ein kleines historisches Ereignis, frei nach dem Motto „Schwerter zu Taktstöcken“. Denn: „Mit dem ‚Gastspiel‘ des Orchesters’ wird zum ersten Mal überhaupt ein ehemaliges Kasernengebäude in Krampnitz zivil genutzt“, erklärte Bert Nicke, Geschäftsführer des für Krampnitz zuständigen Entwicklungsträgers Potsdam, vor dem Konzert. Das Kasino selbst befindet sich mittlerweile im Eigentum der Deutschen Wohnen.

Blick in den Saal des ehemaligen Offizierskasinos Quelle: Röd

Das riesige, 120 Hektar große Areal hatte unter zwei Diktaturen als Kasernenstandort gedient. Während der Nazi-Herrschaft befand sich hier die Kavallerie- und Panzertruppenschule Krampnitz (Heeres-Reitschule). Im März 1937 legte der Berliner Architekt Robert Kisch die Pläne für die Kaserne in Krampnitz vor. Das Heeres-Neubauamt begann im Frühjahr 1937 mit den Bauarbeiten. Fertig wurde der Komplex wahrscheinlich gegen 1939. Der Umzug der Heeres-Reit- und Fahrschule erfolgte in Etappen und begann bereits 1937 mit dem Lehrstab und wurde 1939/40 abgeschlossen.

Graffiti im Saal des Ex-Offizierskasinos Krampnitz. Quelle: Röd

Damals diente die Kaserne noch der Ausbildung der berittenen und motorisierten Truppen, später der Panzertruppen. 1941 erfolgte die Umbenennung in „Schule für schnelle Truppen“, 1943 gab es eine zweite Umbenennung in „Panzertruppenschule II Krampnitz“. In den letzten Monaten des Krieges diente die Panzertruppenschule zur Aufstellung von motorisierten Einheiten für die Kampfeinsätze um Berlin. Die Kaserne war am 26. April 1945 restlos von Soldaten geräumt. Am 27. April wurde Krampnitz durch die Rote Armee besetzt.

Krampnitz war auch Hollywood-Drehort

Von 1945 bis 1994 wurde die Kaserne durch die Sowjetarmee genutzt, die sie auch um Blocks in Plattenbauweise ergänzen ließ. Der Staketen-Zaun wurde zugemauert und damit blickdicht gemacht. Seit dem Abzug der ehemaligen Sowjetarmee im Jahr 1992 stehen die Gebäude leer. Einzelne Teile wurden für Dreharbeiten von Kino- und Fernsehproduktionen genutzt. So entstand hier im Jahr 2000 der Film „Duell – Enemy at the Gates“, für den auf dem Gelände der Rote Platz in Moskau aus Pappmaschee nachgebaut wrude. Für 180 Millionen Mark drehte Paramount Pictures den teuersten Film, der je in Europa produziert wurde.

Außergewöhnliches Programm

Und nun war am Sonnabend im Kasino wieder „so richtig Musik drin“, wie man so schön sagt. Ein „außergewöhnliches Programm für einen außergewöhnlichen Ort“ hatte Knut Andreas angekündigt. Und tatsächlich: „Hymne an die Repu­blik“, politisches Liedgut sowie Arbeiterlieder, Klangvolles für Betriebsfeiern, aber auch Werke von Hanns Eisler und Kurt Schwaen. Nicht zu vergessen die Hymnen der DDR und der Sowjetunion.

Was hinter der musikalischen Zeitreise steckte? „Es geht hier nicht um den politischen Aspekt, sondern um einen rein musikhistorisch-reflektierenden“, erklärt Knut Andreas: „Der Rahmen ruft regelrecht nach einem ganz besonderen Konzertprogramm.“ Gleichzeitig ist es auch ein Tribut an die Vergangenheit des Collegium musicum. Der Klangkörper befand sich zu DDR-Zeiten in Trägerschaft der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Exkursionen nach Krampnitz waren nichts Ungewöhnliches. Vor dem Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft wurde man per Bus abgeholt und dann direkt vors Kasino gefahren, erinnerte sich das ehemalige Ensemble-Mitglied Barbara Scholz in einem Einspieler.

Blick auf die Vorderseite des Saals des Ex-Offizierskasino beim Konzert des Collegiums musicum Potsdam. Quelle: Röd

Auch Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hat ganz persönliche Erinnerungen an das Gelände, wie er in seiner Begrüßungsrede erzählte. Als Kind konnte er dank einer Mieterin in seinem Wohnhaus – einer Russin, die Beziehungen zum Kasernenstandort hatte – sogar selbst aufs Gelände. Ein „süßes“ Abenteuer, wie Schubert verriet: Anlass des Besuchs war nämlich die Feier des russischen Yolka-Festes, bei dem es in Sachen Süßigkeiten genauso hoch hergeht wie bei unserem Weihnachtsfest.

Von Ildiko Röd

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